Von Karen Krüger, Hamburg
12. Februar 2007 Wenn Senait Mehari an ihre Zeit als Kindersoldatin zurückdenkt, erinnert sie sich vor allem an den Geruch von Tod und Blut. Der Fluss hätte nach starken Regenfällen Hunderte von verstümmelten Soldatenkörpern an das Ufer ihres Camps angeschwemmt. Senait und die anderen Kinder mussten die Leichen aus dem Wasser zerren und verscharren. Diesen süßlichen, schweren Geruch und den Anblick der zerfetzten Körper werde ich niemals vergessen. Beim ersten Mal sank ich ohnmächtig zu Boden. Später musste ich mich nur noch übergeben.
Die Einunddreißigjährige schüttelt sich. In dem Hamburger Café, in dem die Eritreerin vor dem an diesem Montag stattfindenden Kindersoldaten-Gedenktag von ihrer Geschichte erzählt, werden Bilder lebendig, an die sich Senait Mehari nur ungern erinnert. Sechs Jahre war sie alt, als ihr Vater sie und zwei ihrer Schwestern in das Rekrutierungsbüro der Eritrean Liberation Front (ELF) brachte. Er drehte sich einfach um und ging weg. Die Männer nahmen uns in Empfang, als seien wir eine Ladung Ziegen, sagt sie.
Unsere Einheit nannten sie Che Guevara
Von nun an mussten die Mädchen als Kindersoldaten an der Front des äthiopisch-eritreischen Unabhängigkeitskriegs dienen. Wir waren mehrere hundert Kinder im Alter von sechs bis fünfzehn Jahren. Unsere Einheit nannten sie Che Guevara. Sie spricht den Namen im kehligen Tigrinya aus, der eritreischen Landessprache: Tschekubera. Dass sich dahinter ein kubanischer Freiheitskämpfer verbirgt, erfuhr das Mädchen erst nach dem Krieg.
Die sechs Jahre alte Senait war zu klein und schwach, um das Fünf-Kilo-Gewicht einer Kalaschnikow zu tragen. Also wurde sie für Boten- und Spähdienste eingesetzt. Später zeigten die Soldaten ihr, wie sie sich beim Schießen an einem Baum abstützen muss, damit der starke Rückstoß beim Abfeuern der Kalaschnikow sie nicht zu Boden wirft.
Ich war innerlich völlig verwahrlost und kaputt
Senait Mehari wurde geschlagen und von den älteren Jungen sexuell missbraucht, sie litt Hunger und Durst und erkrankte schwer an Malaria. Sie erzählt von Ratten, die sich nachts in ihre Haut verbissen (noch heute sind die feinen Narben an Armen und Beinen zu sehen), und von Nächten, in denen sie und die anderen Kinder ineinandergeschlungen schliefen wie ein Knäuel junger Welpen, um die Angst vor dem nächsten Morgen zu bezwingen.
Wir wussten nie, wer von uns von den Kämpfen an der Front ins Lager zurückkehren wird. Jede Nacht war ein Abschied. Ich war innerlich völlig verwahrlost und kaputt. Nach drei Jahren gelang ihr und ihren Schwestern schließlich die Flucht - erst nach Sudan, dann nach Deutschland, wo sie die Chance für ein neues Leben ergriff. Senait Mehari lernte Deutsch und machte Abitur. Sie lebt heute in Hamburg und Berlin und ist Sängerin.
250.000 Mädchen und Jungen sind Kindersoldaten
Ihre Kindheitserinnerungen hat sie in dem Buch Feuerherz verarbeitet, das zum Bestseller wurde. Als Botschafterin der Kindernothilfe kümmert sie sich um das Schicksal von Kindersoldaten auf der ganzen Welt und kämpft gegen die Rekrutierung von Minderjährigen. Der Krieg hat mir meine Kindheit und beinahe meine Seele geraubt, sagt sie. Ich will nicht, dass andere Kinder dieses Schicksal erleiden.
Rund 250.000 Mädchen und Jungen in mehr als 35 Ländern kämpfen als Kindersoldaten. Viele von ihnen überleben nur als Invaliden und tragen schwere seelische Schäden davon. Die meisten Kindersoldaten gibt es in Afrika, wobei das Phänomen dort auf dem Rückzug ist, seitdem in einigen Ländern der Krieg beendet wurde: In Liberia, wo laut Unicef schon etwa jedes zehnte Kind einmal von einer Konfliktpartei rekrutiert wurde, zogen noch Monate nach den Kämpfen verwirrte Kindersoldaten durch die Straßen. Zurück zu ihren Verwandten fanden die wenigsten: Entweder waren die Eltern ermordet worden, oder sie fürchteten sich vor ihren bewaffneten und traumatisierten Söhnen und Töchtern.
