06. April 2008 Wirtschaftswissenschaftler werden in speziellen Traineeprogrammen zu Finanzexperten ausgebildet, die beraten und verkaufen können. Mathematiker und Naturwissenschaftler werden für die Weiterentwicklung elektronischer Sicherheitssysteme benötigt. Vom Stellenabbau im Finanzgewerbe sind Akademiker nicht betroffen. Im Gegenteil.
Die Rednerliste des 8. Campus for Finance konnte sich sehen lassen: Ob Sal. Oppenheim, Deutsche Bank, Commerzbank, Goldman Sachs, Merrill Lynch oder JP Morgan - sie alle hatten Mitte Januar Redner nach Vallendar geschickt. Eigentlich wollte auch Josef Ackermann kommen, aber der musste dann geschäftehalber doch kurz vorher absagen. Die Konferenz, die jährlich von der WHU in Vallendar veranstaltet wird, hat einen guten Ruf. Auch als Nachwuchsbörse. Studenten können hier in Workshops und Einzelgesprächen mit möglichen Arbeitgebern aus der Finanzbranche in Kontakt kommen. Wer einen guten Eindruck hinterlässt, fährt mitunter gleich mit mehreren Jobangeboten nach Hause. Interesse geweckt, fragt ein Personaler an seinem Infostand erwartungsvoll. Die Studentin winkt ab: Ich habe gerade bei der Konkurrenz unterschrieben.

|
Die Zeiten ändern sich. Zwar haben die Banken seit Beginn des Jahrtausends rund 100.000 Jobs gestrichen. Aber der negative Trend am Arbeitsmarkt hat sich gewendet - vor allem für Akademiker. Sie haben heute deutlich bessere Einstiegschancen als noch vor wenigen Jahren.
Der massive Stellenabbau betraf besonders Bereiche mit einfachen Tätigkeiten, die heutzutage automatisiert erledigt werden, sagt Bernadette Körner, Arbeitsmarktexpertin der privaten Frankfurter Bankenuniversität School of Finance & Management. Gleichzeitig seien aber zahlreiche neue Jobs entstanden, die Spezialistenwissen und eine akademische Ausbildung erfordern. So ist die Akademikerquote bei den großen Kreditinstituten in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Beispiel Deutsche Bank: Vor drei Jahren hatten rund 53 Prozent der Mitarbeiter ein Studium absolviert, mittlerweile sind es 60 Prozent. Der Bedarf an Hochschulabsolventen wird in den nächsten Jahren weiter wachsen, bestätigt Birgit Mauz, verantwortlich für die Nachwuchsrekrutierung bei der Landesbank Baden-Württemberg.
 |
| Sebastian Wengatz, diplomierter Wirtschaftswissenschaftler, hat bei der Postbank ein Traineeprogramm absolviert. Jetzt ist er Finanzberater und arbeitet als freier Handelsvertreter für das Unternehmen. |
Den Trend belegt ein Blick in den Stellenindex des Personaldienstleisters Adecco. Das Unternehmen wertet laufend die Stellenanzeigen in den 40 größten deutschen Tageszeitungen aus. Die Statistik zeigt: Im Jahr 2007 wurden im Bankensektor 50 Prozent mehr Jobs für Akademiker ausgeschrieben als noch 2003. Die Werte des Boomjahres 2000 sind damit zwar noch lange nicht erreicht. Die Entwicklung ist aber erkennbar positiv.
Mit Abstand am meisten offene Stellen für Akademiker gibt es im Vertrieb. Der Vertrieb ist in den vergangenen Jahren sehr viel komplexer geworden, deshalb wird hier ein Hochschulstudium immer wichtiger, sagt Manfred Kobl, Leiter der Recruiting-Abteilung bei der Hypo-Vereinsbank. Dabei geht es längst nicht mehr um reines Verkaufen. Die Mitarbeiter im Vertrieb seien bei den vielen kleinen und mittelständischen Firmenkunden der HVB mittlerweile zu einer Art Unternehmensberater für Finanzfragen geworden. Die Ansprüche der Kundschaft sind stark gewachsen, sagt Kobl. Firmenkunden wollen Berater, mit denen sie auf gleicher Augenhöhe reden können.
