Von Stefan Niggemeier und Peer Schader
08. Dezember 2008 Es ist nur ein Gerücht, dass ZDF und RTL am Sonntagabend Jahresrückblicke ausgestrahlt haben. Im ZDF lief eine XXL-Version der Talkshow Johannes B. Kerner, RTL zeigte eine Art Stern TV Ultra. Deshalb ist es auch müßig, den Sendern vorzuwerfen, das Jahr vorzeitig zu bilanzieren. Die Beliebigkeit dieser Shows ist so groß, dass sie zu jeder Jahreszeit laufen könnten, es hat sich halt eingebürgert, sie zufällig im Dezember auszustrahlen.
Man würde aufgrund dieser Sendungen nicht ahnen, dass 2008 das Jahr war, auf das man in der Zukunft als den Beginn einer globalen Finanzkrise ungeahnten Ausmaßes zurückblicken würde. Und das Jahr, in dem die Welt gebannt den amerikanischen Vorwahlkampf wie eine Seifenoper verfolgte, und hingerissen war von der Hoffnung, die ein schwarzer Kandidat verbreitete, der nachher auch noch Präsident wurde. Schließlich war es - zumindest für RTL - auch das Jahr, in dem eine Frau eine Gabel verschluckte, ein Mann an einer Jahrmarktattraktion vorübergehend in eine gefährliche Situation geriet und die Mutter der Sängerin Sarah Connor mit 50 Jahren noch Zwillinge bekam.
Die Anlässe für die Gespräche vergessen
Dabei war die Betonung des Boulevardesken, des Menschelnden gar nicht das Problem. Die steckt ja schon in den Titeln: Menschen 2008 (ZDF) und 2008! Menschen, Bilder, Emotionen (RTL). Das Problem war, nicht noch einmal die Ereignisse zu zeigen, die uns in den ersten elf Monaten dieses Jahres bewegt haben. Sondern noch einmal darüber zu reden.
Dabei ist zum Beispiel über Olympia und die Fußball-EM in der Erinnerung schon so viel geredet worden, dass man sich an die eigentlichen Anlässe für die Gespräche kaum noch erinnern kann. Trotzdem müssen die beteiligten Sportler nun erneut erzählen, wie das damals war, wie sie sich gefühlt haben, ob sie mit dem Sieg oder der Niederlage gerechnet haben, wie es ihnen damit ergangen ist. Gewichtheber Matthias Steiner jedenfalls hat das in diesem Jahr schon gefühlte hundert Mal machen müssen - und jetzt eben noch einmal im ZDF erzählt, wie er sich dazu entschied, bei der Olympia-Siegerehrung das Bild seiner verstorbenen Frau in die Kameras zu halten. Ich hab's ja bei der Europameisterschaft schon genau so gemacht - da hat's nur keiner gesehen, sagt Steiner. Dazu fiel dann auch Kerner nichts mehr ein.
Der kurze Ausschnitt von Britta Steffen, wie sie nach dem Sieg der Gold-Medaille vor der Fernsehkamera fassungslos heult und heult und grüßt und heult, weckte in wenigen Sekunden genau die Emotionen, die das lange und unüberraschende Gespräch mit Jauch bei RTL nicht wachrief. Routiniert und kaum interessiert las Jauch auch die Fragen für die übrigen Gäste von seinen Kärtchen ab. Spaß machte nur die Formel-1-Entdeckung Sebastian Vettel, der mit seinem Rennwagen beim Reinfahren so dicht an den ersten Reihen vorbeischrammte, dass die Leute wie beim Staubsaugen zuhause die Füße hochgenommen haben, und beim Rausfahren nochmal extra Krach machte, dass es dem Studiopublikum sichtlich die Gehirnwindungen neu sortierte. Auf Jauchs Frage, warum seine Freundin nicht bei den Rennen dabei sei, erwiderte er mit großer Natürlichkeit: Das ist ja mein Büro, und wer nimmt schon seine Freundin mit ins Büro?
Das ZDF: Verlässlich beim Überziehen
Thomas Beatie war ein anderer Gast, der in Erinnerung blieb - gerade weil Jauch ihn nicht als Kuriosität vorstellte. Der Mann, der früher eine Frau war, aber nach seiner Geschlechtsumwandlung noch ein Kind bekam, erschien im Gespräch einfach wie ein Familienvater mit der Möglichkeit, schwanger zu werden - im Gegensatz zu seiner Frau.
