04. Juni 2009 Ist das nicht herrlich dekadent, Darling?, plappert Sally Bowles und wedelt dem verklemmten amerikanischen Jungautor Brian Roberts die giftgrün lackierten Fingernägel vors Gesicht. Wildfremde, werden sie kurz darauf ein Paar und vier Monate später wieder Fremde sein: So beginnt Cabaret, das legendäre Filmmusical über Berlins Veitstanz kurz vor dem Januar 1933, und über die Tingeltangelsängerin Sally, die jeden Darling nennt; den einen, weil er für Liebesdienste zahlt, den anderen, weil sie ihn mag, den Rest nur so. Bis zum Ende bleibt offen, ob sie die aus der Art geschlagene englische Diplomatentocher ist, als die sie sich bezeichnet, oder nur eine ausgekochte Berliner Pflanze.
Gewachsen ist diesem Geysir aus Berechnung, Impulsivität, Traumtänzerei, Ignoranz, Torheit und Lebensklugheit nur Fritz Wendel, ein waschechter Berliner Jude, der von ihr zwecks Schiebereien Englisch lernt. Gespielt wurde diese erst zwielichtige, dann rührend deutsche Kleiner Mann was nun-Figur von Fritz Wepper. Arte flog ihn jetzt für die Serie Durch die Nacht mit . . . nach New York, zu Liza Minnelli, alias Sally Bowles: Kaum betritt er die Chelsea-Studios, wo sie eine Revue probt, umhalst sie ihn juchzend. Darling, so nice to see you! Darling wird sie ihn im Lauf der Nacht an die hundertmal nennen. Die Hände - keine Spur von Grün - bleiben zunächst auf seinen Schultern. Anfangs, weil sie ihm immer wieder küssend um den Hals fällt, dann, weil sie Halt sucht.
Unterkörper an Unterkörper
In ihre spitzen Begrüßungsschreie, tiefen Seufzer und dröhnenden Lachsalven mischt die Diva die Aufforderung, Fritz möge ihren Tanzpartner geben. Der grauhaarige, hager-wendige Regisseur Ron Lewis nickt Einverständnis, und schon tanzt Wepper mit Minnelli eine glänzende Hip-Hop-Version des uralten, raffiniert vulgären Schiebers - cheek to cheek und Unterkörper an Unterkörper.
Das Programmheft muss her. Es ist unter Garantie das gleiche, das zu Minnellis Deutschland-Tournee erscheinen wird, der Artes Nacht auch dient. Pflichtgemäß bewundert Fritz Wepper die Hochglanzfotos. Auf ihnen sieht Liza Minnelli, deren im Trainingsstudio ungeschminktes (was man als bemerkenswert uneitel registriert) Koboldgesicht die Anstrengung verrät, mindestens zwanzig Jahre jünger aus. Du bist wirklich zwischen Scheinwerfern und Kulissen aufgewachsen, kommentiert Wepper ein Kinderfoto des Stars, auf dem auch der Vater Vincente Minnelli zu sehen ist. Ja, sprudelt die Sängerin, und sie habe Gershwin gekannt, überhaupt alle Showgrößen, die am Broadway, in Vegas und Hollywood Amerikas Revuen und Musicals zu Jahrhundertspektakeln machten.
Wepper entpuppt sich als Kunstliebhaber
Ausgiebig von ihrem Vater schwärmt sie im sagenumwobenen Rainbow Room im 65. Stock des Rockefeller Center. Prächtigstes Art déco, von Papa entworfen, er konnte alles, wirklich alles, wunderbar gedämpftes Schmeichellicht, rundum glitzert Manhattan. Liza Minnelli bewegt sich, als gehöre sie, was ja auch so ist, nirgendwo anders hin. Nur die Hände sprechen inzwischen ihre eigene Sprache. Sie zittern gelegentlich, greifen immer wieder nach Fritz Wepper oder fahren in die eigenen, seit Cabaret obligaten Stirnfransen. Am Times Square, als sich Trauben um das Paar bilden, geht ein Ruck durch die Frau. Auf jeden Zuruf hat sie eine passende schallende Antwort. Der Ton zwischen den Fans und ihr ist locker, manchmal derb, als grüße man die lange nicht gesehene Nachbarin. This is Fritz, a star in whole Europe, schmettert sie. Irritiert wird der Deutsche angeschaut. Cabaret, you remember?, erklärt Liza Minnelli. Wepper bleibt gelassen.
