Kuriose Fußballregeln (1)

Abseits ist nicht, wenn der Verteidiger im Aus liegt

Von Daniel Meuren

Regelkonfusion: Ruud van Nistelrooy schießt das 1:0, Christian Panucci (im Hintergrund) hebt das Abseits auf

Regelkonfusion: Ruud van Nistelrooy schießt das 1:0, Christian Panucci (im Hintergrund) hebt das Abseits auf

10. Juni 2008 Irgendwann in den Stunden nach dem großen Sieg wird sich Marco van Basten ins Fäustchen gelacht haben. Ganz Italien jammerte noch ob des Treffers zum 1:0, den Schiedsrichter Peter Fjördfeldt trotz einer scheinbaren Abseitsstellung von Ruud van Nistelrooy anerkannte. Van Basten wird sich da nur gedacht haben: Hättet ihr doch nur auf mich gehört, dann würde es diese leidigen Diskussionen nicht mehr geben.

Der niederländische Nationaltrainer plädierte vor geraumer Zeit tatsächlich vehement dafür, die Abseitsregel abzuschaffen. Der Bondscoach ist der Überzeugung, dass damit die Zeit der zahllosen Fehlentscheidungen endlich vorbei sei und das Spiel keinen wirklichen Schaden nehme, sondern die Offensive etwas mehr inspirierenden Freiraum erhalte.

Auch ohne Abseits kann Toni nicht im Strafraum parken

Da ist der Ball für immer drin: van Nistelrooy allein auf weiter Flur, aber nicht im Abseits

Da ist der Ball für immer drin: van Nistelrooy allein auf weiter Flur, aber nicht im Abseits

Dieser Gedankengang liegt für einen ehemaligen Weltklasseangreifer, der im Zweifelsfall während seiner stürmischen Zeiten in Torjägerdiensten von Ajax Amsterdam, Milan und der holländischen Nationalmannschaft wegen Abseitsentscheidungen um einige Glücksmomente gebracht wurde, sehr nahe. Doch tatsächlich gibt es einige weitere Fürsprecher in der Fußballwelt, die van Bastens Vorstoß unterstützen, um den ewigen Fehlentscheidungen ein Ende zu setzen.

In Deutschland ist wohl Bernhard Peters einer der fachkundigsten Gegner der Abseitsregel. Der Direktor für Sport- und Nachwuchsförderung von 1899 Hoffenheim hat in seiner Zeit als Hockey-Nationaltrainer bereits einmal die Abschaffung der Abseitsregel im Hockey miterlebt, das von der Spielanlage her sehr gut mit Fußball vergleichbar ist. Peters ist aufgrund der damaligen Erfahrungen überzeugt, dass sich das Fußballspiel nach dem Verzicht auf die Abseitsregel ebenso wenig ändern werde wie sein früherer Sport. Auch dann werde sich Luca Toni nicht leisten können, im Strafraum zu parken und auf den langen Ball aus der eigenen Hälfte zu warten. Solche Szenarien werde es höchstens in der Kreisliga geben, wo manch dickbäuchigem Hobbystürmer das Zurücklaufen in die eigene Hälfte künftig erspart würde. Im Hockey oder Fußball auf höchstem Niveau, so Peters, könne sich indes keine Mannschaft leisten, einen Stürmer einfach in des Gegners Hälfte zu postieren. Im Defensivspiel werde vielmehr jeder Akteur benötigt.

Fifa-Regelheft bringt keine Klarheit

Für den aktuellen Fall einer für den gemeinen Fußballverstand abseitigen Abseitsentscheidung bringen die Reformideen aus den Köpfen van Bastens oder Peters' freilich nicht viel. Selbst die Fifa als oberster Hüter der Regeln bringt den Fußball-Fan nicht wirklich voran, wenn sie in ihrem offiziellen Regelheft als Erläuterung zur Abseitsregel sagt: „Begibt sich ein verteidigender Spieler hinter die eigene Torlinie, um einen Gegner abseits zu stellen, lässt der Schiedsrichter das Spiel weiterlaufen und verwarnt den verteidigenden Spieler bei der nächsten Spielunterbrechung, weil er das Spielfeld ohne Erlaubnis des Schiedsrichters absichtlich verlassen hat.“

Der Italiener Christian Panucci freilich begab sich sicherlich nicht freiwillig hinter die Torlinie, um einen gegnerischen Stürmer ins Abseits zu stellen. Deshalb erhielt er auch keine Verwarnung durch den Schiedsrichter. Er stürzte vielmehr nach einer Karambolage mit seinem Torhüter Gianluigi Buffon hinter die Torauslinie, lag schmerzgekrümmt am Boden und hatte sich noch nicht wieder aufgerappelt, als der Ball beim Torschützen van Nistelrooy landete. Der gemeine Fußballverstand tendiert in einem solchen Moment dazu, den Abwehrspieler nicht mehr als aktiven Feldspieler wahrzunehmen. Hätte es sich um einen Stürmer gehandelt, wäre er tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes außen vor gewesen. Denn ein Stürmer, der sich außerhalb des Spielfeldes befindet, kann nur schwerlich ein Tor erzielen. Er ist zum Zuschauen, zur Passivität verdammt, steht also definitiv im passiven Abseits.

Es gibt kein „passives Abseitsaufheben“

Für einen Abwehrspieler gibt es so etwas wie ein „passives Abseitsaufheben“ indes nicht. Verständlich wird das wohl dann, wenn man sich vorstellt, dass Signore Panucci nicht außerhalb des Feldes zum Liegen gekommen wäre, sondern soeben noch auf der Torauslinie. Panucci wäre dann genauso zur Tatenlosigkeit gezwungen gewesen, hätte aber für jeden Beobachter ersichtlich die mögliche Abseitsstellung van Nistelrooys aufgehoben.

Diese Konfusion vor den Augen der Fußball-Weltöffentlichkeit dürfte van Basten in die Karten spielen, wenn er demnächst mal wieder ein Plädoyer gegen die Abseitsregel hält. Einer seiner prominentesten Gegner wird dann der wertkonservative Franz Beckenbauer sein. Der „Kaiser“, der aufgrund moderner Gewaltenteilung im Fußball indes gottlob nicht die Legislative beherrscht, wehrt sich seit jeher vehement gegen jede Modernisierung des Regelwerks in Sachen Torkamera oder Abschaffung der Abseitsregel. „Worüber sollen wir denn dann nach einem Fußballspiel noch diskutieren?“, fragt Beckenbauer dann. Recht hat er wohl. Also freuen wir uns auf die nächste Diskussion.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

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