22. März 2010

Die neuen Gesichter des Ruhrpotts

Auferstanden aus Ruinen

Von David Selbach



19. Januar 2009 Europas größter Ballungsraum mit 5,3 Millionen Einwohnern hat sein schweres Erbe hinter sich gelassen. Statt Kohle und Stahl regieren heute Kunst und High Tech den Pott. Und für Studenten eröffnen sich ungeahnte Perspektiven.

Martin Massarek freut sich immer wieder auf diesen Moment, in dem die Besucher in 117 Metern Höhe aus dem Aufzug treten. „Sie schauen sich um und wundern sich, dass nicht überall die Schlote qualmen“, sagt er. „Stattdessen sehen sie jede Menge Grün.“ Massarek, Student der Sozialwissenschaften, hilft seit Jahren als Aufsicht im Gasometer in Oberhausen aus, einem ehemaligen Speicher für Hochofengas von 1929, der heute eine spektakuläre Ausstellungshalle beherbergt - ein gewaltiger leerer Stahlzylinder, der einst den Brennstoff für die benachbarte Stahlhütte lieferte. Heute dient er als Aussichtsplattform auf das neue Ruhrgebiet: Zu seinen Füßen erstreckt sich der Park der Landesgartenschau von 1999 - früher die Kohlenzeche Osterfeld, daneben Europas größtes Einkaufs- und Freizeitzentrum „Centro“. Und ein Stück weiter hinten das Metronom-Theater der Musical-Firma Stage Entertainment. Seit November läuft hier der „Tanz der Vampire“.

Eva Sorgenfrei und Martin Massarek

Das neue Ruhrgebiet hat nur noch wenig mit dem alten „Pott“ gemein. Jenem Montan-Herz der deutschen Industrie, mit ehemals 470.000 Bergleuten und 300.000 Stahlarbeitern. Längst sind von den 141 Steinkohlezechen nur noch sieben in Betrieb, und auch die nur dank staatlicher Subventionen. Wenn die Förderung im Jahr 2018 ausläuft, werden sie wohl alle schließen. Die Stahlindustrie ist auf nur noch rund 57.000 Beschäftigte geschrumpft. Das Ruhrgebiet liegt mit 10,7 Prozent Arbeitslosen immer noch weit über dem Bundesdurchschnitt von 7,4 Prozent. Ein Drittel aller Arbeitslosen in Nordrhein-Westfalen lebt im Revier, am schlimmsten sieht es in Gelsenkirchen, Dortmund und Duisburg aus. Doch schon seit den frühen siebziger Jahren fließen Milliarden an Fördergeld in die Region, um diesen Strukturwandel ins Positive zu wenden. Man ließ Hochschulen wie die Ruhr-Universität Bochum bauen, die Essener Folkwang-Hochschule für Musik, Theater und Tanz. Und später Deutschlands erste Privat-Uni in Witten/Herdecke.

Von 1989 bis 1999 wurde der Pott durchsaniert: Zur „Internationalen Bauausstellung Emscher-Park“ (IBA) ließ die Politik für 2 Milliarden Euro alte Industriegebäude renovieren und als Technologiezentren, Museen, Bürogebäude oder Veranstaltungsorte wieder auferstehen. So wie der Gasometer. Zuerst sollte er abgerissen werden, heute sind die Oberhausener froh, ihn zu haben. Bis auf Zuschüsse für die Wartung der gigantischen Stahlkonstruktion trägt sich die ungewöhnliche zylinderförmige Halle selbst - nur dank der Eintrittsgelder und weil die Museumsleiung den Gasometer an Unternehmen vermietet: Sportmodehersteller Nike etwa präsentierte hier im Frühjahr 2008 seine Leichtathletik-Kollektion.

Annika Brasch

Insgesamt 20 studentische Aushilfen patrouillieren als Museumswächter über die Stahlgalerien und achten darauf, dass übermütige Jugendliche keine Gegenstände über die Brüstung werfen. Manche Besucher finden auch Gefallen daran, auf der Stahlplatte auf Ebene Drei im Takt auf und ab zu hüpfen: „Das macht zwar tolle Geräusche“, sagt Martin Massareks 21-jährige Kollegin Eva Sorgenfrei. „Denn wir haben hier ein achtfaches Echo. Nur: Unten wird es dadurch viel zu laut.“

Kollege Massarek (27), der Sozialwissenschaften in Duisburg studiert, denkt schon über die Zeit nach dem Studium nach: „Wenn ich fertig bin, könnte ich mir gut vorstellen, weiter im Bereich Industriekultur zu arbeiten, Kultur in alten Industriebauten - so wie hier eben.“ Falls es mit dem Gasometer nicht klappt, hat der Student die große Auswahl. Denn das Ruhrgebiet hat sich längst zur Museums-, Theater- und Musik-Metropole gemausert: 2010 wird das Revier „Kulturhauptstadt Europas“, man renommiert mit Festivals wie der Ruhrtriennale und rühmt sich seiner Theaterszene.

