10. Juni 2008 Als vor zwölf Jahren die deutsche Mannschaft in der Vorrunde der Europameisterschaft Italien mit einem 0:0 aus dem Turnier beförderte, fanden die Karikaturisten Greser & Lenz in dieser Zeitung die unsterbliche Zeile: Einmal bitte Pizza Endstazione. Nun könnte das Gericht bald schon wieder auf der EM-Speisekarte stehen, denn in der Gruppe der EM-Favoriten ist Italien der erste Notfall des Turniers.
In einer begeisternden Fußballpartie kam der Weltmeister am Montag abend in Bern gegen die starken Niederländer erheblich unter die Räder und verlor völlig verdient 0:3. Die Tore erzielten Ruud van Nistelrooy (25. Minute), Wesley Sneijder (31.) und Giovanni van Bronckhorst (79.)
Stretch-Limousinen mit Plastiktulpen
Bern in Orange: Über 20.000 weitgereiste Flachländer hatten die Hauptstadt der Schweiz schon vor dem Spiel in die grelle Farbe ihres Königshauses gefärbt. Sogar einen Spielmannszug hatten sie dabei, der durch die Fußgängerzone zog. Zwei Stretch-Limousinen waren mit Plastiktulpen überzogen. Der Bundesplatz vor dem Regierungsgebäude war schon am Nachmittag fest in niederländischer Hand, ebenso wie am Abend das Stade de Suisse, das frühere Wankdorfstadion.
Das Fest setzte sich im Stadion fort, denn das Oranje-Team dominierte den Weltmeister deutlich. Die Italiener mit improvisierter Verteidigung ohne Kapitän Fabio Cannavaro, für den Marco Materazzi antrat, schienen von Beginn an verletzlich, vor allem aber drucklos im Angriff.
Ruud van Nistelrooy stach Luca Toni aus
Anders die Holländer, deren umgebaute Offensive nach dem Ausfall von Arjen Robben durch die Hereinnahme des fleißigen, gefährlichen Dirk Kuyt eher sogar gewann. Vor allem zahlte sich die neue taktische Gangart der Holländer aus, die unter Trainer Marco van Basten vom schematischen 4-3-3-System zu einem vorsichtigeren 4-2-3-1 gewechselt waren - eine Rollenverteilung, die im Idealfall die Mischung aus defensiver Kontrolle und offensiver Kombinationsbreite ermöglicht. Beides gelang den Niederländern prächtig.
Besonders neugierig war der Vergleich zwischen den beiden wohl besten reinrassigen Strafraumspielern unter Europas Torjägern erwartet worden, Luca Toni und Ruud van Nistelrooy. Der Niederländer gewann es deutlich - trotz einer frühen Schwäche. Nach 16 Minuten tauchte er frei vor Torwart Buffon auf, den er umspielte, wobei er aber ins Straucheln geriet - er rappelte sich wieder auf, doch die Riesenchance war vertan. Dabei schien es zunächst, dass der Holländer sich nur hätte fallen lassen müssen, um einen Elfmeter zu bekommen, doch die TV-Bilder belegten, dass er nicht von Buffon gefoult worden war.
Alle kennen jetzt Fifa-Regel 11.4.1
Der Torriecher des Torjägers von Real Madrid schien in dieser Szene leicht verschnupft. Doch kurz danach nahm er Witterung auf. Einen Schuss von Sneijder, nach einer Faustabwehr von Torwart Buffon, lenkte van Nistelrooy ins Netz, scheinbar aus Abseitsposition. Doch Abwehrspieler Cristian Panucci, der zuvor bei der Kollision mit seinem eigenen Torwart zu Boden gegangen war, lag hinter der Torlinie und hob nach Ansicht der Unparteiischen das Abseits auf.
Eine Auslegung, die sich mit der Fifa-Regel 11.4.1 deckt, wonach ein Angreifer nicht durch einen Gegenspieler, der das Feld verlassen hat, abseits gestellt werden kann - es sei denn, er tut das durch Abmeldung beim Schiedsrichter. (Siehe: Kuriose Regeln (1): Abseits ist nicht, wenn der Verteidiger im Aus liegt) Toni war mit dieser Auslegung nicht einverstanden und protestierte mit Hinweis auf die Videotafel, auf der die Szene wiederholt worden war - es brachte ihm die Gelbe Karte ein.
Lippi hatte Donadoni unter Druck gesetzt
Die Holländer setzten schnell den zweiten Wirkungstreffer. Kuyt legte per Kopf Wesley Sneijder auf, und der kleine Regisseur traf zum 2:0. Beinahe hätte van Nistelrooy sogar das 3:0 erzielt, als er zwei Minuten vor der Pause frei vor Buffon auftauchte, doch der weltbeste Torwart wehrte mit einer starken Fußparade ab.
In der zweiten Halbzeit bemühten sich die Italiener redlich um die Wende, brachten den Evergreen Alessandro del Piero, wurden aber nicht beschenkt. Denn die disziplinierten Niederländer taten ihnen nicht den Gefallen, ein fröhlich offenes Spiel zu betreiben - wie noch bei der letzten EM, als sie nach 2:0-Führung 2:3 gegen die Tschechen verloren.
Niederländer beschwören den Geist von 1988
Dass es nicht Tonis Tag war, zeigte sich endgültig in der 76. Minute, als er frei vor van der Sar den Ball übers Tor hob. Kurz danach wehrte der holländische Keeper einen Pirlo-Freistoß artistisch ab, und im Gegenzug vollendete van Bronckhorst den Konter zum 3:0. Trainer Roberto Donadoni unterlag damit im Duell mit dem Kollegen van Basten, seinem Freund und früheren Mitspieler beim AC Mailand. Auf ihn kommen harte Zeiten zu.
Sein Vorgänger, der Weltmeistertrainer Marcello Lippi, hatte ihm das Leben schwer gemacht mit den Worten: Kein Team ist so stark wie wir. Nun waren schon die Niederländer stärker. Diese beschwören den Geist von 1988, dem EM-Sieg in München, ihrem bisher einzigen Titel. Damals wurde Deutschland orange. Die Schweiz könnte es auch bald sein.
Niederlande - Italien 3:0 (2:0)
Niederlande: van der Sar - Ooijer, Boulahrouz (77. Heitinga), Mathijsen, van Bronckhorst - de Jong, Engelaar - Kuyt (81. Afellay), van der Vaart, Sneijder - van Nistelrooy (70. van Persie)
Italien: Buffon - Panucci, Barzagli, Materazzi (55. Grosso), Zambrotta - Gattuso, Pirlo, Ambrosini - Camoranesi (75. Cassano), Toni, Di Natale (64. Del Piero)
Schiedsrichter: Fröjdfeldt (Schweden)
Zuschauer: 31.783 (ausverkauft)
Tore: 1:0 van Nistelrooy (26.), 2:0 Sneijder (31.), 3:0 van Bronckhorst (79.)
Gelbe Karten: de Jong - Toni, Zambrotta, Gattuso
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS