20. Dezember 2004 Udo Jürgens hat den Roman seines Lebens geschrieben. Ein Gespräch mit dem Mann, der weit mehr ist als ein Schlagersänger, über Treue und Toleranz, Politik und Drogen sowie ein Lied, das Türkischer Wein heißen könnte.
Herr Jürgens, in Ihrem autobiographischen Roman reden Sie oft von sich selbst als dem ewig Reisenden. Wieso?
Unsere Familie hat in vielen verschiedenen Weltgegenden gelebt. Zunächst in Moskau, dann kam die Flucht nach Schweden, später nach Deutschland, und mit dem Krieg haben sich zwei Heimaten gebildet. Eine in Österreich und eine in Norddeutschland. Dadurch habe ich von Haus aus diese Unstetigkeit mitbekommen. Und als Schauspieler oder Musiker ist man sowieso entwurzelt und lebt auf der Straße und in Hotels. Den Drang nach Seßhaftigkeit habe ich nie verspürt, höchstens als eine unerfüllte Sehnsucht, die meine Arbeit vorantreibt. Ich habe es meiner ersten Frau überlassen, ein Heim zu schaffen, denn damals gab es ja absolut keine Alternative zur persönlichen Karriere. In den fünfziger und sechziger Jahren mußte man hart arbeiten, wer nicht mitgehalten hat, ist auf der Strecke geblieben. Das hat keinen groß gekümmert. Ich habe diese Wirtschaftswunderjahre miterlebt und das andere politische Denken.
Wo standen Sie damals politisch?
Man hat sich, vor allem wenn man jung war, nicht bürgerlichen, sozialistischen oder konservativen Lagern zugerechnet. Wir haben unsere geistige Heimat auf einer Senkrechten gesucht, in einem Unten und Oben. Man mußte oben dabeisein - nicht durch Charakterlosigkeit, aber durch Fleiß.
Was hieß oben?
Das war die Philosophie der fünfziger Jahre: Ich will erfolgreich sein, und darum muß ich rackern und schauen, daß ich gute Leute kennenlerne und mich vorstellen kann. Ich wollte unbedingt nach oben.
Haben Sie das auch manchmal als demütigend erlebt?
Ich habe lange unter dem Existenzminimum gelebt. Das war schon etwas demütigend. Aber ich habe nie der Gesellschaft die Schuld gegeben. Es war schließlich die Nachkriegszeit. Das Land war kaputt, alles mußte wieder aufgebaut werden. Da waren Chancen und Aussicht auf einen Platz. So hat man das gesehen.
Was haben Sie damals gesungen?
Ganz am Anfang war ich ja gezwungen, aufzunehmen, was die mir hinlegten. Das war furchtbar, Cowboy-Lieder und Seemann-Songs. Eines hieß Hejo, hejo, Gin und Rum. Das waren so Lieder, die wohl Freddy Quinn abgelehnt hatte. Ich habe natürlich damit keinen Erfolg gehabt, weil ich nicht dahinterstand. Ich träumte von Gershwin und von Chansons. Damit war ich dann irgendwann auch erfolgreich.
Wieso Chansons?
An ihnen lernte ich, daß Lieder die Gedanken des Landes enthalten müssen, die Freude, aber auch den Schmerz und die Ängste, die ein Volk hat. Das tat ich dann sehr konsequent und habe so etwas wie Lieb Vaterland magst ruhig sein geschrieben mit sehr politischem sarkastischem Text. Da wurde ich heftig angefeindet, und zwar von links und rechts. Das war mir recht, denn ich wollte mich keiner politischen Idee anschließen, sondern dem Mann auf der Straße, der ja auch eher zwischen den beiden politischen Lagern steht.
Damals haben Sie verschüchtert auf die Kritik reagiert. Hing das mit Ihrem Harmoniebedürfnis zusammen, von dem Sie auch heute noch sprechen?
Sicher. Aber auch mit meiner Herkunft. Wir sind streng erzogenworden. Anständiges Benehmen in der Öffentlichkeit war zum Beispiel ganz wichtig. Das Lied hatte unvorstellbaren Staub aufgewirbelt, wurde von Radioanstalten verboten, vor denen dann wiederum für den Song demonstriert wurde. Ich war nicht stolz darauf, eine solche Kontroverse ausgelöst zu haben, war weder der Rock 'n' Roller noch der Revoluzzer, der auf die Straße geht. Das konnte ich nicht. Das mag sehr kunstfeindlich gewesen sein, und es wäre wohl besser gewesen, wenn ich schon damals etwas freier gewesen wäre.
