Sir Edmund Hillary gestorben

Auf dem Gipfel der Unmöglichkeit

Von Alfons Kaiser

Sir Edmund Hillary und Tenzing Norgay zeigen die Ausrüstung, die sie beim Besteigen des Mount Everest trugen

Sir Edmund Hillary und Tenzing Norgay zeigen die Ausrüstung, die sie beim Besteigen des Mount Everest trugen

11. Januar 2008 Edmund Hillary konnte sich sein Ziel nicht vorher mit „Google Earth“ anschauen. Er konnte am 29. Mai 1953 nicht per Satellitentelefon von seinem Sturm auf den Mount Everest berichten - die Welt erfuhr erst drei Tage später davon, gerade rechtzeitig zur Krönung Elisabeths II. am 2. Juni in Westminster Abbey.

Und es gibt nicht einmal ein Bild von Hillary auf 8850 Metern, denn sein Begleiter, Sherpa Tenzing Norgay, wusste gar nicht, wie man auf einen Auslöser drückt - das Beweisfoto zeigt also nur Norgay auf dem Dachfirst der Welt, zwischen Himmel und Erde, von Stürmen umtost, von Glück und Erschöpfung geschüttelt. Sie aßen noch einen Pfefferminzkuchen und stiegen nach einem Viertelstündchen hinab.

Sir Ed blieb demütig

Die Bergsteigerei vor mehr als einem halben Jahrhundert war technisch so unzulänglich, wie es sich die mit Thermojacken, GPS-Geräten und Blackberrys ausgestattete Abenteurer von heute wohl nicht mehr vorstellen können. Zu dem bescheidenen Outdoor-Outfit passte aber auch das legendäre Understatement des Erstbezwingers, das in rekordsüchtigen Zeiten anmutet wie ein liebevolles Relikt aus den großen Zeiten der britischen Kolonialherrschaft.

Sir Ed, wie sich der umgehend geadelte Neuseeländer bescheiden nannte, blieb demütig angesichts dieses Gipfels des Erfolgs. Bezeichnend, dass Hillary, der am Freitag morgen im Alter von 88 Jahren in einem Krankenhaus in Auckland an einem Herzanfall starb, verfügte, seine Asche aufs Meer vor Neuseeland zu streuen. Andere lassen ihre Überreste ins Hochgebirge expedieren. Er hingegen bleibt selbst in der Ewigkeit auf Normalnull.

Er war gelernter Imker

Die Zurückhaltung, die Hillary so beliebt machte, hängt vermutlich mit seiner Herkunft zusammen. Ein Neuseeländer macht schon wegen der Randlage nicht viel Aufhebens um seine Person, und Bienenzüchter geben sich von Natur aus mit den kleinsten Dingen des Lebens zufrieden.

Ja, Edmund Percival Hillary, am 20. Juli 1919 als mittleres von drei Kindern in Tuakau bei Auckland geboren, lernte zwar schon als Kind das Bergsteigen, ergriff aber nach zwei Studentenjahren einen richtigen Beruf: Wie sein Vater wurde er Imker, um mit viel Geduld der Natur die besten Ergebnisse abzuringen.

Respekt vor dem Berg

Mit etwas Großzügigkeit kann man das als gute Vorbereitung sehen für die Rolle des Bergbezwingers. Schnell hatte der Mann, der wegen seiner Körpergröße von 1,88 Metern in Nepal als „burra sahib“ (“großer Mann“) bekannt war, die Statur der großen Entdeckungsreisenden, der Ernest Shackleton und Robert Falcon Scott, die zum Ruhme des britischen Empire die Welt mit ihren Expeditionen eroberten. Und der Everest gehörte ja schon vom Namen her zum Kolonialreich - benannt nach Sir George Everest, der im Dienst der englischen Krone die Lage jenes Berges vermessen hatte, der 1865 nach ihm benannt wurde.

Der Respekt vor dem Mount Everest war damals enorm. Am 10. Juni 1924 waren George Mallory und Andrew Irvine in Gipfelnähe verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Erst 1999 fand man die konservierte Leiche Mallorys auf 8200 Metern. Vermutlich war er beim Abstieg gestürzt. Aber ob er wirklich ganz oben war, wird man wohl nie erfahren. Hillary war es herzlich egal. Zum erfolgreichen Besteigen eines Berges, so meinte er, gehöre es auch, heil wieder herunterzukommen.

Hillary war im Zweiten Weltkrieg Navigator bei der Air Force

Immer wieder hatten Expeditionen Anläufe gemacht. Tenzing Norgay, Hillarys späterer Partner, war 1935 unter der Leitung von Eric Shipton am Berg. Mehrmals scheiterte er am Everest, zuletzt 1952 als Mitglied einer Schweizer Expedition.

Hillary selbst, der im Zweiten Weltkrieg Navigator bei der Air Force war und in der Nachkriegszeit viele Berge in Neuseeland bestieg, war 1951 zum ersten Mal in Nepal. Dort traf er Eric Shipton, sein großes Vorbild, der ihn gleich zur Erkundung der Everest-Südseite mitnahm.

Am 12. April 1952 begann die Mission

1952 erkundete Hillary, ebenfalls mit Briten, den Achttausender Cho Oyu. Insofern war er gerüstet für die Expedition des Jahres 1953. Shipton empfahl Hillary dem britischen Expeditionsleiter John Hunt als willensstarken Mann.

Am 12. April begann die Mission im Basislager auf 5364 Meter Höhe. Dort fiel auch die Entscheidung für das Zweierteam, gegen die britischen und für den neuseeländischen Expeditionsteilnehmer. Mit Tenzing Norgay machte sich Hillary am Morgen des 29. Mai vom Lager IX auf 8504 Meter Höhe auf den Weg.

„We knocked the bastard off“

Als schier unüberwindbar erwies sich eine Steilstufe im Grat kurz vor dem Gipfel. Hillary presste sich als Seilerster rückwärts gegen den Felsen und spreizte sich in der Spalte hoch. Seither heißt das Hindernis „Hillary Step“.

Als sie wieder herabgestiegen waren aus dem Reich des Todes, soll Hillary den legendären Satz „We knocked the bastard off“ gesagt haben. Etwas ruppiger als Neil Armstrongs durchdesignte Mond-Worte „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit“ von 1969. Aber gerade deshalb kam er beim Volk gut an. Und endlich einmal hatte bei diesem Mann der Stolz über die Bescheidenheit gesiegt.

Gemeinsame Erstbesteiger

Auch mit der Antwort auf die ewige Frage, wer denn nun als erster auf dem Gipfel stand, blieb Hillary letztlich nicht hinterm Berg. Der Analphabet Tenzing wurde zwar gleich nach der Rückkehr vom Berg aus nepalesisch-nationalistischen Gründen zu einer Unterschrift unter ein Dokument bewegt, das ihn als ersten Gipfelstürmer feierte.

Hillary aber wartete das Eingeständnis des treuen Begleiters und auch noch dessen Tod im Jahr 1986 ab, bevor er wirklich wissen ließ, dass er der Erste gewesen sei. Letztlich aber betrachteten sie sich als gemeinsame Erstbesteiger. Und was sind kleine Eitelkeiten angesichts der Eroberung des „dritten Pols“!

Er grämte sich über die Folgen seiner Mission

Hillary hat stets die Zwiespältigkeit seines größten Erfolgs empfunden. Er hatte eine Grenze erreicht - und überlegte schon oben auf dem Gipfel, welche neuen Herausforderungen, neuen Routen, neuen Berge es jetzt noch geben könne. So ganz befriedigend scheinen also nicht einmal solche Höchstleistungen zu sein: „Es war gar nicht so aufregend, wie man vielleicht heute denken könnte“, sagte er einmal, „ich war eher überrascht und zufrieden.“

Noch mehr als über die Grenzen der Grenzerfahrungen grämte er sich aber über die Folgen seiner Mission. Bis heute ist der Berg 3680 Mal bestiegen worden, allein am 22. Mai 2003 traten sich 115 Menschen dort oben auf die Füße. Das Risiko wird durch fixierte Aluminium-Leitern am Khumbu-Eisfall, fest installierte Seile auch am Hillary Step, mit Äxten ins Eis geschlagene Stufen, bereitstehende Sauerstofflaschen berechenbar gemacht, erfahrene Sherpas schultern den Großteil des Gepäcks.

Der Berg ist voller Müll

Die Vereinnahmung des Gebirges durch Abenteuerhungrige, Trekkingtouristen, Umweltverschmutzer und Wichtigtuer schmerzte Sir Ed so sehr wie später seinen größten Nachfolger Reinhold Messner - nicht zuletzt weil sie wussten, dass der Berg in der animistisch-buddhistischen Glaubensmischung der Region als heilig gilt.

Hillary gab sich eine „Teilschuld“ an den Müllbergen aus Sauerstoffkanistern und Bierdosen: Er selbst habe den Bau des Lukla-Bergflugplatzes veranlasst, der Namche Bazar zu einem von Soldaten und Beamten bewachten Bergdorf gemacht hat und Khumbu überhaupt zu einer Gegend, die in der Saison heillos übervölkert ist.

Den Gipfel sperren

Die Mitschuld an dieser Belagerung suchte er abzutragen, indem er die Einheimischen unterstützte. Mit Spendengeldern baute er Schulen, Krankenhäuser, Brücken und Wasserleitungen, unterstützte die Nepalesen bei der Tourismusentwicklung und mit Wiederaufforstungsprogrammen. Er forderte gar, den Gipfel des Mount Everest für Jahre zu sperren, auf dass er sich erhole.

Hillary hatte Zeit für solche Projekte. Denn er tuckerte zwar auch 1958 mit der ersten Expedition nach Amundsen und Scott zum Südpol, suchte im Himalaja nach dem Yeti, fuhr 1977 mit dem Motorboot den Ganges hinauf bis zur Quelle, war - mit Neil Armstrong - 1985 am Nordpol, arbeitete von 1985 bis 1989 als Botschafter für Indien, Nepal und Bangladesh und kehrte sogar vor einem Jahr zum 50. Geburtstag der Scott-Basis an den Südpol zurück - aber die größte Grenzbegehung hatte er schon im Alter von 33 Jahren gemeistert.

Ehrenbürger Nepals

Die Herausforderungen des wirklichen Lebens sind darin allerdings nicht eingerechnet. Hillary, der sich mit Vorträgen seinen Lebensunterhalt sicherte und mit Spendenauftritten seine Stiftungen finanzierte, verlor seine erste Frau Louise und Tochter Belinda am 31. März 1975 bei einem Flugzeugabsturz.

Im Jahr 1990 heiratete er ein zweites Mal: June Mulgrew, die ehemalige Frau seines Freundes Peter Mulgrew, der ebenfalls bei einem Flugzeugabsturz umgekommen war. Sir Edmund Hillary, der beliebteste Mann Neuseelands, der von der englischen Königin zum Ritter geschlagen und von Nepal zum ersten Ehrenbürger des Landes ernannt wurde, der das Leben 88 Jahre lang bezwungen hat und im hohen Alter nur am Tod gescheitert ist, hinterlässt zwei Kinder und mehrere Enkel.

Text: FAZ.NET mit Material von AFP
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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