Von Alfons Kaiser
30. Juni 2008 Wie aus dem Nichts steht er plötzlich in seinem neuen Mailänder Shop. Hier wird es doch keine Geheimtüren geben? Die meisten der zwölf anwesenden Journalisten kennt er gar nicht. Aber Tom Ford begrüßt jeden Teilnehmer der Tour durch sein Geschäft, als ob er ihn endlich, endlich wiedersähe. Und doch achtet er auf die Form: Die Barthaare sprießen kontrolliert, der Dreiteiler sitzt perfekt, der Hemdausschnitt ließ schon mal tiefer blicken, der Rücken ist durchgedrückt, das Lächeln gewinnend, Humor der beste Schutzpanzer gegen zudringliche Fragen. Tom Ford ist hundertprozentig präsent.
Das Erdgeschoss also. Wer aus der Via Pietro Verri hereinkommt, läuft geradewegs auf ein Werk des deutschen Künstlers Anselm Reyle zu. Das hat Ford bei Reyle selbst vor einigen Monaten in Auftrag gegeben, als er kurz in Berlin war. "Man soll nicht wie in anderen Läden gleich auf die Waren zulaufen", sagt Ford, "man soll sich wie zu Hause fühlen." Bei den meisten steht zu Hause wahrscheinlich kein Bronzetisch in der Lobby, hängt kein wundervoll geknittertes Reyle-Kunstwerk hinter dickem Glas und thront kein männlicher Torso aus Marmor als steinerner Gast im Hintergrund. Bei Tom-Ford-Kunden wiederum, die maßgeschneiderte Anzüge jenseits der 5000 Dollar schätzen, mögen die Wände ebenfalls mit schwarzem Samt ausgeschlagen und der Boden aus Carrara-Marmor sein. Jedenfalls ist das Erdgeschoss frei von Zudringlichkeiten: eine Galerie, kein Geschäft.
Nur Mode für den Mann
Wer mehr die Zahlen im Blick behält, erkennt auf der Fläche genügend Verkaufsraum für Damenmode. Aber Ford, der bei Gucci ein Jahrzehnt lang und bei Yves Saint Laurent ein paar Jahre lang die gesamte Branche vor sich her trieb, bis er 2004 mit einer mehr als großzügigen Abfindung und gemeinsam mit dem damaligen Gucci-Chef Domenico de Sole ausstieg - "Tom und Dom" also sind zu intelligent, um das im Jahr 2005 gegründete Label "Tom Ford" gleich zu überfrachten. "Vielleicht in zwei, drei Jahren", sagt er auf die Frage, wann er sich wieder den Damen zuwendet. "Vielleicht auch nie!"
Bis dahin hat er mit den Herren genug zu tun, mit den ersten beiden selbst geführten Geschäften an der New Yorker Madison Avenue und im Mailänder "triangolo d'oro" gleich um die Ecke der Via Montenapoleone, mit den Shop-in-shops unter anderem bei Trois Pommes in Zürich und Lane Crawford in Hongkong und mit den zahlreichen geplanten Geschäften unter anderem in Moskau und Kuweit sowie bald vermutlich auch in München. Außerdem wächst seine Firma allein mit der Herrenmode stürmisch - Zahlen werden allerdings nicht genannt.
Und was man allein für den Mann so alles tun kann . . . Rechts im Erdgeschoss zum Beispiel öffnet sich die Tür zu einer Mini-Parfümerie, in der Fords Angestellte Düfte individuell nach Wunsch der Kunden zusammenstellen.
Ford will die Spitze erobern
Ford eilt voran ins erste Stockwerk. In den deckenhohen Spiegeln verliert sich der Kunde in der Unendlichkeit. Von Vergänglichkeit hingegen kündet eine Urne aus dem 16. Jahrhundert aus afrikanischem Marmor. Wie die Regale einer Privatbibliothek reichen die Hemdenfächer vom Boden bis zur Decke. Insgesamt vermittelt der "Suiting Salon" den Eindruck einer Verbindung von amerikanischem Geld und britischem Understatement. Kein Wunder jedenfalls, dass Ford London (nach New York und Mailand) für die dritte Stadt hält, in der die Männer so viel Stil besitzen, um einen Laden von ihm zur Verfügung gestellt zu bekommen.
