12. November 2006 Maurizio Montalbini ist Soziologe. Um die Reaktionen des Körpers auf Dunkelheit und Einsamkeit zu testen will er bis zu drei Jahre in einer Höhle leben. Im Interview spricht er unter anderem über viel Lesestoff, seine Abenteuerlust und virtuelle Ausflüge auf dem Trimmfahrrad.
Herr Montalbini, Sie wollen bis zu drei Jahre lang in einer Höhle leben, um die Reaktionen Ihres Körpers auf die Dunkelheit und Abgeschiedenheit zu testen. Sie sind nun schon eine Weile in Ihrer unterirdischen Grotte. Was machen Sie gerade?
Ich kann nicht sagen, wieviel Zeit mittlerweile vergangen ist. Aber nach meinem persönlichen Kalender habe ich Ihre Fragen am Dienstag, dem 7. November 2006, erhalten (Anmerkung: Die Fragen gingen am Abend des 8. November per E-Mail an das Kontrollzentrum, das sie an Montalbini weitergab.). Bis jetzt habe ich sieben Bücher gelesen: sechs Romane und eine detaillierte, unanfechtbare journalistische Recherche von 750 Seiten über 90 italienische Abgeordnete, die von verschiedenen Gerichten verurteilt - oder beschämenderweise gerettet wurden, weil die Verjährungsfrist abgelaufen war oder maßgeschneiderte Ad-hoc-Gesetze erlassen wurden. Der Ärger über das, was ich da gelesen habe, hat mir für einige Tage meine Laune verdorben. Aber abgesehen davon geht es mir hier unten gut. Ich habe sogar Teile meines sechsten Romans geschrieben.
Ihnen geht es also gut?
Ja, mir geht es bei meinen Untertage-Missionen immer gut. Ich habe nach wie vor die richtige innere Einstellung und versuche, meine unbegrenzte Zeit so gut wie möglich für mich zu nutzen.
Was machen Sie sonst noch, damit es Ihnen gutgeht in einer Höhle, die zwei Meter breit ist, fünf Meter hoch und fünfzig Meter lang? Joggen Sie?
Bei meinem ersten Rekord von 210 Tagen vor zwanzig Jahren habe ich die Höhlenwände so präpariert, daß ich fit bleiben konnte. Aber selbst damals habe ich mich allmählich von der körperlichen Ertüchtigung abgewandt; ich fand, ich sollte mich mehr mit meinem Kopf und der Innenschau beschäftigen. Jetzt radele ich auf einem Trimmfahrrad, wenn ich einen virtuellen Ausflug machen möchte.
Sie sind per Computer mit der Außenwelt verbunden. Auf diesem Weg unterhalten wir uns ja jetzt auch. Aber kommt Sie denn auch mal jemand besuchen?
Nein, ich bin nur mit dem Kontrollzentrum außerhalb der Höhle in Kontakt, damit ich ja keine Zeitangaben bekomme. Für mich wäre es gefährlich, in Ihr Zeit-Meßsystem zurückgeworfen zu werden. Ich darf also keine Besuche haben. Sie wären zu schmerzhaft für mich und sind außerdem in den Regeln für die Versuchsanordnung verboten, die eine völlige räumliche und zeitliche Isolation verlangen.
Aber wer macht zum Beispiel Ihre Wäsche?
Ich lebe in einer Umgebung, in der 11,5 Grad Celsius mit einer relativen Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent herrschen. Waschen kann ich nur leichte Kleidung, die aber auch nicht sehr gut trocknet. Schwere Kleidung muß ich schonen, damit sie möglichst lange ohne Waschen hält. Also wasche ich mich oft und ziehe mich selten um.
Werden Sie denn auch noch philosophische Werke über die Einsamkeit lesen?
Die Frage ist ziemlich ironisch gemeint, aber ich mag Ironie. Doch ernsthaft: Da ich weiß, was Einsamkeit bedeutet und mehr als dreißig Jahre lang als Psychotherapeut gearbeitet habe, ist es wichtiger, was ich darüber schreibe; dabei lege ich das Schwergewicht auf unterschiedliche Aspekte der Einsamkeit, auch pathologische, wie beispielsweise die Auswirkungen des Gefangenen-Syndroms oder die Motivation, die man als Einsiedler entdecken kann.
Wie viele Bücher haben Sie dabei?
Wenn ich nur mal über meine längsten Höhlenexpeditionen rede: 1986/87 hatte ich für 210 Tage 60 Bücher dabei, 1992/93 waren es 200 für 366 Tage, 1997/98 etwa 70 für 150 Tage. Dieses Mal sind es 84 - und eine Menge Schreibpapier.
Was sagt eigentlich Ihre Familie zu Ihren Experimenten? Oder sind Sie vielleicht froh, sie drei Jahre lang nicht zu sehen?
Meine Frau teilt seit zwanzig Jahren ihr Leben mit mir und hat mich in meiner Arbeit immer aktiv unterstützt. Außerdem wissen wir, daß räumliche Entfernung einer Beziehung nicht notwendigerweise schadet, vor allem nicht unserer, die auf ein paar simplen, wenn auch nicht oft angewandten Tugenden beruht: Respekt, Freiheit, Teilhabe.
Wenn jemandem aus Ihrer Familie etwas passiert, brechen Sie dann ab?
Nein, weil ich darüber nicht informiert würde. Während ich 1992/93 die 366 Tage in einer Höhle verbrachte, starben zwei Mitglieder meiner Familie. Das habe ich aber erst herausgefunden, als ich wieder an der Erdoberfläche war, und habe dann ganz privat mit meinen Gefühlen gekämpft.
Wenn Sie wieder auftauchen, gewöhnen Sie sich dann schnell wieder an den normalen Rhythmus von Tag und Nacht?
Wenn ich in die wirkliche Welt zurückkomme, gönne ich mir nur ein paar Tage, um mich dem Rhythmus der Dinge auf der Erde wieder anzupassen. Aber mein Körper braucht viel länger; nach dem einen Jahr in Isolation zum Beispiel waren meine Abwehrkräfte so gut wie nicht mehr vorhanden. Wahrscheinlich habe ich mein Immunsystem einfach nicht gebraucht, weil es fast keine Krankheitserreger gab. Ich brauchte acht Monate, bis die Werte wieder so waren wie früher. Aber das Interessante war, daß ich überhaupt nicht krank wurde.
Kein Tageslicht, nicht gerade sehr warm, feuchte Luft, und das nun drei Jahre lang: Wie groß muß der Forscherdrang sein, damit man so etwas freiwillig auf sich nimmt?
Ich weiß, nach dem gegenwärtigen Vorurteil eignen sich Italiener eher für Unternehmungen, die ein üppiges Buffet einschließen, oder für Situationen, die an ein Boccaccio-Gemälde erinnern. Ich aber suche in meinem Leben nach Abenteuern, die erlebt werden wollen, nach Schwierigkeiten, die es zu lösen, nach Zielen, die es zu erreichen gilt. Meine ständige Begierde, etwas zu lernen, der Wunsch, meine Durchhaltekraft auf die Probe zu stellen und mich geistig vital zu halten, lassen mich Situationen aushalten, die andere unerträglich finden.
Sie haben vier Kilo Honig, zwei Kilo Nüsse und 1,5 Kilo Schokolade mit in die Höhle genommen. Wird es reichen?
Das reicht gerade, mich zwischendurch ein wenig zu verwöhnen. Sonst ernähre ich mich von Trockennahrung und Tabletten. Und die reichen, falls es nötig ist, für drei Jahre.
Die Fragen stellte Cornelia von Wrangel.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.11.2006, Nr. 45 / Seite 16
Bildmaterial: Underlab