Stefan Lehmacher

„Für die Leute im Ruhrpott spielt Kultur eine große Rolle“, bestätigt Annika Brasch. Die 26-Jährige studiert in Bochum Deutsch und Philosophie auf Lehramt und absolviert gerade ein viermonatiges Praktikum am Schauspielhaus Bochum. Vorher hat sie schon im „Theater der Kohlenpott“ in den Flottmann-Hallen in Herne hospitiert - wo zur Hochzeit der Montanindustrie Druckluft-Bohrhammer hergestellt wurden. Brasch ist in Bochum aufgewachsen, hat schon als Jugendliche die Theateraufführungen ihrer Heimatstadt besucht. „Das erste Mal hat mich meine Mutter mitgenommen“, erinnert sich die Studentin. „Sie hatte Karten über ihren Betrieb bekommen.“ Die Ruhrgebietskrankenkasse „Knappschaft“ besorgt ihren Beschäftigten traditionell Tickets für solche Kultur-Events. Als sogenannte „Betriebsmiete“.

Und auch wenn ihre Eltern das Treiben Braschs mit gemischten Gefühlen betrachten - sie würden es lieber sehen, wenn die Tochter Lehrerin wird: „Sie sind schon stolz darauf, was ich erreicht habe.“ In Bochum arbeitet die Studentin in der Dramaturgie, sie schaut bei Proben zu, souffliert bei Bedarf. Ansonsten arbeitet ein Dramaturg ähnlich wie ein Lektor im Verlag: Der Regisseur entwickelt die Inszenierung. Brasch und ihr Chef passen auf, dass die Zuschauer auch verstehen, was auf der Bühne passiert. „Es reicht mir völlig, im Hintergrund zu bleiben“, versichert Brasch. Im Anschluss an ihr Praktikum darf die Studentin bei einer Produktion helfen. Nach dem Studium will sie am liebsten an einer großen Bühne anheuern. „Davon gibt es ja im Ruhrgebiet genug.“ Neben dem traditionsreichen Schauspiel hat sich in der Gaskraftzentrale eines ehemaligen Stahlwerks die Jahrhunderthalle Bochum etabliert. In Essen haben sich Grillo-Theater und Aalto-Oper einen Namen gemacht. Und der neue Intendant des Oberhausener Theaters, Peter Carp, versucht, aus der Pott-Bühne eine „Sensation“ zu machen.

Neben den Konzerthallen, Bühnen und Museen, die inzwischen jedes Jahr so viele Touristen ins Ruhrgebiet ziehen, dass davon schon 14.000 Menschen leben können, beherbergen die alten Industriekathedralen und Zechengelände heute auch jede Menge High Tech. Das Revier zählt 30 Technologiezentren mit mehr als 600 Firmen. Seit knapp vier Jahren hat auch die Mikrotechnikbranche in so einem Inkubator eine Heimat gefunden. Auf dem Gelände der ehemaligen Hütte Phönix in Dortmund entstand das Kompetenzzentrum für Mikrosystemtechnik MST.

Hier arbeiten Stefan Lehmacher und seine Kollegen an extrem präzisen Lasern für medizinische Messgeräte. Der 36-jährige Physiker ist Entwicklungsingenieur beim Laser-Hersteller Klastech. Nach seinem Studium an der heimischen TU hatte sich der gebürtige Dortmunder auf Linsen spezialisiert, die Licht besonders fein bündeln. An solchen Linsen arbeitet er jetzt bei Klastech: Anders als bei herkömmlichen Lasern schwingen die Klastech-Strahlen dadurch viel gleichmäßiger. „Wir nennen sie Single Frequency Laser“, erklärt Lehmacher stolz.

