Von Karen Krüger und Jochen Hieber

Zwei Fahnen wehen, ach, vor meinem Fenster: im Fußballerischen sind Deutschland und die Türkei einander näher gekommen
24. Juni 2008 Der dreiunddreißig Jahre alte Gencay Koyunbasoglu lebt seit 1986 als türkischer Staatsbürger in Deutschland, ist Geschäftsmann im oberhessischen Nidda und dort seit wenigen Wochen auch Vorsitzender des FC Genclerbirligi, zu deutsch: der Einheit junger Männer. 1988 gegründet, ist der Verein in den vergangenen sechs Jahren von der A-Klasse über die Bezirksliga in die Bezirksoberliga Frankfurt Ost aufgestiegen, hat aber nun den Erhalt der Klasse knapp verfehlt. Auch wenn Genclerbirligi nach wie vor keine eigene Platzanlage besitzt und das Training wie die Heimspiele momentan beim VfR Ulfa absolviert, ist der Vorsitzende zuversichtlich, mit seinem Team bald wieder obenauf zu sein.
Besonders stolz ist Koyunbasoglu darauf, eine Multikulti-Truppe anzuführen, deren erster Mannschaft neben Russen, Albanern, Italienern, Deutschen auch ein Armenier angehört - und in der übrigens weniger Türken auflaufen als bei manchem unserer deutschen Ligakonkurrenten. Einige Türken spielen auch beim Niddaer Lokalrivalen, dem Traditionsverein SC Viktoria.
Integration durch Fußball
Von den untersten Klassen bis hinauf zur Bundesliga beweist der Fußball hierzulande alltäglich seine durchaus bemerkenswerte Kraft zur Integration, im Ruhrgebiet ist das nicht anders an als in Schleswig-Holstein oder eben in den Landflecken Oberhessens. Seit Theo Zwanziger im September 2006 zum Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes gewählt wurde, wirken zudem dessen antirassistische Bekenntnisse überzeugender denn je, für Zwanziger sind sie sportpolitisches Programm und Herzensangelegenheit zugleich.
Die Spielführer der vier von morgen an im Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft aufeinandertreffenden Teams werden vor ihren jeweiligen Partien Erklärungen für Tolerenz, Integration und die Gleichrangigkeit aller verlesen, also auch Michael Ballack und der nach Nihats Verletzung noch zu bestimmende Kapitän der Türken. Es wird wohl auf Hamit Altintop hinauslaufen, seinerseits ein Musterprofi der Multikulturalität: in Gelsenkirchen geboren, beim FC Bayern und in der türkischen Stammelf spielend.
Gradmesser der Integration
Aber die heile Welt des deutsch-türkischen Fußballs wird spätestens nach dem Ende des Halbfinales einer harten gesellschaftlichen Probe ausgesetzt sein. Mehr noch: Die Reaktionen auf das Resultat in den Straßen und in den Fanmeilen unserer Städte dürften über beides sehr viel aussagen - über das Potential an Ausländerfeindlichkeit ebenso wie über den Grad der Integration der türkischen Mitbürger. Es liegt eine Grundspannung über dem Land. Die entscheidenden Fragen sind: Wie werden sich die Fans der Verlierer verhalten, wie wird sich ihre Enttäuschung entladen?
Selbst in einer kleinen Stadt wie Nidda werden morgen auch viele von denen, die sonst immer kommen, das Spiel nicht vor der öffentlichen Großleinwand verfolgen - schlicht aus Furcht vor Schlägereien, Randale und Gewalt. Ein wenig unsicher wirkt auch Gencay Koyunbasoglu, wenn er in beschwörendem Ton erzählt, er habe seine Landsleute ein ums andere Mal ermahnt, in jedem Fall friedlich zu sein - natürlich wünscht er sich einen Sieg der Türken, mit einer Niederlage versöhnte ihn einzig der nachfolgende Titelgewinn der Deutschen. Anders als an den sozialen Brennpunkten des Landes sind es hier die scheinbar kleinen und wechselseitigen Kränkungen des Alltags, die sich rächen könnten. Viel zu lange auf der Straße sind manchen deutschen Anwohnern die türkischen Kinder und viel zu laut sind sie ihnen dabei. Das Fehlen eines eigenen Fußballplatzes wird von manchen Türken als Diskriminierung, ja als Demütigung empfunden. Anderseits wäre es ein fabelhaftes Ergebnis, wenn sich morgen die jungen Männer als deutsch-türkische Einheit, als Genclerbirligi wirklich bewährte.