Dass RTL und ZDF ihre Shows aufgrund eines kindergartenhaften Trotzes gleichzeitig ausstrahlten, macht einen direkten Vergleich zwischen ihnen geradezu zwingend (Das Fernsehblog live: Jauch gegen Kerner, ZDF gegen RTL). Und so erstaunlich es ist, dass das öffentliche-rechtliche und das private Fernsehen zwei Shows ausstrahlen, die sich so ähnlich sind - so deutlich wurden an diesem Abend auch die Unterschiede. Die RTL-Show spielte in einem viel größeren Maße im RTL-Universum und bemühte sich viel weniger um eine Illusion von Vollständigkeit oder Relevanz.
Aufs ZDF war derweil Verlass. Zumindest beim Überziehen. Wie im Vorjahr schaffte Johannes B. Kerner mit seiner Menschen-Sendung eine halbe Stunde - ohne dass es dafür einen Grund gegeben hätte. Dass Menschen 2008 im direkten Vergleich zur RTL-Konkurrenz eher nach Jahresrückblick aussah, lag vor allem an den Einspielern, in denen Passanten in der Fußgängerzone wieder die Hits des Jahres nachsingen durften, an verstorbene Prominente erinnerte wurde und im Schnelldurchlauf aufgelistet, was uns dieses Jahr bewegt hat.
Kerner, Kahn, Kanzler
Die Wahl in Amerika war's offenbar auch fürs ZDF nicht, ebenso wenig wie der Konflikt im Kaukasus oder ein anderes politisches Ereignis, und da passte es wohl ganz gut, dass Andrea Ypsilanti, die mal für die Sendung angekündigt war, offenbar abgesagt hatte. Was hätte sie auch sagen sollen, das sie noch nicht verraten hat, als sie vor einem Monat in Kerners regulärem Talk zu Gast war. Die größten Stars im Zweiten hießen also: Charlotte Roche, Udo Lindenberg, Bastian Schweinsteiger, Jens Lehmann und Oliver Kahn, den sein neuer Kollege Kerner so überschwänglich ankündigte als müsse er nach dem Ende seiner Torwartkarriere mindestens Bundeskanzler werden.
Marcel Reich-Ranicki wurde von Kerner per Schaltung noch einmal gefragt, ob er den von ihm abgelehnten Deutschen Fernsehpreis nicht doch entgegen nehmen wolle (wollte er aber nicht) und durfte nachher Roches Buch Feuchtgebiete als völlig literarisch wertlos kurzrezensieren, was die Autorin ganz offensichtlich zu verschmerzen wusste.
Schließlich konnte auch das ZDF nicht auf die Menschen verzichten, die 2008 für einen Moment im Rampenlicht standen, weil ihnen etwas Besonderes oder etwas Erschreckendes passiert ist. Rentner Bruno Nowak, der in der Münchner U-Bahn brutal zusammengeschlagen wurde, gehörte dazu, ebenso wie die zehnjährige Nujood Ali aus dem Jemen, die von ihren Eltern an einen zwanzig Jahre älteren Mann zwangsverheiratet wurde und vor Gericht die Scheidung erzwang, weil sie damit allen Traditionen zum Trotz nicht einverstanden war. Es stimmt ja, dass diese Menschen interessante Gesprächspartner sind - aber tatsächlich könnte Kerners Jahresrückblick auch einfach Menschen heißen und im Februar oder im April laufen.
Das Jahr Null-Acht hat's echt gebracht. Voll Katapult, fasste Lindenberg kurz vor Schluss im ZDF zusammen. Schade, dass davon im Fernsehen so wenig zu merken war. Der Jahresrückblick des Jahres kommt ohnehin erst morgen. Am Dienstag um 21.15 Uhr blicken die Parodisten von Switch Reloaded auf Pro Sieben auf das Fernsehjahr zurück. Und das dauert dann wenigstens nicht dreieinhalb Stunden.
Quotensieger Jauch
Günther Jauch hatte mit seinem 2008! Menschen, Bilder, Emotionen auf RTL die Nase vorn: Er erreichte 5,74 Millionen Zuschauer (Markanteil 19,2 Prozent). Kerner kam im ZDF auf 5,10 Millionen (17,3 Prozent). Bei den Vierzehn- bis Neunundvierzigjährigen erreichte Jauch einen Marktanteil von 24,4 Prozent, Kerner 12,8 Prozent.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa, ProSieben/Peter Boettcher