1:2 gegen die Türkei

Gastgeber Schweiz fliegt im Wasserball raus

Von Christian Kamp, Basel

Geschlagener Gastgeber

Geschlagener Gastgeber

12. Juni 2008 Ein solches Spiel hätte zur Legendenbildung getaugt: Was den Deutschen die Wasserschlacht von Frankfurt bei der Weltmeisterschaft von 1974, wäre den Schweizern fortan jene denkwürdige Begegnung am Mittwochabend in Basel gegen die Türkei gewesen - hätte die Führung durch Hakan Yakin aus der 32. Minute bis zum Ende Bestand gehabt.

Doch weil der eingewechselten Semih Sentürk (57.) und Arda Turan (90.) das Spiel noch zugunsten der Türken drehten, herrschte auf Schweizer Seite am Ende nichts als Trauer und Entsetzen. Das 1:2 bedeutet nicht weniger, als dass die Gastgeber bereits nach dem zweiten Vorrundenspiel aus dem Turnier ausgeschieden sind. Die Türken dagegen, die nach einem 0:2 zum Auftakt gegen Portugal noch auf Tschechien treffen, haben nun wieder alle Möglichkeiten auf das Weiterkommen in Gruppe A - notfalls auch per Elfmeterschießen. Denn im Falle eines Unentschiedens zwischen den derzeit punkt- und torgleichen Konkurrenten würde ein Wettstreit vom Strafstoßpunkt aus über Platz zwei hinter dem bereits feststehenden Grupensieger Portugal und das Weiterkommen entscheiden.

Die tapferen Schweizer im Pech

Es war aber nicht nur das Spiel mit seinem dramatischen Verlauf, sondern auch die Naturgewalt, die in Form ungezügelter Regenschauer über das Stadion hereinbrach, die das Spiel zu einem einmaligen Ereignis für alle Beteiligten machte. Wenn man denn von einem Spiel überhaupt sprechen kann: Denn Fußball im eigentlichen Sinne war in weiten Teilen der ersten Halbzeit unmöglich. Rutschpartien, akrobatische Einlagen, liegengebliebene Bälle - berechenbar war auf dem tiefnassen Rasen lange Zeit nichts mehr an diesem Abend.

Die tapferen Schweizer werden sich fragen, warum sie einen weiteren herben Rückschlag bei dieser Europameisterschaft hinnehmen mussten. Verletzungen, die Erkrankung von Trainer Jakob Kuhns Frau, die unglückliche Niederlage im Eröffnungsspiel gegen Tschechien. So mancher wähnte schon seit Tagen eine schicksalhafte Verschwörung gegen die „Nati“. Ein vorteilhafter Ausgang des Fuß-Glücksspiels hätte sicher manchen wieder versöhnt, und vielleicht wäre es ein noch einmal ein Neubeginn voller Leidenschaft gewesen für die bislang so wankelmütigen Gastgeber.

Faire Revanche für die Schande von Istanbul

So aber ist es ein unversöhnliches Ende. Eigentlich war der Partie ja eine ganz andere Geschichte zugedacht gewesen: Nicht nur wegen des Finalcharakters im Kampf um das Weiterkommen, auch wegen der Vorgeschichte war es ein Spiel, das im Vorfeld manchen mit Sorge erfüllt hatte. Die Erinnerung auf beiden Seiten war noch frisch an die Skandalnacht von Istanbul vor zweieinhalb Jahren, als es zu üblen Tretereien gekommen, nachdem die Schweiz sich auf Kosten der Türkei für die Weltmeisterschaft in Deutschland qualifiziert hatte.

Es war ein gutes Zeichen, dass sich die Akteure im Vorfeld des Vergleichs besonnen zeigten und die Vergangenheit ruhen lassen wollten. Ein Schweizer Boulevardblatt allerdings machte den Frieden nicht mit und sorgte am Spieltag noch einmal für eine Geschmacklosigkeit. „Heute gibt's Kebab“, hieß es auf der Titelseite des „Blick“. Auf dem zugehörigen Bild musste der türkische Trainer Terim als menschlicher Dönerspieß herhalten, daneben stand mit gewetztem Messer der Schweizer Yakin.

„Schweiz - Türkei: Fußball verbindet“

Alles Vorgeplänkel. Heißblütig, aber friedlich ging es auf den ganz in rot-weiß getauchten Rängen zu. „Schweiz - Türkei: Fußball verbindet“, stand auf einem der vielen Transparente, und auch die Spieler begannen äußerst engagiert und kämpferisch, aber keineswegs unfair oder provokant. Es war noch nicht viel passiert auf beiden Seiten, zwei türkische Flanken, die Benaglio im Schweizer Tor sicher abfing, mehr nicht, als der Himmel sich von sonnig-freundlich in bedrohlich-düster wandelte.

Nach einer knappen Viertelstunde dann ging der große Regen los: Zuschauer flüchteten aus den ersten Reihen, und auf dem Platz war mit einem Mal nichts mehr, wie es vorher war. Es dauerte sicher zehn Minuten, bis sich die Spieler zumindest ein bisschen an die Bedingungen gewöhnt hatten - den Schweizern gelang es besser. Ein Schuss von Inler (19.) ein weiterer von Yakin (23.) - das war die Ouvertüre. Dann eine Schrecksekunde, als der Türke Turan nach einem Fehlgriff von Benaglio den Ball an den Kopf bekam - er traf nur den Pfosten.

Yakin jubelt in Podolski-Manier

Es folgte der große Auftritt des neu formierten Schweizer Sturms. Trainer Kuhn hatte nicht nur auf seinen Kapitän Frei, sondern kurzfristig auch noch auf Streller verzichten müssen. Es erwies sich als Volltreffer, dass er stattdessen die türkischstämmigen Hakan Yakin und Eren Derdiyok aufbot. Nach einem langen Pass überlief Derdiyok erst Torwart Volkan und legte quer auf Yakin. Der erschrak kurz, als der Ball vor ihm unvermittelt in einer Pfütze liegenblieb, traf dann aber doch. Anschließend jubelte er in Podolski-Manier sehr zurückhaltend - wie der deutsche Doppeltorschütze aus dem Poen-Spiel aus Respekt vor dem Land, aus dem seine Eltern stammen.

Gut zwei Minuten später verpasste Yakin nach einer Flanke von Behrami nur um Haaresbreite den zweiten Treffer. Das Stadion tobte, Eine solche Begeisterung hatte die Schweiz noch nicht erlebt, seit dieses Turnier vor knapp einer Woche begonnen hatte. Und auch zur Pause, der Himmel leuchtete tiefrot, gab es donnernden Applaus. Doch die Türken kamen wütend aus der Kabine. Nach einer - richtigen - Abseitsentscheidung verpassten sie nur knapp den Ausgleich (53.). Eine Flanke des Kapitäns Nihat führte dann zum 1:1. Die Atmosphäre wurde immer hitziger - das Spiel blieb unberechenbar. Cabanas hatte die Führung für die Schweiz auf dem Fuß, doch der entscheidende Treffer fiel auf der anderen Seite.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa, Keystone, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Schwer zu kontrollieren: Der Türke Arda Turan (l.), der Schweizer Stephan Lichtsteiner und das im Regen so widerspenstige SpielgerätIm Stadion herrschte dieses Mal anders als in der WM-Qualifikation vor drei Jahren friedliche StimmungZwei Stützen für den Teamgeist: Der verletzte Kapitän Alexander Frei setzte sich auf die ErsatzbankSpritziges Spiel: In Basel ging es auf nassem Grund gut zur SacheDie Wasserschlacht von Basel: Der Regen gefährdete fast einen regulären SpielablaufHakan Yakin macht den “Poldi“: Der Schweizer Torschütze mit türkischer Abstammung nach seinem 1:0Halbmond mit Träne: Ein junger türkischer Fan muss den Rückstand verarbeitenArda Turan bejubelt seinen Siegtreffer in der NachspielzeitFassungslose Eidgenossen: Ist die Eurobegeisterung schon vorbei?Traurige Schweizer überall Türkische Fans vor dem AnpfiffErfolg im Blick: Ein Schweizer Fan nimmt den Sieg ins FadenkreuzDie türkischen Spieler versuchten es vor dem Anpfiff mit KreisbildungRutschpartie: Der Schweizer Torwart Diego Benaglio (l.) und Teamkollege Patrick Mueller (r.) mitten in der Wasserschlacht mit dem Türken Arda Turan.Da liegt er: Der Ball stoppt im Wasser einschussbereit für den Schweizer Hakan Yakin Humpeln und Jubeln: Der Schweizer Torschütze Hakan Yakin (r.) jubelt mit seinem verletzten Mannschaftskollegen Alexander Frei Semih Sentuerk feiert das 1:1 für die TürkeiAus! Aus! Aus! Für die Schweiz ist die Euro schon nach dem zweiten Spiel zu EndeDer Stuttgarter Profi Ludovic Magnin ist fertig mit der Fußballwelt Olé Rot-Weiß: Die Flaggensymbole der Schweiz und der Türkei ganz nah beieinanderEinläuten des Sieges: Schweizer Fans mit der obligatorischen KuhglockeWasserball, aber nur einer darf die Hände nutzen: Der Schwizer Torwart Diego Benaglio (r.) wehrt gegen Arda Turan abWasser marsch! Der Schweizer Torhüter Diego Benaglio schreit im Regen1:0 im Wasserball: Hakan Yakin schiebt ein1:0 durch die 10: Der Schweizer Hakan Yakin trifft gegen das Heimatland seiner türkischen ElternSchuss ins Glück: Arda Turan (3.v.l.) schiesst das Tor zum 2:1-EndstandAuch der türkische Bayern-Profi Hamit Altintop darf jubelnTrauriger Abgang:Der Schweizer Nationaltrainer Köbi Kuhn muss seine Dienstzeit mit einem Misserfolg beenden