Traber-Familie

Junge, komm bald wieder

Von Timo Frasch

Der erste Auftritt nach dem schweren Unfall von Johann Traber junior

Der erste Auftritt nach dem schweren Unfall von Johann Traber junior

22. August 2006 Als Johann Traber senior seine linke Hand triumphierend in den bedeckten Himmel reckt, ist er noch gut fünfzig Meter von dem Stahlmast entfernt, an dem sein Sohn beinahe zerschellt wäre. Seine Tochter Katharina hängt unter ihm an einem Trapez, das Trabers Motorrad auf dem Drahtseil hält. Er steht auf dem Sitz des Gefährts, gut dreißig Meter über dem Boden. Wenn seine Tochter, gerade achtzehn Jahre alt, den Schwerpunkt verlagert, fallen sie.

Warum sollte sie? Für die Traber-Familie, eine der bekanntesten Artistentruppen der Welt, sind solche Höhen nichts Außergewöhnliches. Einst spannten sie ihr Stahlseil zwischen dem Ost- und Westgipfel der Zugspitze, mit Dübeln im porösen Fels, der selbst Johann Traber senior nicht geheuer war. Sie sind mit dem Motorrad über das Brandenburger Tor gefahren und auf 14 Millimetern auf etliche Hochhäuser balanciert. „Why do they do it?“ hat das „Time Magazine“ gefragt und sie mit Leuten verglichen, die sich aus Kanonenrohren schießen lassen oder mit einer Tarantel im Mund Kaugummiblasen formen.

Der Handstand ist gestrichen

Tochter Katharina zuliebe strich Traber senior den Handstand aus dem Programm

Tochter Katharina zuliebe strich Traber senior den Handstand aus dem Programm

In den siebziger Jahren ist Johann zusammen mit seinem Bruder Charly von ungefähr der Höhe abgestürzt, auf der seine Tochter jetzt grazil Arme und Beine von sich streckt. Am nächsten Tag haben die beiden weitergemacht. „Wenn ihr jetzt nicht auf das Seil geht, werdet ihr nie wieder auf ein Seil gehen“, hatte ihr Vater damals gesagt. Im Heide-Park, einem Erlebnispark in der Lüneburger Heide, ist Traber vorsichtiger; auf Bitten seiner Tochter hat er den sonst obligatorischen Handstand auf dem Motorradlenker aus dem Programm gestrichen. Darum geht es heute auch nicht. Es ist ein besonderer Sonntag, der erste Auftritt der Truppe seit dem schweren Unfall von Johann Traber junior am 21. Mai dieses Jahres.

Johann war die Hoffnung der Familie. Er ist der einzige Sohn Johann Trabers, und er war der Kühnste von allen, der jede Nummer am liebsten ohne Sicherung gemacht hätte. Außerdem hatte er dasselbe Gespür für spektakuläre Aktionen wie sein 53 Jahre alter Vater. Bei der Weltausstellung in Hannover stellte er einen neuen Weltrekord auf. Siebzehn Tage hatte er auf dem Hochseil verbracht, gegessen, geschlafen und die beinahe 10.000 SMS seiner Fans beantwortet. Zwei Jahre noch vielleicht, und der heute Zweiundzwanzigjährige hätte die Show alleine schmeißen können.

Campieren in Krankenhausnähe

Dann kam Hamburg. Die Traber-Familie war eingeladen worden, drei Tage lang auf einem Fest zur Neueröffnung des Jungfernstiegs ihre Kunststücke vorzuführen. Sie waren nicht das erste Mal in Hamburg, es gibt fast keinen Ort in Deutschland, wo sie noch das erste Mal sein könnten. Aber es war das erste Engagement des Jahres. Sehr spät für eine Truppe, die sich im Winter mit ein paar Auslandsengagements über Wasser halten muß, aber immerhin: Die nächsten Monate waren fast ausgebucht, Traber sollte im „ZDF-Fernsehgarten“ auftreten und auf einem Fan-Fest zur Fußball-WM. Sogar für die Eröffnungsfeier der Fußball-Weltmeisterschaft war er eingeplant.