 |
| Samantha Broskowski berät die Reichen der Nation in alllen Finanz- und Vermögensfragen. Ein spezielles Traineeprogramm im Private-Wealth-Management hat die BWL-Absolventin auf diese komplexe Aufgabe vorbereitet. |
Auch das Privatkundengeschäft ist in den vergangenen Jahren wieder stärker ins Visier der Banken geraten und bietet daher ebenfalls gute Karrierechancen für Hochschulabsolventen. Laut einer Studie von Steria Mummert Consulting plant jede zweite Bank bis Mitte 2008 neue Investitionen im Privatkundengeschäft. Hier herrsche zurzeit ein verstärkter Bedarf an qualifizierten Beratern, so die Studie. Im Trend liegen dabei mobile Berater, die nicht nur während der Geschäftszeiten in den Filialen für ihre Klientel da sind, sondern auch zu den Kunden nach Hause kommen.
Berufstätige haben eben oft erst nach 20 Uhr Zeit für ein Beratungsgespräch, sagt Sebastian Wengatz. Der 30-jährige diplomierte Wirtschaftswissenschaftler arbeitet seit zwei Jahren als sogenannter Finanzmanager bei der Postbank. Er berät Kunden in Fragen der Geldanlage, Baufinanzierung oder Altersvorsorge - und versucht, die entsprechenden Produkte zu verkaufen. Nicht vom Büro aus, sondern vor Ort: Gerade was die persönliche Absicherung für das Alter angeht, stellt sich in den meisten Gesprächen noch großer Nachholbedarf heraus, sagt Wengatz.
 |
| Michael Arnold ist Physiker. Direkt nach seiner Promotion heuerte er bei der Deka-Bank im Bereich "Quantitative Research" an. Seine Aufgabe: ein System entwickeln, welches das Börsengeschehen vorhersehbar macht. |
Die Postbank will ihren mobilen Vertrieb in Zukunft weiter ausbauen. In diesem Jahr will das Unternehmen 300 bis 350 Hochschulabsolventen als Finanzmanager-Trainees einstellen. Nach Abschluss des Traineeprogramms arbeiten die Finanzberater dann als freie Handelsvertreter für das Unternehmen. Das bedeutet: Sie bekommen kein festes Gehalt, sondern erhalten Provisionen je nachdem, wie viel sie verkaufen. Das gilt auch für Sebastian Wengatz. In Spitzenzeiten, sagt Wengatz, verdient er so 6.500 Euro im Monat. Dafür arbeitet er im Schnitt 50 Stunden pro Woche - und trägt zudem das finanzielle Risiko, wenn die Verkäufe mal nicht so gut laufen.
Die Beratungsgespräche von Sebastian Wengatz finden oft in den Küchen und Wohnzimmern der Kunden statt. Um einiges glamouröser sind da die Treffpunkte, die Samantha Broskowski mit ihren Klienten vereinbart: Die Geschäfte der 29-jährigen BWL-Absolventin nehmen nicht selten in Luxusrestaurants, auf Golfplätzen oder bei Gala-Empfängen ihren Anfang. Samantha Broskowskis Kunden gehören zu den reichsten Menschen dieses Landes. Auch wirklich Berühmte sind dabei, sagt sie - und ist selbstverständlich diskret genug, keine Namen zu nennen.
Samantha Broskowski arbeitet im Private-Wealth-Management der Deutschen Bank - dem Banksegment, das besonders wohlhabenden Kunden auch besonderen Service bietet. Dieses Geschäftsfeld ist in Deutschland laut einer aktuellen McKinsey-Studie nach wie vor ein großer Wachstumsmarkt - und für Hochschulabsolventen eine hervorragende Karrierechance: 35 Prozent Umsatzrendite und ein Gewinnwachstum von 9 Prozent erzielten die Banken in Deutschland im Jahr 2006 in diesem Bereich. Allerdings stellen steigende Kundenerwartungen und zunehmend komplexere Anlageformen die Institute vor neue Herausforderungen, sagt McKinsey-Bankenexperte Markus Habbel. Die Qualifikation der Mitarbeiter werde dabei für den Erfolg immer wichtiger.
Broskowski hat sich nach ihrem Studium an der Uni Bayreuth in einem speziellen einjährigen Traineeprogramm der Deutschen Bank auf den Job vorbereitet. Einstiegsprogramme für Hochschulabsolventen mit dem Schwerpunkt Wealth-Management bieten etwa auch die Schweizer Bank UBS oder die Hypo-Vereinsbank an.
Seit einem Jahr ist Samantha Broskowski nicht mehr Trainee, sondern arbeitet als Relationship-Managerin. In dieser Position ist sie für ihre wohlhabende Kundschaft die wichtigste Ansprechpartnerin für Finanz- und Vermögensfragen in allen Lebenslagen. Sie steht etwa Firmeninhabern zur Seite, die den Familienbetrieb möglichst problemlos an die Nachkommen übergeben wollen. Sie hilft bei Fragen der Erbschaftsteuer. Und sie gibt Ratschläge, wie man Teile des Vermögens in renditeträchtigen Kunstwerken anlegen kann.
Rund 800.000 Millionäre leben zurzeit in Deutschland. Sie sind die Hauptzielgruppe von Samantha Broskowski und ihren Kollegen. Die Chancen für weiteres Wachstum der Private-Banking-Abteilungen sind gut: Schätzungen zufolge wird bisher erst die Hälfte der großen Vermögen von Banken verwaltet.
Vermögensanlage ist immer auch mit Gefahren verbunden. Sogenannte Risikomanager sorgen in den Banken dafür, diese zu begrenzen und kalkulierbar zu machen. Wie wichtig das Thema ist, bekommen die Bankhäuser derzeit weltweit zu spüren. Viele von ihnen haben infolge der US-Hypothekenkrise im vergangenen Sommer am US-amerikanischen Immobilienmarkt Verluste in Milliardenhöhe eingefahren. Nicht zuletzt deshalb ist der Bedarf an Risikomanagern enorm gestiegen, sagt Arbeitsmarktexpertin Körner. Dafür haben in den vergangenen Jahren auch neue gesetzliche Vorschriften gesorgt: Mit Beschlüssen wie Basel II, das seit Anfang 2007 gilt, wurden die Banken gezwungen, ein besseres Sicherheitsnetz aufzubauen. Mittlerweile bieten alle großen Bankhäuser eigene Traineeprogramme für diesen Bereich an. Chancen haben hier Wirtschaftswissenschaftler mit guten Statistikkenntnissen genauso wie Finanzmathematiker oder auch Naturwissenschaftler.
Spezialisten aus Mathematik oder Physik sind zurzeit auch in einer neuen Sparte des Investment-Bankings gefragt: Immer öfter entscheiden dort computergesteuerte Rechenmodelle, welche Aktien etwa in einen Fonds aufgenommen und welche verkauft werden. Quants - so heißen diese Programme im Fachjargon - funktionieren ähnlich wie die tägliche Wetterprognose: Anhand einer Vielzahl von möglichen Einflussfaktoren versuchen sie vorherzusagen, ob sich eine Anlageform künftig in einem Hoch oder Tief befindet.
Ein Mensch könnte solche Datenmengen niemals verarbeiten, sagt Michael Arnold. Der 30-Jährige hat im vergangenen Oktober in Physik promoviert und arbeitet seitdem bei der Deka-Bank im Bereich Quantitative Research. Eine seiner Hauptaufgaben besteht darin, die Finanzwelt zu durchforsten, um in dem ständigen Auf und Ab der Aktien- und Währungskurse Regelmäßigkeiten zu finden: Wenn ich auf Gesetzmäßigkeiten stoße, können diese in eine Formel umgewandelt und in eines unserer Modelle integriert werden. Dadurch werden die Entscheidungen, die das Rechenmodell trifft, immer präziser - und die Gewinne möglicherweise höher. Das Prinzip, so Arnold, sei letztlich dasselbe wie in der Physik: nur dass er nicht nach den Gesetzen der Natur, sondern der Finanzwelt suche. Und das ist mindestens ebenso spannend.