Noch einmal zum Roman. Sie haben als Vorbild einmal die Buddenbrooks genannt. Thomas Mann wurde deswegen in Lübeck und der eigenen Familie angefeindet. Haben Sie Ähnliches befürchtet?
Wenn man bedenkt, was heute diese sogenannten Enthüllungsromane freilegen, so ist unsere Gesellschaft ziemlich schmerzunempfindlich geworden. Zu Manns Zeit und auch noch in meiner Jugend war das anders. Man redet nicht über andere, lautete eine Grundregel, oder: man sagt nicht, wenn man homosexuell ist. Überhaupt wäre es unanständig gewesen, über Sexualität zu reden. Wir leben heute in einer komplett anderen, offenen Gesellschaft. In einer zu offenen und respektlosen, in der die vielbeschworene Toleranz nur noch Gleichgültigkeit ist.
Zu offen? Sie selbst reden oft verblüffend offen über sich, auch über sehr intime Dinge.
Ich habe eine gewisse Ehrlichkeit. Aber ich würde nie Details aus Bereichen unter der Bettdecke preisgeben, weil ich dann andere Menschen bloßstellen würde. Mit mir selbst gehe ich nicht sehr schonend um. Ich habe auch zu dem Problem Untreue gestanden, das ich in jungen Jahren hatte. Das habe ich auch meinen Lebenspartnern eingestanden. Ich habe ja auch in diesen wilden Zeiten gelebt, in dieser 68er Generation, die alle bürgerlichen Moralvorstellungen ablehnte. Das hat unter dem Stichwort Emanzipation unglaublich auf die damals jungen Frauen gewirkt. Man kann sich kaum noch vorstellen, was man als einigermaßen attraktiver oder sympathischer Mann erlebt hat. Man ging in Lokale, und die Frauen haben einen offen angesprochen oder angefaßt oder aufgefordert mitzugehen. In dieser Beziehung haben wir heute zurückgefunden zu einer Normalität, eigentlich sogar zu Prüderie. Je mehr öffentlich über Sex geredet wird, desto prüder ist eigentlich das Verhalten.
Das eine bedingt ja das andere.
Ja. Aber in den frühen siebziger Jahren war eine vollkommene Auflösung aller Werte. Auch die Gefährdung durch Alkohol und Drogen war ungemein groß. Daß ich heute fünfzig Jahre in diesem Beruf tätig bin und dieser Kelch an mir vorüberging, grenzt an ein Wunder. Man hat mir die Drogen überall hinterhergetragen.
Bleiben Sie jetzt Autor?
Nein, ich stehe immer wieder vor der Hauptfrage, Drei-bis-vier-Minuten-Liedchen zu schreiben - und natürlich schreibt man über die Liebe in ihrer glücklichen und unglücklichen Form, in ihrer Bitterkeit, im Verlassenwerden. Die Liebe ist die größte Triebfeder, die der Mensch hat. Aber ich suche natürlich auch andere Themen, gesellschaftspolitische oder skurrile oder satirische.
Warum haben Sie eben Liedchen statt Lied oder Chanson gesagt?
Eine Drei-Minuten-Musik hat Liedchencharakter. Doch es ist die kürzeste, aber auch ursprünglichste musikalische Form des Menschen. Sie ist ein gigantisches Sammelbecken für jede Erfahrung, auch für jede Dummheit.
Wenn Sie unsere Gegenwart betrachten, die aktuelle Islamismusdebatte zum Beispiel, würden Sie darüber ein Lied komponieren, sagen wir: statt Griechischer Wein jetzt Türkischer Wein?
Ich denke sehr intensiv über ein Lied mit einem türkischen Thema nach. Ich finde, die Millionen Türken in Deutschland haben sich zum Teil großartig integriert, zum Teil auch nicht. Es gibt einen faszinierenden Konflikt zwischen dem islamischen Teil und dem christlichen Teil in Deutschland. Ich bin fieberhaft dabei, irgend etwas zu suchen, einen Begriff zu finden, halb türkisch, halb deutsch, den man auf beiden Seiten versteht.
Wir leben in beängstigenden Zeiten. Das ist mir bewußt. Aber es hat gar keinen Sinn, daß wir jetzt ständig Angst haben. Deshalb werde ich versuchen, ein Lied zu schreiben, das die Gemeinsamkeiten betont. Es gibt nur eine Sache, die heute die Menschen trennt: Das ist nicht mehr die Hautfarbe. Das wirkliche Problem sind die unterschiedlichen Religionen. Je aufgeklärter unsere Gesellschaften und unsere Erziehung werden, desto verkrusteter werden sie.
Ist deshalb also Toleranz momentan die versteckte Landmine? Heißt tolerant sein jetzt vielleicht sogar Unfrieden stiften? Wir werden es nicht mehr erleben, daß diese Religionskonflikte zu einer friedlichen Lösung kommen. Das ist das traurige an meinem Alter.
Auch Ihr Roman ist in das politische Räderwerk geraten. Es gab den Vorwurf, Sie hätten zwar sehr offen, aber viel zu oberflächlich über die Zeit der Nazis geschrieben.
Das Buch ist ja nun nicht dazu bestimmt, und ich bin als Mensch auch nicht dazu aufgerufen, eine tiefenpsychologische und philosophische Betrachtung des Dritten Reichs zu liefern. Ich war zu dieser Zeit zehn Jahre alt, und ich habe mich bemüht, sie aus der Sicht eines Zehnjährigen zu schildern. Deshalb zum Beispiel die Erzählung, wie ich mich angestrengt habe, ein guter Hitlerjunge zu werden, um vom Lehrer keine Ohrfeigen zu kriegen. Gegen Kriegsende wurde nur noch darüber gesprochen, ob der noch lebt oder jener, an der Front oder in den bombardierten Städten. Das hat unglaubliche Unsicherheit erzeugt. Wir haben mitbekommen, daß wir in einer Zeit leben, die sich auflöst.
Was mich besonders berührt hat, ist die Aussage, daß Ihr Vater forderte, zu Hause zum Dritten Reich zu schweigen. Die Angst ging also bis in die Familien?
Total. Es gibt eine Begebenheit aus meiner Schule: Ein Klassenkamerad hat in der Pause laut erzählt, der Krieg sei verloren, das habe sein Vater gesagt. Der Vater ist zwei Tage später abgeholt worden. Das war der Hintergrund, wenn mein Vater sagte: Wir reden, wenn alles vorbei ist. So war es dann auch. Wobei ich mich daran erinnere, daß meine Eltern anfangs den Massenmord an den Juden nicht glauben konnten. Also wir dort in Kärnten, am Rande des Großdeutschen Reichs, haben das nicht geglaubt. Daß Schlimmes geschehen sei, das ja. Erst als die Eltern dann die Bilder gesehen haben, wurde es erschütternde Gewißheit.
Paul Spiegel, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat das Buch gelesen und mir geschrieben. Als ich den Absender las, kriegte ich Herzklopfen. Aber er schrieb, er hätte selten so ehrliche Töne über die Nazi-Zeit gelesen. Solche Ehrlichkeit wäre viel hilfreicher als Scheinverständnis.
Kritiker dieser Passagen Ihres Romans erklärten, Jörg Haider sei Ihr Duzfreund gewesen.
Das war in Kärnten, am Wörthersee, zu Anfang seiner politischen Laufbahn. Da hat man über die FPÖ als das Gegenstück zur FDP in Deutschland geredet. Ich hielt es immer für sehr wichtig, daß ein Land zwischen den großen Parteiblöcken eine kleinere Partei als Drehangel hat. Deshalb habe ich zunächst keine Gefahr in der FPÖ gesehen. Auf einmal wurde Haider der große Haider, war ultrarechts und hat sich katastrophal verhalten, und ich habe mich offen gegen ihn gestellt, was mir dann Ärger in Österreich eingebracht hat. Das österreichische Ansehen im Ausland hat damals empfindlich gelitten. Ich trat gerade in China auf und wurde in Peking auf einer Pressekonferenz sofort auf Haider angesprochen. Da habe ich versucht, den Kollektivverdacht gegen Österreich zu zerstreuen.
Was heißt es für Sie, 70 Jahre zu sein?
Es erscheint mir unwirklich, vollkommen unwirklich. Früher habe ich mir dabei einen über die Straße schlurfenden Mann am Stock vorgestellt. Das Älterwerden ist heute ein ganz anderes geworden, das ist ja auch das Thema von Frank Schirrmacher. Wenn man etwas vernünftig gelebt hat, hat man die Chance, das Alter in einer ganz anderen geistigen Verfassung zu erleben. Mein Vater war in den letzten zehn Jahren seines Lebens wirklich ein sehr alter Mann. Ich sorgte dafür, daß er einen ruhigen Lebensabend haben konnte Doch ich möchte autark sein. Ich stelle mir das schrecklich vor, als schwach werdender Mensch den Kindern auf der Tasche zu liegen.
Was könnte Sie zum Rückzug veranlassen?
Wenn ich keinen Erfolg und keinen Spaß mehr hätte. In den letzten sechs Wochen habe ich, wenn Zeit war, am Klavier gesessen, und es sind sechs Lieder und einige gute Ideen entstanden. Die sechs zählen zum Besten, was ich geschrieben habe. Das ist ein traumhaftes Gefühl. Da kann es privaten Ärger geben, das tröstet über alles hinweg. Es kann aber sein, daß ich irgendwann einmal so vorgeführt werde, daß ich meine Würde verliere, dann würde ich aufhören.
Was heißt für Sie, Würde zu verlieren?
Es ist schwer, vierzig zu werden, es ist schwer, fünfzig zu werden, es ist schwer, siebzig zu werden. Mit jedem Jahr, das wir länger leben, gibt es auch mehr Probleme. Es gibt Menschen, die mir nicht mehr gut gesinnt sind oder sogar feindlich. Leben, ohne anderen Menschen Schmerzen zuzufügen, ist unmöglich. Mein unbewußtes Motto war immer: ich will niemandem weh tun, dann tut auch mir niemand weh. Doch man will seinen Platz in der Gesellschaft, seine Arbeit, mit Menschen zusammensein. Das aber geht nicht, ohne Schmerz zuzufügen. Du brauchst dich nur verlieben, und es ist noch ein anderer in dich verliebt - schon hast du einem Menschen weh getan. Mit diesem Gedanken kann ich mich heute noch nicht abfinden.
Gibt es ein Lied, von dem Sie sagen, das ist mein bestes, und eines, das Sie das schlechteste nennen?
Ich würde alle meine erfolgreichen Lieder als recht gut bezeichnen. Ich zähle nicht zu denen, die sagen: Ich kann sie nicht mehr hören. Wenn ich etwas herausheben soll, dann meine Symphonie Krone der Schöpfung - fünfunddreißig Minuten in drei Sätzen. Die möchte ich bald in einem schönen großen Rahmen aufführen mit Symphonie-Orchester. Das schlechteste? Ich habe fast neunhundert Songs geschrieben, da sind so einige schlechte dabei. Sobald man versucht, Töne auf dem Konstruktionsweg zu machen, klappt es nicht. Die Magie, warum einem plötzlich bei einigen Tönen ein Schauer über den Rücken läuft, ist unerklärbar. Deswegen bin ich überzeugt, daß eine Religiosität in der Kunst liegt.
Sie galten als Idol. Haben Sie das genossen?
Einmal war ich auf fünf Illustrierten gleichzeitig. Meine Mutter sagte: Du wirst sehen, eine Familie kann so nicht bestehen. Sie hat recht behalten, es ist alles kaputtgegangen. Aber als meine Karriere losging, habe ich gedacht, das ist normal. Mein Manager sagte, ganz Deutschland muß von dir reden. Er hat das letzte von den 226 Konzerten meiner Udo 70-Tournee nach Berlin gelegt und siebzig Fahnen am Kurfürstendamm aufhängen lassen, zwölf Meter hoch. Als ich das gesehen habe, dachte ich, was machen die mit mir? Das ist alles aus dem Ruder gelaufen.
Das Gespräch führte Dieter Bartetzko.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.12.2004, Nr. 51 / Seite 21
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