All das erinnert an Ralph Lauren, der mit englischer Noblesse und amerikanischem Sportsgeist ein Milliardenimperium aufgebaut hat. Lauren bediente dazu aber mit seinen unvermeidlichen Polohemden geschäftlich eine breite Schicht. Ford will nur die Spitze erobern. Damit könnte er Erfolg haben. Denn all die anderen Herrenmarken auf seinem Niveau - Kiton, Brioni, Zegna - können eben nicht auf eine charismatisch-werbewirksame Leitfigur verweisen, die höchstselbst in lasziver Pose die Anzeigenkampagne bespielt. Wobei die nächste Kampagne, wie Ford vorsorglich ankündigt, viel braver aussehen wird als jene anzügliche, die derzeit in allen Zeitschriften zu sehen ist.
Auch James Bond ist Kunde
Auch strategisch steht er den anderen nicht nach. Zegna schneidert für ihn die Anzüge. Und Brioni hat er gerade den James-Bond-Auftrag entwunden. Schon seit Monaten ging das Gerücht, Ford werde den Hauptdarsteller Daniel Craig einkleiden. Jetzt, während der Mailänder Herrenmodewoche, ist der Zeitpunkt gekommen, den anderen die Schau zu stehlen. Ohne einen Anflug von Stolz, eher so, als habe er seinem alten Freund Daniel einen Gefallen getan, berichtet Ford von dem Marketingcoup. Und was die Konkurrenz angeht: Am Abend wird er eine große Party zur Ladeneröffnung veranstalten - wie es der bloße Zufall will, beteuert er treuherzig, wird am gleichen Abend auch die Party seines früheren Arbeitgebers Gucci stattfinden. Und natürlich wird seine Party schöner werden, mit Atmosphäre und nicht nur mit Champagner. Als ihm kurz nach Mitternacht die Party-Hopper erzählen, Gucci-Chef Mark Lee habe die Konkurrenzfeier bereits verlassen, lächelt er nur.
Im Sturmschritt geht es durch die fünf Stockwerke des Ladens. Hoffnungslos, all die Produktempfehlungen mitzuschreiben: Anzüge (in Glasschränken), Hemden, Pullover, Mäntel, Lederjacken, Sportswear, Krawatten, Reisetaschen, Aktentaschen, Schmuck, Sonnenbrillen in 18 Karat Gold, für den Mittleren Osten bald sogar Dishdashas, die arabischen Männergewänder. Überhaupt, Kundenorientierung wird großgeschrieben: Auf die Tausend-Dollar-Samtslipper, wie sie Flavio Briatore bei seiner Hochzeit trug, kann jedermann seine Initialen sticken lassen.
Ganz oben geht es noch privater zu. Die Kundschaft kann einen leichten Lunch zu sich nehmen, auf dem Bord steht Whiskey bereit, und irgendwo im Hintergrund hat Ford sein Büro. So lässt es sich gut arbeiten. "Und ich möchte schließlich irgendwann mal bei der Arbeit sterben." Und wie sieht's mit dem Plan aus, fragt eine Modejournalistin forsch, ein Baby zu bekommen? "Fragen Sie Richard", antwortet Ford und meint seinen Lebensgefährten Richard Buckley. Wer aus einer solchen Antwort Beziehungsprobleme filtert, hat diesen Mann auf dem 1062-Quadratmeter-Rundgang noch immer nicht verstanden. War doch nur Ironie, alles nur ein Spaß! Wie ins Nichts ist er verschwunden. Hier scheint es Geheimtüren zu geben.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS