Rekordversuch bei Pro Sieben

Ein Kipp-Roll-Fall-Debakel

Von Peer Schader

Die Moderatoren: Sonya Kraus und Matthias Opdenhövel

Die Moderatoren: Sonya Kraus und Matthias Opdenhövel

07. Juni 2009 Das Schlimmste an Partys ist, am anderen Morgen in einem furchtbaren Durcheinander aufzuwachen und das beseitigen zu müssen, womöglich ohne seinen Rausch ausgeschlafen zu haben. In dieser Hinsicht sind die Leute von Pro Sieben an diesem Sonntag nicht zu beneiden: Ihre Party in Köln-Hürth war 45.000 Quadratmeter groß - dekoriert und zusammengetüftelt für nur einen Abend, an dem alles live im deutschen Fernsehen umgekippt, angeschmiert und abgefackelt wurde. Was für ein Schlachtfeld! Der Kater der 300 Beteiligten muss enorm sein. Denn Gründe zum Trinken gab es am Samstagabend zuhauf.

„Die längste Kettenreaktion der Welt“ hatte Pro Sieben auslösen wollen, um damit ins „Guinness-Buch der Rekorde“ zu kommen. Diese Chance ist vertan. Aber vielleicht reicht es noch für einen Eintrag in der Rubrik „Längste Pannenshow der Welt“: denn beim vierstündigen „Kipp-Roll-Fall-Spektakel“ ist am Samstag wirklich alles schief gegangen, was schief gehen konnte. Ein Kipp-Roll-Fall-Debakel.

Mit den Cheerleadern und Rockern war alles verloren

Bei den Proben hat alles einwandfrei geklappt: Auto-Domino

Bei den Proben hat alles einwandfrei geklappt: Auto-Domino

Einen ganzen Studiokomplex hat Pro Sieben mit Kettenreaktionen zubauen lassen, die ineinander greifen sollten, um so den bisherigen Weltrekord zu schlagen, bei dem in einer laufenden Reaktion 28 Minuten am Stück nicht eingegriffen werden musste. Ausgerechnet mit den größten Utensilien gab es die wenigsten Probleme: Die senkrecht auf den Kofferraum gestellten Abwrackautos kippten um wie Dominosteine, in einem angehobenen Flugzeug rollte der Servierwagen mühelos den Mittelgang hinab, und ein Seelöwe namens Paul löste mit seinem Tauchgang in einem großen Becken den Impuls für ein Miniaturflugzeug aus. Der Fehlerteufel steckte eher im Detail: Bierflaschen wollten nicht so kippen, Zündschnüre nicht zünden, kleine Bälle nicht ordnungsgemäß rollen.

Dass es in dem zehn Themenwelten umfassenden Aufbau nicht ganz ohne unerwartete Stopps gehen würde, wussten die Beteiligten vorher. Aber schon bei der zweiten Station, die von den Studenten der Sporthochschule Köln aufgebaut worden war, hakte es gleich mehrere Male. In der Bergwelt mit der Skisprungschanze gab es die ersten großen Pleiten, bei denen eingegriffen werden musste - und als dann in der Halle die Cheerleader und die Rocker dran kamen, war alles verloren.

„Bei den Proben hat es einwandfrei funktioniert“

Alle paar Sekunden musste ein Mitarbeiter eingreifen, um die Kettenreaktion wieder in Gang zu bringen, während die am Bildschirmrand mitlaufende Uhr, die die Dauer für den Weltrekord messen sollte, permanent auf Null gesetzt wurde. Am Regen und am Wind könnte es gelegen haben, versuchte der Kommentator die vielen Missgeschicke auf dem Außengelände zu erklären, und als es dann in der Halle nicht besser lief, hieß es, das passiere, „wenn sich die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit ändert“. Der häufigste Satz des Abends war: „Bei den Proben hat es einwandfrei funktioniert.“

Vor dem Fernseher mochte man sich am liebsten die Augen zuhalten, um den Teams nicht ständig beim Scheitern zusehen zu müssen - was für ein Unglück! Denn dass Pro Sieben eine neue Idee ausprobiert und dann so abgestraft wird, hat der Sender nicht verdient, zumal die Experimentierfreudigkeit des deutschen Fernsehens sonst arg eingeschränkt ist.

„Gute Besserung an unsere Patienten“

Und die Idee war nun mal wirklich gut. Nicht nur wegen der riesigen Kettenreaktionen, sondern auch, dass für die Aufbauten ganz unterschiedliche Gruppen beauftragt wurden: die Motorrad-Gang Lucifer's Dragon, die eine „Mädchenwelt“ zusammentüftelte, die Bewohner der Insel Juist, die ihre Heimat in Miniaturform nachbauten, genauso wie die Pfadfinderkinder, die am Ende Luftballons mit ihren Wünschen automatisch in den Himmel schicken ließen.

Dem Sender wäre genauso gut zuzutrauen gewesen, dass er die Stationen an Werbepartner verkauft, die überall ihre Logos dranhängen - stattdessen stellten die Studenten der Hochschule für angewandte Wissenschaften und Kunst in Hildesheim mit komplizierten Apparaturen den Ablauf eines Studentenlebens zusammen und können sich dafür tatsächlich „Credit Points“ für ihr Studium anrechnen lassen. Und die Mitarbeiter der Städtischen Kliniken Köln nutzten ihre Chance sogar, um ein politisches Statement loszuwerden - indem sie einen Parcours nachbauten, der eine Patientenbetreuung im Krankenhaus ohne angemessen bezahlte Beschäftigte simulieren sollte. So gesellschaftsrelevant ist Pro Sieben sonst selten.

„Gute Besserung an unsere Patienten“, jubelten die Schwestern in die Kamera, obwohl auch bei ihnen einiges schiefging. Und allein schon wegen der unfassbaren Euphorie der Beteiligten, die an jeder Station zu spüren (und zu hören) war, mag man Pro Sieben „Das Kipp-Roll-Fall-Spektakel“ nicht um die Ohren hauen.
Dabei gäbe es auch ohne die Pannen genug Gründe dafür. So nachvollziehbar die Kettenreaktionen auf dem Gelände auch gewirkt haben mögen - im Fernsehen ließ sich davon nicht viel vermitteln. Die meisten Bauten waren derart kompliziert und unübersichtlich, dass die Kamera kaum mitkam. Wo ist jetzt was hin gekippt? Wie ist der Schalter ausgelöst worden? Was passiert als nächstes? Der Kommentator muss am Ende klitschnass geschwitzt gewesen sein, weil es eine unmögliche Aufgabe war, gleichzeitig zu erklären, was passieren sollte - und warum es nicht passiert. Die versammelte Pro-Sieben-Moderatorenriege - Stefan Gödde, Sonya Kraus und Matthias Opdenhövel - versuchten, die Situation mit Ironie zu retten.

Eindeutiger geht es eigentlich nicht

Wenigstens am Flughafen Köln-Bonn, der Zwischenstation mit dem heikelsten Versuchsaufbau, klappte alles reibungslos: Ein automatisch ausgelöster Handyanruf schickte die Kofferkette los, Paketbänder sprangen an, Löschfahrzeuge schossen Wasserfontänen durch die Nacht und die Kamera raste durch zwei Boeings, von der eine erst gegen 20 Uhr am Flughafen angekommen war und danach gleich wieder abheben sollte, bis zum Schluss tatsächlich fast 12 Minuten am Stück durchgehalten waren - auch wenn das nicht lange hielt. 19 Minuten und 42 Sekunden sei die längste Zeit gewesen, die am Abend geschafft wurde, bilanzierte Moderator Opdenhövel am Ende der Show mit einstündiger Verspätung und forderte die Zuschauer auf, sich schon mal fürs nächste Jahr zu bewerben.

Bei allem Respekt für die tolle Idee und die viele Arbeit: Man muss auch wissen, wann man sich geschlagen geben muss. Eindeutiger als am Samstag geht es eigentlich nicht.

Quoten-Trostpflaster für Pro Sieben

Mit seinem „Kipp-Roll-Spektakel“ hat Pro Sieben die Zuschauer neugierig gemacht: Trotz zahlreicher Pannen schauten am Samstagabend 2,28 Millionen Menschen (ab 3 Jahren) zu. Der Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe lag bei 18,1 Prozent - kein schlechter Wert, obwohl der dafür getriebene Aufwand natürlich enorm war. Konkurrent RTL erreichte mit dem Film „Catwoman“ ab 20.15 Uhr nur einen geringfügig besseren Marktanteil von 19,4 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen. Beim Gesamtpublikum war „Verstehen Sie Spaß...?“ im Ersten Sieger des Abends: 5,21 Millionen Menschen sahen insgesamt zu. (psr.)

Bildmaterial: Pro Sieben/Willi Weber, ProSieben/Willi Weber

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