Die Feier, die sein guter Bekannter André Heller organisieren sollte, wurde abgesagt. Überhaupt wurde es ein bitterer Sommer für die Trabers. Seit mehreren Monaten campieren sie nun schon in ihren Wohnwagen in der Nähe des Krankenhauses St. Georg in Hamburg, in dem Johann junior liegt. Die Ärzte hatten ihn in ein künstliches Koma versetzt, so schwer waren die Verletzungen. Knochenbrüche, vor allem die Blutungen im Gehirn. Johann hatte 75 Kilogramm gewogen, als er ins Krankenhaus kam, er war durchtrainiert. Heute wiegt er noch 50. Vor kurzem hat er „Trinken“ gesagt, sagt seine hübsche Schwester Katharina, die bis zu ihrem Hauptschulabschluß mehrere Dutzend Schulen besucht hat. Die Trabers versuchen, ihren Sohn jeden Tag zu sehen. Die Familie hält zusammen. Das bedeutet auch: Seit Wochen kommt kein Geld in die Familienkasse.

„Das ist live, das ist Action, das ist super“

Allein der Transport der Ausrüstung und das Aufbauen, das die Truppe selbst übernimmt, kostet oft mehrere tausend Euro. Bei 15.000 Euro geht es los, wenn man die Trabers buchen will. Im HeidePark bekommen sie nicht viel. Traber ist mit dem Geschäftsführer befreundet. Schon vor einigen Jahren hat Traber hier einen Weltrekord aufgestellt, ist mit dem Motorrad durch eine Achterbahn mit einem dreißig Meter langen Looping gefahren. Die Geschäftsführung hat ihm die Möglichkeit gegeben, nach allem, was passiert ist, neu anzufangen. Er sei kein Showman, sagt Traber. Als er die Hand in die Höhe gereckt habe, sei das ein Ausdruck von Erleichterung gewesen. Wir können es noch. Wir sind zurück. Wir haben uns getraut.

Helfer bergen den bewußtlos am Mast hängenden Artisten

Helfer bergen den bewußtlos am Mast hängenden Artisten

„Das ist live, das ist Action, das ist super“, ruft René Strüning mit der Inbrunst eines Schaustellers, der zu einer neuen Runde Autoscooter animieren will. Strüning ist der Neffe Trabers, ein Sohn von dessen Halbschwester. Er hat nicht die Figur, um auf dem Hochseil Kunststücke zu vollbringen, also verdingt er sich als Moderator der Show. Er hat auch am Tag moderiert, als Johann Traber junior abstürzte. Übers Mikrofon hat er dem Vater, der sich gerade auf seine eigene Nummer vorbereitete, zugerufen, was los war, mit dem Johann. Der hing leblos an einem Sicherungsseil.

20.000 wurden Zeuge vom Unfall

Er hatte seine Spezialnummer vorgeführt, hoch oben auf einem beweglichen Eisenstab, der auf dem Träger befestigt war, den Traber heute wieder benutzt. Vier Meter schlug der Stab nach rechts und links aus. Traber junior legte sich auf die kleine Gabel am Ende des Stabs, machte Kopfstände, schwang die europäische Flagge in der Luft. Dann knickte der Stab ab. Johann stürzte, wurde von einem Stahlseil aufgefangen, knallte mit dem Kopf gegen den Stahlträger. Der Vater hatte ein zusätzliches Sicherheitsrohr in den Stab geschoben. Dabei muß sich Kondenswasser gebildet haben.

Ein  Meister seines Fachs: Johann Traber am Stuttgarter Fernsehturm (2004)

Ein Meister seines Fachs: Johann Traber am Stuttgarter Fernsehturm (2004)

Die Stange, die alle zwei Jahre vom TÜV abgenommen wird, war innen voller Rost; keiner hatte das sehen können. Johann Traber spurtete durch die Menschenmenge. Mindestens 20.000 waren an diesem Tag gekommen, um die Traber-Show zu sehen. Der Applaus ist immer das schönste. Er habe auf seinem ganzen Weg niemanden der Umstehenden berührt, sagt Traber. Als er seinen Sohn in den Armen hielt, bis der Krankenwagen kam, habe der wie unversehrt ausgesehen. Nicht einmal an Blut könne er sich erinnern, sagt Traber.

Ein paar Akrobaten haben mit ihrem Leben bezahlt

Johann Traber junior ist nicht der einzige aus der Familie, der abgestürzt ist. Die erste Frau seines Großvaters verunglückte tödlich. Auch sein Onkel Charly ist mehrmals abgestürzt und hat aufgehört, als er noch einmal knapp mit dem Leben davongekommen war. Er kümmert sich mittlerweile um seine Mutter, die zu Hause im badischen Vogtsburg lebt. Dort haben die Trabers ein Haus, Johann senior ist Mitglied im Schützen- und im Turnverein. Der letzte schwere Unfall ereignete sich ganz in der Nähe, 1996.

Die Brüder Johann und Falko Traber wollten 640 Meter über die Altstadt Baden-Badens laufen. Auf einem Hochseil natürlich. Hinter ihnen balancierte ein Dritter mit einer Helmkamera. Er kam ins Stolpern, es war nichts mehr zu machen. Gut zwei Jahre später machte Johann senior mit Falko die Zugspitze. Um zu vergessen. Sein Bruder, der seine eigenen Shows macht, kam mit dem Fahrrad von der österreichischen Seite, Johann von der deutschen. In der Mitte überreichten sie sich die Fahnen des jeweiligen Landes. Alles ging gut.

Ihre große Zeit war in den Fünfzigern

Nach dem Unfall seines Sohnes habe er ernsthaft überlegt aufzuhören, sagt Traber. Er sei zwar nicht schuld, aber er fühle sich verantwortlich. Anklagen seien keine gekommen, keiner habe gesagt: „Geht doch in einen anständigen Beruf!“ „Wir haben einen anständigen Beruf!“ sagt Traber. Das Leben der Trabers riecht mal nach Chanel, mal nach Pommesbude. Sie sind vor Staatsoberhäuptern aufgetreten und auf so ziemlich jedem Rummel in Deutschland. Ihre große Zeit war in den fünfziger Jahren, als die Leute noch keine Fernsehgeräte hatten und wenig passierte in Deutschland.

Heute passiert viel. Und wenn die Leute doch kommen und sich die Vorführungen anschauen, gehen sie manchmal einfach weg, ohne zumindest ein paar Euro in den Klingelbeutel geworfen zu haben. Aber sollten sie deswegen aufhören? Wohin mit dem ganzen Material, den Stahlseilen, Masten und Lastwägen, mit denen sie vier Shows gleichzeitig machen könnten und die sie ein Vermögen gekostet haben? Und vor allem: Wohin mit der Tradition?

Stunts im James-Bond-Film „Moonraker“

Seit 1799 sind die Trabers Artisten, mindestens. Johann seniors Urgroßvater war mit seinem Zirkus schon in Südafrika zu Gast und in Theatern an der Front. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es um das Erbe von dessen Sohn August. Man konnte sich erst nicht einigen, da nahm man das einzige Seil und trennte es in der Mitte. Die eine Hälfte bekam Augusts Sohn Alfred, die andere Hälfte Johann, Johann Traber seniors Vater. Alfred war der bessere Artist, Johann der gewieftere Geschäftsmann. Eine imposante Erscheinung, fast so breit wie hoch.

Wenn Johann sagte, das Seil hält, dann hielt es. Unter ihm wurden die Trabers Ehrenbürger von Monaco. Später machten sie Stunts im James-Bond-Film „Moonraker“. Mit Kleinigkeiten haben sie sich nie abgegeben. Ganz hoch oben mußte es sein, nie unter einem Zeltdach, immer unter freiem Himmel. Im Osten Deutschlands gibt es eine weitläufige Verwandtschaft, auch Hochseilartisten, die ebenfalls Traber heißen. Handwerklich gut, aber nicht ganz so spektakulär. „Was die machen, hat mit uns nichts zu tun“, sagt Traber.

Nächstes Wochenende wieder Rekorde brechen

Er lehnt über der Absperrung. Gleich geht es los. Es ist die zweite Vorstellung des Tages, der Regen hat gottlob aufgehört. Katharina, die sich wieder ihr Showkostüm angezogen hat, wird vom Sicherheitschef des Heide-Parks gefragt, ob sie aufgeregt sei. „Das muß so sein“, sagt sie, „sonst verliert man den Respekt.“ Der Vater scherzt mit den Leuten, die ein Autogramm von ihm wollen. Auch einige Kollegen aus der Branche stehen dabei, sie sind gekommen, um die Familie zu unterstützen. Traber ist nervös. „Egal, wie hoch es ist“, sagt er, „es ist immer gefährlich. Immer gibt es einen Anfang und ein Ende.“

Heute soll erst der Anfang gewesen sein. Schon für kommendes Wochenende plant Traber eine neue Rekordfahrt. Mit über 53 Kilometer pro Stunde will er den Motorradgeschwindigkeitsrekord auf dem Hochseil brechen. Den hält im Moment noch sein Sohn. „Ich will ihm nichts wegnehmen“, sagt Johann Traber senior. „Ich will ihn anspornen zurückzukehren. Ohne ihn wird es für uns ganz schwer.“

Text: F.A.Z., 22.08.2006, Nr. 194 / Seite 7
Bildmaterial: ddp, dpa/dpaweb, Jesco Denzel

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