Steinmeier bei Will

Die Würde des Kanzlerkandidaten ist antastbar

Von Jürgen Kaube

Musste sich einiges gefallen lassen: Frank-Walter Steinmeier auf dem Weg zu Anne Will

Musste sich einiges gefallen lassen: Frank-Walter Steinmeier auf dem Weg zu Anne Will

08. Juni 2009 An einer Stelle ihrer Sendung versuchte Anne Will, wie sie dem Kanzlerkandidaten der SPD, Frank Walter Steinmeier mitteilte, „ranzukommen an Ihren Gefühlszustand“. Sehen wir einmal von der Unverschämtheit ab, die das war: Wie mag er gewesen sein, dieser Zustand? Gequält ob der immergleichen Fragen? Entnervt ob der immergleichen Phrasen, auf die zuzusteuern der Fernsehjournalismus diesen Typs offenbar für seine Pflicht hält? Oder voller Verachtung für ein Gewerbe, das mit Journalismus so viel zu tun hat wie Werbung mit Information?

Anne Will hat eine Sendung, die vorgibt, der politischen Information zu dienen, die aber vor allem dazu dient, ihresgleichen zu bewerben. Sie befragt Herrn Steinmeier angeblich, weil es „die Menschen“ in der Wirtschaftskrise interessiert, von wem sie wie regiert werden und weil die Lage ernst ist. Was aber tut Frau Will, deren süffisante Mimik wenig von einer ernsten Lageeinschätzung und von Interesse an Sachfragen kündet? Sie lässt Filmchen drehen, die den Menschen, der vor ihr sitzt, diskreditieren sollen.

Vor Kameras hat offene Missachtung keine Grenzen

Seine eigenen Leute trauten ihm nichts zu, soll das eine Filmchen vermitteln. Mit wie vielen SPD-Leuten aber musste gesprochen werden, um vier skeptische Stimmen, ob Steinmeier zum Kanzler tauge, zu bekommen? Und was tut die Erwartung, ein Kanzler müsse Charisma haben - so ein Charisma wie das von Merkel, Schröder, Kohl, Schmidt, Kiesinger, Erhard, Adenauer? -, zur Sache? Nein, in der Sache will Frau Will gar nichts wissen, sie will nur sicherstellen, dass sie dem Kandidaten ordentlich zugesetzt hat und dazu genügen ihr Pseudo-Umfragen solcher Art. Das andere Filmchen, das Frau Will als „ein bisschen frech“ ankündigt, versucht denjenigen, den sie zu befragen vorgibt, lächerlich zu machen. Als „Frank Walter Superman“ darf er sich darin karikiert sehen, eine Witzfigur, die nach unfreiwillig komischem Heldentum durch Rettung von Arbeitsplätzen strebt.

Schade, dass Politiker an dieser Stelle nicht über die Möglichkeit verfügen zu sagen: „Das muss ich mir nicht gefallen lassen“ und das Studio zu verlassen. Aber offene Missachtung hat keine Grenzen, wenn sie vor Kameras erfolgt. Das gilt auch für die Funktionalisierung des Volks. Denn nachdem Steinmeier sich mit irgendeinem Jungunternehmer über die Opel-Sache unterhalten durfte, setzte ihm Frau Will schließlich irgendeinen Arbeitslosen vor, damit das Ganze mit einem „human touch“ endete, was es prompt auch tat. Und als Steinmeier ankündigt, dem Mann könne geholfen werden, fällt Frau Will ein, das sei ja auch schön für ihre Sendung.

Zum Thema

Um uns recht zu verstehen: Vieles von dem, was Steinmeier zur Krise sagte, zur Rettung von Opel und eventuell Karstadt, zu Mindestlöhnen und Insolvenzen und der Agenda 2010 war, vorsichtig formuliert, diskussions- und fragwürdig. Aber nichts davon hätte man in dieser Sendung diskutieren und befragen können. Nicht einmal mit einem so sachlichen, jeder Show abholden Politiker wie Steinmeier. Denn darum geht es Will und Konsorten gar nicht. Wen immer sie einladen, missbrauchen sie zu eigenen Zwecken: und das sind eben solche der Show und des bloßen Anscheins kritischer Nachfrage. Das Ziel dieser Sendung ist, dass am Ende alle Anne Will für eine Journalistin halten.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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