Nachdem er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Dortmunder Uni gearbeitet hatte und danach bei einem Mikrooptik-Hersteller in Süddeutschland, wechselte Lehmacher Anfang 2006 zum Start-up in die alte Heimat. Es habe ihn gereizt, hier von Anfang an dabei zu sein. Sein Job besteht jetzt darin, die Prototypen zu einem serienreifen Produkt zu machen. Und es ist ein erhebendes Gefühl für ihn, jeden Tag über die Industriebrache zu marschieren, an dem gigantischen alten Hochofen vorbei, der demnächst für Besuchergruppen freigegeben werden soll. „Als Kind habe ich noch regelmäßig den hellen Schein am Himmel gesehen, so ein Glühen, wenn die überschüssigen Hochofengase abgefackelt wurden“, erinnert sich Lehmacher. Freunde seiner Eltern haben selbst „auf Hösch“ gearbeitet, wie die Dortmunder die Maloche am Hochofen Phönix genannt haben. „Jetzt arbeite ich auf Hösch“, sagt der Physiker. „Gewissermaßen.“

Veranstaltungskalender für 2009

3. April, Sternstunden, Oberhausen
Eröffnung der neuen Ausstellung im Gasometer: Das komplette Sonnensystem inklusive eines 30 Meter breiten Mondes wird im ehemaligen Gasspeicher aufgebaut. http://www.gasometer.de

Mai bis Juni, Ruhrfestspiele Recklinghausen
Seit der Nachkriegszeit finden die Theaterfestspiele jedes Jahr statt. 2008 verkaufte der Veranstalter für die insgesamt 66 Produktionen fast 87.000 Karten. Hauptspielort ist das Ruhrfestspielhaus.
http://www.ruhrfestspiele.de

16. Mai bis 6. Juni, Mülheimer Theatertage „Stücke“
Die Mülheimer Theatertage „Stücke“ gelten als das Festival überhaupt für deutschsprachige Gegenwartsdramatik. Die besten neuen Stücke eines Jahres aus dem Wiener Burgtheater oder dem Hamburger Thalia Theater sind hier noch einmal zu sehen.
http://www.stuecke.de

8. Mai bis 17. Juli, Klavierfestival Ruhr
Jeden Sommer treten renommierte Musiker und Dirigenten in Dortmund, Recklinghausen, Bochum, Essen und Duisburg auf. 2008 waren unter anderem Daniel Barenboim, Tzimon Barto, Gidon Kremer und Lang Lang zu Gast.
http://www.klavierfestival.de

29. Mai bis 1. Juni, Moers Festival
Das Moers Festival ist ein internationales Jazzfestival. Es findet alljährlich zu Pfingsten im Kultur- und Freizeitpark von Moers statt. Während dieser Zeit verwandelt sich das Parkgelände in einen riesigen Campingplatz: Festivalbesucher können dann nämlich hier kostenlos ihre Zelte aufschlagen.
http://www.moers-festival.com

Mai bis Oktober, Europäisches Klassikfestival
Das Festival findet jeden Sommer über mehrere Monate an verschiedenen Standorten im Ruhrgebiet statt. Es treten Orchester und Solisten auf. Höhepunkt und Abschluss des Klassikfestivals ist traditionell die „Night of Glory“.
http://www.klassikfestival-ruhr.de

August bis Oktober, Ruhr-Triennale
Die Ruhr-Triennale ist das internationale Fest der Künste im Ruhrgebiet. In Industriedenkmälern finden mehr als 100 Theateraufführungen, Tanz-Performances, Lesungen und Konzerte statt.
http://www.ruhrtriennale.de

September, Mommenta
Kammermusiker, Country-Sänger, Straßenmusikanten und anatolische Volksmusiker treten in Wohnhäusern in Dortmund, Hagen und Castrop-Rauxel auf.
http://www.mommenta.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 100, 2009, Seite 66
Bildmaterial: Tim Wegner
 
Artikel-Service
DruckenDrucken
VersendenVersenden
Lesezeichen
Vorherige SeiteVorherige Seite
 
Ruhrpott bei Nacht
Ordentlich was auf den Deckel

Das Nachtleben im Revier bietet zwei Alternativen: Entweder anständige Theken, um sich schnell ein leckeres „Pilsken“ zu genehmigen. Oder absturzgefährdete Tanznächte - am besten in der nächsten Großraumdisko in irgendeiner alten Industriehalle. Dazwischen gibt es nicht viel. 


Ruhrpott
Gesichter des Ruhrpotts

Menschen im und aus dem Pott 

Christoph Schlingensief
Dichtung und Wahrheit
Die glücklichen Studenten von Bochum


Kahle Hochhäuser, verzweifelte Studenten und die angeblich höchste Selbstmordrate unter deutschen Hochschulen? Alles Blödsinn. Die Ruhr-Uni Bochum, eine der größten der Republik, ist viel besser als ihr zweifelhafter Ruf.