Die Kalaschnikow ist kinderleicht zu bedienen
Vor allem Rebellenarmeen schätzen Kinder als Kämpfer: Sie sind billig und leicht durch Propaganda zu manipulieren. Vollgepumpt mit Drogen und Alkohol, töten sie hemmungslos oder dienen als menschliche Schutzschilde, Lockvögel und Minensucher. Anders als zu meiner Zeit als Kindersoldatin sind die Waffen inzwischen leichter geworden, erklärt Senait Mehari. Die Kalaschnikow zum Beispiel hat inzwischen ein Aluminiumgehäuse und ist einfacher zu bedienen - kinderleicht sozusagen. Viele Waffenhersteller hätten den Rückstoßeffekt ihrer Waffen so gedämpft, dass ein Kind ihm standhalten kann.
Die Karrieren von Kindersoldaten ähneln einander: Viele Kinder melden sich freiwillig, um der Armut und Perspektivlosigkeit ihres Zuhauses zu entkommen. Als Soldat verdienen sie etwas und haben das Recht zu plündern. Senait Mehari wurde von ihren Eltern zur Armee gebracht, weil sie in bitterer Armut lebten. Die ugandische Lord Resistance Army (LRA) überfällt gezielt Dörfer, Flüchtlingslager oder Schulen im nordugandischen Grenzgebiet, um Kinder zu entführen und sie in den Rebellencamps zum Morden zu erziehen. Rund 25 000 Kinder kämpfen laut Unicef in der Rebellenarmee.
Angst vor Entführern zwingt zu langen Fußmärschen
Wenn sich die Reihen der kleinen Soldaten nach einer Schlacht zu sehr gelichtet haben, unternehmen die Milizionäre einfach einen neuen Raubzug. Menschenrechtsorganisationen haben deshalb in Uganda sogenannte Schutzzentren errichtet, in denen die Kinder aus den Dörfern der Umgebung zumindest nachts eine sichere Zuflucht finden. Die Angst der Kinder vor den Entführern ist so groß, dass sie Fußmärsche von bis zu fünfzehn Kilometern auf sich nehmen, um vor Sonnenuntergang in Sicherheit zu sein.
In Uganda hat Senait Mehari das Schutzzentrum Arche Noah in Gulu besucht, das von der Kindernothilfe unterstützt wird. Die Konfrontation mit den traumatisierten Kindern sei für sie wie eine Reise in die eigene Vergangenheit gewesen. Eine Sekunde lang habe sie Erstickungsängste gehabt. Bei vielen Kindern hatte man den Eindruck, dass sie selbst eine Umarmung nicht mehr spüren, weil sie innerlich schon so erfroren sind.
Es ist gut zu sehen, dass etwas passiert
Nach ihrer Rückkehr forderte die Eritreerin in einem persönlichen Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass diese die deutsche EU-Ratspräsidentschaft nutzen solle, um sich für die Kindersoldaten einzusetzen. Man müsse Druck auf Länder ausüben, in denen weiterhin Kindersoldaten kämpfen. Außerdem müssten die Kleinwaffenexporte aus der Europäischen Union stärker kontrolliert werden. Ein Protokoll zur Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen verbietet den erzwungenen Kriegseinsatz von Kindern. In Den Haag steht derzeit Thomas Lubanga, ein Kriegsfürst aus der nordostkongolesischen Region Ituri, vor dem UN-Gerichtshof und muss sich wegen der Rekrutierung von Kindersoldaten verantworten.
Es ist gut zu sehen, dass etwas passiert, sagt Senait Mehari. Sie konnte in Deutschland ihre traumatischen Erfahrungen während einer langen Therapie verarbeiten. Aus dem ängstlichen kleinen Mädchen ist eine selbstbewusste junge Frau geworden. Nur manchmal, erzählt sie, zucke sie noch zusammen, wenn sie aus den Augenwinkeln eine schnelle Bewegung sehe. Doch in Deutschland fühle sie sich sicher. Lächelnd streicht Senait Mehari über ihren Mantel: Sie ist schwanger, in wenigen Monaten kommt ihr Kind. Mir haben hier viele geholfen, um mich selbst wieder lieben zu lernen.
Text: F.A.Z., 12.02.2007, Nr. 36 / Seite 9
Bildmaterial: dpa, Frank Peterschroeder / Kindernot, Holde Schneider, picture-alliance/ dpa