Beziehungen

Hochzeitsbörse Arbeitsplatz

Von Georg Meck

Büroliebe: Chef küßt Sekretärin

Büroliebe: Chef küßt Sekretärin

18. Juli 2005 Nirgendwo flirten die Deutschen lieber als am Arbeitsplatz. Jede vierte Ehe wird mittlerweile zwischen Akten und Computer angebahnt. In München wimmelt es von Siemens-Pärchen (was kein Wunder ist angesichts von Tausenden Angestellten in der Stadt).

Stuttgart ist voll von Daimler-Beziehungen: der Ingenieur und die Sachbearbeiterin. Der Meister mit der Betriebsrätin. Der Vorstandsvorsitzende mit der Büroleiterin.

Lebensfreude versus Konflikt

Ein Zufall ist dies alles nicht. Auch auf dem Heiratsmarkt gelten die Gesetze von Angebot und Nachfrage: Zusammen findet, was zusammenpaßt - in bezug auf Alter, Bildung, Interessen. Und da bietet der Job eine passable Vorauswahl. Am Arbeitsplatz herrsche eine „übermäßige Homogenität“, nennen das Soziologen wie Thomas Klein, der seit Jahren das Paarungsverhalten der Deutschen untersucht. Seine Erkenntnis: Im Büro angebahnte Ehen halten tendenziell länger.

Ob die Liebe im Büro auch dem Arbeitgeber nützt, ist umstritten. Der dadurch freigesetzten Lebensfreude stehen potentielle Konflikte entgegen. In Amerika mußten gestandene Unternehmensführer wie jüngst Boeing-Chef Harry Stonecipher gehen, weil sie ein Verhältnis mit einer Angestellten eingegangen waren. Der Warenhauskonzern Wal-Mart versuchte gar, auch seinen deutschen Angestellten den Flirt am Arbeitsplatz zu verbieten - und erlitt damit eine Niederlage vor Gericht.

Permanente Furcht

Umgekehrt müssen deutsche Konzerne, deren Aktien in New York notiert sind, einen Ethikkatalog aufstellen, in dem die Bedingungen für das innerbetriebliche Liebesleben geklärt werden. Die deutschen Konzerne tun dies reichlich vage: keine Diskriminierung, keine sexuelle Belästigung. Sehr viel mehr wird darin nicht geregelt.

Überhaupt sind die Moralvorstellungen hierzulande weit weniger rigide als in Amerika. „In Auburn Hills steige ich lieber aus dem Aufzug, bevor ich mit einer Frau allein fahre“, berichtet ein Daimler-Manager von der permanenten Furcht, des Tatbestandes „sexual harassment“ beschuldigt zu werden.

Nicht den Arbeitsfrieden stören

Auf deutschen Bürofluren gilt dagegen: Küssen erlaubt. Auch wenn nicht jeder Kuß gern gesehen wird. So berichtet ein Mittelständler, er habe einem Projektleiter ob einer Büro-Romanze kündigen müssen: „Der hat für seine Turteleien mit der Praktikantin ständig das Besprechungszimmer blockiert.“

Ein Techtelmechtel dürfe den Arbeitsfrieden nicht stören, heißt es auch bei Bayer. „Private und berufliche Interessen sollten voneinander getrennt werden.“ Beziehungen von Führungskräften mit Abhängigen würden nicht geduldet, teilt Daimler-Chrysler mit.

„Hände weg vom Chef“

Selbst wenn der Arbeitgeber nichts daran auszusetzen hat, ist eine Romanze mit dem Vorgesetzten problematisch. „Hände weg vom Chef“, rät daher der Wiesbadener Anwalt Stefan Spreter. Scheitert die Beziehung, folgt nach seiner Erfahrung regelmäßig die Kündigung - unter Vorschub von anderen Gründen. Überdies werden Beziehungen innerhalb einer Abteilung kritisch beäugt, von den Kollegen wie von der Unternehmensführung.

So gibt es immer wieder Fälle wie den von dem Spitzenmanager eines namhaften deutschen Konzerns, der über Jahre gemobbt wurde, weil er ein Verhältnis mit einer Mitarbeiterin hatte. Obwohl nicht verheiratet und zuvor lange als Kandidat für den Vorstand aufgebaut, wurde der Mann plötzlich bei Gehaltserhöhungen übersehen, hat er den Sprung auf die nächste Karrierestufe bis heute nicht geschafft. Dafür gab es in seinem Privatleben ein „Happy-End“: Voriges Jahr hat er die Kollegin geheiratet, und die beiden sind nach Ansicht aller Beobachter ein „perfektes Paar“.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.07.2005, Nr. 28 / Seite 38
Bildmaterial: AP, F.A.Z.

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