Fragen der Herkunft
Bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 war die Türkei nicht mit von der Partie. Wie selbstverständlich hielten die hier lebenden Türken zu Deutschland und freuten sich unbändig über jeden deutschen Sieg. Auch in Berliner Bezirken wie Neukölln und Kreuzberg, die in der öffentlichen Wahrnehmung als Synonyme für gescheiterte Integration gelten, reihten sich Türken in die obligatorischen Autokorsos ein und schwenkten deutsche Fahnen. Der Fußball schien auf einmal genau jene integrative Wirkung zu entfalten, um die sich soziale Projekte und die Jugendarbeit jahrzehntelang vergeblich bemüht hatten. Ob Fußballbegeisterung tatsächlich als Indikator für Integrationsbereitschaft gewertet werden kann, muss sich nun zeigen.
An türkischen Wohnhäusern und Geschäften sah man in den vergangenen Wochen neben Halbmondflaggen häufig auch die deutsche Fahne wehen. Doch auch wenn sich viele der hier lebenden Türken offenbar nicht so recht entscheiden können, für welche der Mannschaften sie eigentlich sind, werden sie am Mittwoch der Türkei die Daumen halten. Um Heimat geht es dabei nicht mehr, sondern um die Verbindung zum Land der Herkunft. Denn als Heimat wird die Türkei fast nur noch von der älteren Generation wahrgenommen - obwohl auch sie weiß, dass sie dort schon lange nicht mehr zu Hause ist.
Bundesrepublikanisches Dauerprovisorium
Gurbetciler wurden in den sechziger Jahren die ersten Gastarbeiter in der Türkei selbst genannt - so bezeichnet die Sprache Arbeiter, die, von Heimweh geplagt, ihr Brot in der Fremde verdienen müssen, aber eines Tages mit gefüllten Taschen zu ihren Familien zurückkehren. Doch anders als von der Bundesrepublik erwartet und von der türkischen Regierung erhofft, blieben die meisten der türkischen Arbeiter wegen der angespannten wirtschaftlichen und politischen Lage in ihrem Heimatland zu Millionen hier.
Die Bundesregierung reagierte: Nicht mit Integrationspolitik, sondern mit Ratlosigkeit und Ambivalenz. Nach dem Anwerbestopp im Jahr 1973 versuchte sie zunächst, die türkischen Arbeiter mit hohen Geldprämien zur Rückkehr zu bewegen. Zwar forderte Heinz Kühn, der erste Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, im Jahr 1979, den Bleibewilligen die Chance zu einer vorbehaltlosen und dauerhaften Eingliederung zu geben. Doch Projekte zur gesellschaftlichen Integration der türkischen Einwanderer verfolgte man nur halbherzig. Immer mehr Türken verstanden unter diesen Umständen die Bundesrepublik als eine Art Dauerprovisorium: Sie holten ihre Familien nach und lebten nun nicht mehr in den Wohnheimen, sondern in Billigquartieren.
Ambivalente Identitäten
Doch statt sich für die deutsche Kultur und deutsche Sprache zu öffnen, zogen sie sich - sich selbst überlassen - immer mehr auf sich selbst zurück. Abgekoppelt von der deutschen Aufnahme- und türkischen Herkunftsgesellschaft entstand zumal in den Metropolen eine Parallelwelt, deren Kinder und Kindeskinder bis heute für traurige Schlagzeilen sorgen. In diesen ist von Ehrenmorden die Rede oder von Hasspredigten in fundamentalistischen Hinterhofmoscheen.
In Vergessenheit gerät bei all dem oft, dass der soziale Hintergrund, die Lebensweise und Wertvorstellungen der in Deutschland lebenden Türken vielfältig und verschieden sind und dass es zahlreiche Beispiele gelungener Integration gibt: Von den 2,3 Millionen in Deutschland lebenden Menschen mit türkischen Hintergrund haben heute fünfhunderttausend einen deutschen Pass. Seit den neunziger Jahren hat sich eine türkischstämmige Mittelschicht mit Ärzten, Lehrern, Juristen und sechzigtausend Selbständigen mit über dreihunderttausend Beschäftigten gebildet, die zumindestens ökonomisch mit beiden Beinen im deutschen Leben stehen. Ihre Identität ist oft ambivalent. Auch Gencay Koyunbasoglu empfindet das so: sein Alltag ist deutsch, seine Wurzeln sind türkisch. Anders als noch die Eltern und Großeltern nennt man Leute wie ihn in der Türkei nicht mehr gurbetciler, sondern Almanci, was Deutschländer bedeutet.
Wenn morgen Abend im Baseler St.-Jakobs-Park das Spiel beginnt, treffen keine fußballerischen Erzfeinde aufeinander. Ausgetragen wird zwischen der Türkei und Deutschland vielmehr eine Art Lokalderby, ganz ähnlich jenem, das sich der FC Genclerbirligi und der SC Viktoria Nidda mindestens zweimal im Jahr liefern. Am jeweils nächsten Tag geht dann das Leben weiter.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa