06. Juli 2009 Als Stephan Lamby Anfang März mit den Dreharbeiten zu seinem Film Retter in Not: Wie Politiker die Krise bändigen wollen begann, war ihm klar, dass er dieses Mal nicht mit einem festen Konzept arbeiten konnte: Die Ereignisse überschlugen sich, niemand konnte vorhersagen, was in den nächsten Wochen und Monaten passieren würde: Wir haben in eine völlig offene Situation hineingedreht. Dennoch zeigen sich die wichtigsten Akteure der letzten Monate, die Bundeskanzlerin, die Minister Steinbrück, Glos und zu Guttenberg, die Banker Ackermann, Weber und Sanio, vor Lambys Kamera nicht schmallippig oder diplomatisch-verschwommen, sondern erstaunlich präzise, entspannt und offen. Wie stellt man als Filmemacher eine solche Gesprächsatmosphäre her?
Das sei wohl nur zum geringeren Teil sein Verdienst gewesen, sagt Stephan Lamby im Gespräch über seine Arbeit: Es hing vor allem mit der konkreten Situation zusammen: Diese Akteure standen alle seit Wochen unter einer so enormen Anspannung, dass für einige das Schuldgeständnis, das auch für mich sehr überraschend kam, wie eine Entlastung gewirkt hat. Dafür spricht auch, dass niemand Lambys Anfrage ablehnte. Dass Lamby für viele Politiker kein Unbekannter ist, hat ihm die Arbeit erleichtert. Seine Filme über Helmut Kohl, Angela Merkel, Fidel Castro, Henry Kissinger, Stefan Aust oder Oliver Stone haben ihm zahlreiche Preise und viel Anerkennung eingebracht. Lamby gehört zu den angesehensten Vertretern seiner Zunft.
Er ist dafür - und irgendwie dagegen
Aber einen Sendeplatz über 45 Minuten wollten ihm die Hierarchen der ARD dennoch nicht zugestehen. Für das erste Programm musste eine dreißigminütige Fassung erstellt werden. Warum? Ist dem deutschen Fernsehpublikum eine Sendung, in der sich die führenden Politiker und Banker auf bislang ungekannte Weise zu dem aktuellsten und wichtigsten Thema der letzten Monate äußern, nur zuzumuten, wenn sie nicht länger als dreißig Minuten dauert? Natürlich nicht, die Zuschauer würden dieses Thema auch über sechzig Minuten verfolgen, sagt Lamby und verweist darauf, dass er dieselbe Einschaltquote erzielt habe wie die RTL-Trash-Produktion Erwachsen auf Probe. Der größte Unterschied zwischen den beiden Versionen seines Films besteht für ihren Autor darin, dass in der längeren Fassung, die der NDR heute abend ausstrahlt, sehr viel deutlicher wird, wie sehr sich die Politik vor der Krise von der Wirtschaft marginalisiert fühlte: Das wurde, wie manches andere auch, in der kürzeren Fassung nur angetippt. Die Verletztheit der Politiker, von der Lamby hier spricht, gehört zwar der Vergangenheit an. Aber dass dieses Gefühl heute, da etwa 1400 deutsche Unternehmen staatliche Hilfe angefordert haben, bei mancher Äußerung, mancher Entscheidung der Politiker noch nachwirken mag, ist immerhin denkbar. Lamby würde so etwas nie behaupten. Aber er würde seine Zuschauer vermutlich gern dazu bringen, darüber nachzudenken.
Der Film folgt der Chronologie der Ereignisse, aber seine geheime Dramaturgie ist eine andere. Der Filmemacher kommentiert nicht direkt, sondern durch die Montage. Wenn alle Befragten sich eine Mitschuld an der Krise zusprechen und nur die Kanzlerin mit dem Finger auf England und Amerika zeigt, lässt Lamby Merkels Worten Bilder vom Gebäude der deutschen Hypo Real Estate folgen - und deren Zusammenbruch war hausgemacht. Nur im Fall von Wirtschaftsminister zu Guttenberg wird die verbale Zurückhaltung für einen Moment aufgegeben, für einen einzigen Satz, der die Strategie des Ministers genüsslich auf den Punkt bringt: Er ist dafür - und irgendwie dagegen. Lamby hält zu Guttenberg für ein politisches Naturtalent, das es sich leisten könne, Interviews an Orten fortzusetzen, an denen seine Kollegen schwiegen: im Auto etwa, wenn kein Staatssekretär und kein Pressesprecher danebensitzt.
Wir bestehlen die Zukunft
Aber nicht nur zu Guttenberg hat für Stephan Lamby bereitwillig den künftigen Verlauf der Krise skizziert. Wo sonst, wenn es um Prognosen geht, stets äußerste Vorsicht waltet, quietscht nun mal flott, dann eher krakelig der Filzstift über das Papier. Einige Akteure hat Lamby ihre Krisenkurven drei- oder viermal zeichnen und präsentieren lassen, bis er mit der Szene zufrieden war: Die hatten Spaß dabei und haben gemalt wie die Kinder. In zwanzig und dreißig Jahren werden die Kinder von heute fragen, warum sie noch immer für das bezahlen sollen, was jetzt angerichtet wird. Wir kaufen ihnen Zeit, sagt Peer Steinbrück im beklemmendsten Augenblick des Films. Steinbrück meint die Zeit, die das Instrument der Bad Banks den Finanzinstituten verschafft. Unfreiwillig benennt er damit aber auch den entscheidenden Mechanismus, der dem gesamten aktuellen Krisenmanagement zugrundeliegt: Wir bestehlen die Zukunft.
Retter in Not: Wie Politiker die Krise bändigen wollen läuft am Montag um 23.15 Uhr im NDR-Fernsehen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: NDR/ECO Media