In der Wohnung des Galeristen Alberto Mugrabi - im Flur empfängt nicht Warhols berühmtes Liza-Minnelli-Porträt, sondern das ihrer Mutter Judy Garland - entpuppt sich Fritz Wepper als Kunstliebhaber. Unter dem My God und Oh goodness der nervös Warhol abschreitenden Liza Minnelli erklärt er seine Vorliebe für Mark Rothko. Sie - es wäre mir eine Ehre, hingen hier noch mehr Warhols von Mum and Dad - lehnt charmant entschieden Mugrabis Angebot ab, weitere Gemälde zu zeigen.
Sally Bowles, die es geschafft hat
Wieder im Auto, sprichtsingt die Diva New York, New York, das jeder Frank Sinatra zuschreibt, aber sie als Erste sang. Das war in einem gleichnamigen Filmmusical mit Robert de Niro, einem der vielen nur mäßig geglückten Versuche, an den Cabaret-Triumph anzuknüpfen. Sally Bowles, mit einem Oscar gekrönt, wurde Glück und Fluch. Wenn Fritz Wepper im Gespräch über die gemeinsamen Dreharbeiten - It was wonderful, wonderful, stöhnt sie - auf die erste Heirat des Stars zu sprechen kommt, fragt sie augenkullernd: Welcher meiner Männer? Als stünde sie auf der Bühne des Berliner Kit-Kat-Clubs. Später essen sie in einem kleinen französischen Restaurant. Charles Aznavour, erzählt die Minnelli, sei in Paris mit dem Diktum, jedes Lied fordere eine andere Persönlichkeit, ihr bester Lehrmeister gewesen: I am not singing, it's the character, that sings. Die Frau, die, mal Matrone, mal Mädchen, Zicke, Kumpel, Lady, um Fritz Wepper irrlichtert, hat sich in sechzig Jahren Showbusiness zwischen den Charakteren verloren. Oder sie ist, was auf das Gleiche hinausläuft, Sally Bowles, die es geschafft hat.
Fritz Wepper erzählt vom schlimmsten Satz seiner Karriere. Nach Cabaret und kurz vor dem Stigma Harry, hol schon mal den Wagen bei Derrick traf er einen amerikanischen Agenten. Der bot ihm eine Theaterrolle am Broadway, eine Filmrolle in Amerika, eine in Kanada. Wepper erwähnte deutsche Verpflichtungen. Okay, forget it, sagte der Agent, stand auf und ging. Harry als Broadwaystar? Dem Fritz Wepper, den man bei Arte sieht, ist das zuzutrauen. Zeitweise der heimliche Star der Begegnung, führt er die Diva souverän durch die Nacht, pariert gelassen höflich Zwischenrufe, Überraschungen, Pannen, bewegt sich in New York, wo er noch nie war, als täte er's allnächtlich.
The show must go on
Was bleibt von dieser Nacht? Der Eindruck, durch Liza Minnelli in die Seele des amerikanischen Showbusiness geschaut zu haben, wo Leben und Kunst eins sind, kein Unterschied zwischen echten und Glyzerintränen besteht, die größte Lüge zugleich ungeschminkte Wahrheit ist. Damit erweist das ausgelaugte Klischee vom American way of life noch Gültigkeit. Denn ob die Töchter Barack Obamas ihre antiallergenen Hunde vor den Augen der interessierten Nation herzen, Bill Clinton zerknirscht Cunnilingus als seine Verfehlung umschreibt, Minnelli ihre Heiratsneurose bewitzelt, während ihr Panik in den Augen sitzt, oder ein abgerissener Passant so generös, als besäße er New York, den No name-Schauspieler Wepper am Times Square begrüßt - überall, verwundert und stellvertretend für uns von Fritz Wepper beobachtet, lautet die Grundregel The show must go on.
Follow me, I'm right behind you, Darling, sagt Wepper, als sie das Restaurant verlassen, ein ironischer fürsorglicher Fritz Wendel. Dann verschwinden beide in der Nacht. Ein letztes wedelndes Fingerspreizen von ihr. Genauso verabschiedet Sally Bowles am Ende von Cabaret die Zuschauer.
Durch die Nacht mit - Liza Minnelli und Fritz Wepper läuft heute um 23.30 Uhr auf Arte.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: © avanti media/Boris Fromageot/W, CINETEXT