Fernsehfilm „Ein Dorf sieht Mord“

In unnütz strahlender Heide

Von Michael Hanfeld

“Ein Dorf sieht Mord“: Lavinia Wilson und August Zirner

"Ein Dorf sieht Mord": Lavinia Wilson und August Zirner

30. November 2009 Eine junge Frau und ein Ort voller Geheimnisse: Schöne Bilder soll die Fotografin Lotte Feininger (Lavinia Wilson, Lavinia Wilson im F.A.Z.-Porträt: Man will ja nicht nur Sympathen spielen) schießen, auf dass das vergessene Dorf im Wendland schöner und für den Fremdenverkehr geeignet erscheine. Der Bürgermeister Franz Wellbrock (Thomas Thieme) hat sie engagiert, doch das wird er bald bereuen. Denn kaum hat die biestige Schöne die ersten beiden Objekte ihrer vorgeblichen professionellen Begierde abgelichtet, sind sie tot. Einen Unfall und noch einen Unfall sollen der Landarzt und der Dorfpolizist notieren, zwei Morde, die passten nicht ins Bild.

Bald soll sich zeigen, dass die Taten zwar mit Lotte Feininger zu tun haben, von ihr begangen sein könnten, aber nicht müssen. Auch wird sich erweisen, dass sie um der Fotos willen nicht gekommen, ja nicht einmal die ist, als die sie sich ausgibt. Der seit Jahren schreibblockierte Autor Martin Selig (August Zirner) kommt ihr auf die Schliche, verfällt ihr aber sogleich. Der Pfarrerin Maria Bonk (Corinna Harfouch) hat Selig den Schlüssel zu seinem schönen Bauernhaus noch nicht gegeben, obwohl sie seit Jahren liiert sind, Lotte Feininger marschiert zielstrebig-zerbrechlich durch die offene Tür. Derweil sehen wir einen Dunkelmann durchs Dorf und den Bürgermeister fremdgehen, dessen sechster Sprössling gerade getauft ward. Die Witwe des toten Automechanikers nimmt er, kaum dass der Leichnam des Freundes abgeholt worden ist. Sie alle, lernen wir, hat es vor knapp dreißig Jahren aus demselben Grund hierher verschlagen. Als Bürger der „Freien Republik Wendland“ wollten sie das Atomendlager Gorleben verhindern. Das scheinen sie verdrängt oder vergessen zu haben, unter der Idylle rumort der strahlende Müll.

Meisterhafter Erzähler

Die Besetzung ist vortrefflich, die Regie von Walter Weber routiniert, die Kamera von Volker Tittel fängt die starken Bilder aus Wald und Flur ein, wegen deren die Fotografin Lotte Feininger angeblich gekommen ist. Und doch ist erstaunlich, dass der niederländische Schriftsteller Marten 't Hart sein Einverständnis gegeben hat, dass sein Roman, der in Deutschland unter dem Titel „In unnütz toller Wut“ erschien, dem Buch von Thomas Oliver Walendy zu diesem Fernsehkrimi leitmotivisch als Vorlage diente. 't Hart ist ein meisterhafter Erzähler der Zwischentöne, er ergeht sich in fein ziselierten Betrachtungen von Fauna und Flora, beschwört die Kraft der Musik und schildert das Abgleiten eines ganzen Dorfes in die Paranoia, und für seine Geschichte gibt es sogar ein reales Vorbild. Marten 't Harts Fotografin heißt Lotte Weeda und stammt aus Indonesien, zweihundert Menschen porträtiert sie für einen Fotoband in dem kleinen Dorf Monward. Nach dem Erscheinen segnet einer der Abgebildeten nach dem anderen das Zeitliche. Dass das mit natürlichen Dinge zugeht, mag keiner glauben im Dorf. Doch gibt es niemanden, der Hand an die Herrschaften gelegt hätte.

In „Ein Dorf sieht Mord“ aber legt jemand Hand an, und die Geschichte ist keine allgemein gehaltene Allegorie auf die Verfasstheit der Gesellschaft und die Rolle der Religion, wie man sie bei 't Hart finden kann. Es ist eine handelsübliche Geschichte von Liebe, Freundschaft und Verrat und eine unmissverständliche, bisweilen plakative Abrechnung mit der Atomindustrie und denjenigen, die den Widerstand im Wendland brachen. Das nimmt dem Film nichts von seiner Qualität, mit Marten 't Hart, der selbst genauso zurückgezogen auf dem Dorf lebt wie seine erzählende Figur, hat das auch vom Motiv her kaum etwas zu tun, allenfalls der formalen Anordnung nach.

„Ein Dorf sieht Mord“ läuft an diesem Montag um 20.15 Uhr im ZDF.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Stephan Rabold

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