Von Philip Eppelsheim
03. März 2008 Sie sagt, auf ihr laste ein Fluch, seit sie zu Deutschlands Fixerprinzessin wurde, als sie mit fünfzehn Jahren zwei Journalisten ihren Weg in die Sucht und auf den Kinderstrich schilderte: Christiane F. Daraus wurden eine Illustriertenserie, das Buch Wir Kinder vom Bahnhof Zoo und ein Film. Heute, nach drei Jahrzehnten, ist sie kein Kind mehr: C. Felscherinow. Dem Bahnhof Zoo hat sie seit langem den Rücken gekehrt, auch ohne sie ist es dort weitergegangen: Kinderprostitution, Schwulenstrich, Junkies. Ihr Weg nach Süden hat sie so weit geführt, wie die S-Bahn-Linie 25 reicht. Endstation Teltow.
Doch C. Felscherinow ist auch dort nicht zur Ruhe gekommen. Als sie auf ihrem schwarzen Mountainbike auf den Parkplatz am Supermarkt neben dem Bahnhof einbiegt, umringen sie die 15, 16 Jahre alten Mädchen, die - Zigarette in der Hand - am nahe gelegenen Supermarkt die Zeit totschlagen. Sie starren voller Bewunderung auf die Frau mit den dunkelrot gefärbten Haaren, den türkis geschminkten Augen und dem rot bemalten Mund. Der Fluch, das Buch, lässt C. Felscherinow auch in Teltow nicht los.

C. Felscherinow: „Wenn einer überlegt, wie zerstöre ich mich selber, dann findet er das Buch und den Film geil.”
Aufwühlende Geschichten aus einer anderen Welt
1978 wurde der Reporter Horst Rieck auf sie aufmerksam. Er schrieb gerade eine Geschichte über Kinderprostitution und las von einem Prozess gegen einen Schreibwarenhändler, der Mädchen zu sexuellen Handlungen gezwungen hatte. Auf dem Flur des Gerichts bin ich einem Mädchen und ihrem Vater begegnet. Ich habe gefragt, ob sie etwas zu Kinderprostitution zu sagen habe. Sie sagte: Und ob. Es war Christiane F.
Rieck reizte an Christiane etwas. An diesem Mädchen, das auch in der älter gewordenen C. Felscherinow mit der dunklen, rauchigen Stimme noch gegenwärtig ist, wenn sie von Fußballern und den Knoblauchmettwurststullen ihrer Oma schwärmt. Wenn sie selbstkritisch ihre Figur begutachtet: wie sie wohl wirkt in der hautengen, nur knapp über den Hüften sitzenden Jeans. Sie war ein wahnsinnig intelligentes Mädchen. Es sei unvorstellbar gewesen, was sie erzählte; aufwühlende Geschichten aus einer anderen Welt. Irgendwann war es wie eine Älterer-Bruder-Beziehung, die ich zu ihr hatte, sagt Kai Hermann.
Wir haben ihr gewünscht, dass sie einen normalen Weg gehen kann.
Ein Jahr interviewten Rieck und Hermann Christiane F., fast jeden Tag hörten sie sich ihre Geschichte an. Von dem Mädchen, das im Betonriff der Gropiusstadt aufwuchs und dessen Zuhause der Straßenstrich an der Kurfürstenstraße und der Bahnhof Zoo wurden. Für Christiane F. war es hauptsächlich eine Gegenwartsbewältigung, sagt Hermann. Er und sein Kollege wollten Christiane F. schützen. Nie sollte an die Öffentlichkeit gelangen, wer diese Christiane F. sei. Nur dann habe sie eine Chance. Wir haben ihr gewünscht, dass sie einen normalen Weg gehen kann.
C. Felscherinow eilt davon, weg von den Mädchen, in ihre Stammkneipe einige hundert Meter entfernt, die zwei Türken aus Spandau führen. Im Inneren dudeln Flipper und Spielautomaten, am Billardtisch wischen sich spielende Männer den Schaum von den Lippen, Luftballons und Lametta hängen an der Decke. Einen Southern Comfort mit ganz viel Eis, sagt C. Felscherinow. Wie, habt ihr nicht? Was ist denn das für ein Laden? Na, dann Gin Tonic. Dann schaut sie auf den Fernseher, über den ein Fußballspiel flimmert. Der Frings, der wäre ein Mann für mich. Ach ja, keine Fragen über Detlef. Das macht jeder.
Es wäre besser gewesen, nie etwas zu sagen.
Fragen sind nicht nötig, sie spricht von sich aus über diese im Buch so ausführlich geschilderte Junkie-Romanze. Sie habe den Jungen vom Schwulenstrich nie wirklich geliebt, es sei nur eine Drogenbeziehung gewesen. C. Felscherinow schaut kurz auf die Tätowierung auf ihrem linken Unterarm; eine verwaschene Elfe hält jetzt die Stellung, wo Christiane F. sich einst C + einritzte und hoffte, Detlef würde ein D folgen lassen. Die Nadeln der Zeit haben die Fixerprinzessin gezeichnet. Auch wenn sie die Spuren sorgsam mit Schminke bedeckt.
Nach Erscheinen des Buches, sagt C. Felscherinow, habe sie an einer Diskussionsrunde in Hamburg teilgenommen. Sie habe damals nicht gewusst, was sie tat. Sie habe gedacht, das Buch würde eines unter vielen werden. Jetzt bedaure ich alles. Es wäre besser gewesen, nie etwas zu sagen. Doch damals sei sie froh gewesen, dass ihr jemand zuhörte. Hermann und Rieck haben mich nicht geschützt. Aber sie konnten auch nicht ahnen, welche Ausmaße die Geschichte annehmen würde. Das ist C. Felscherinows Version, wie der Schleier ihrer Identität gelüftet wurde. Hermann und Rieck haben eine andere. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo war 1980 und 1981 das meistverkaufte Buch in Deutschland, es wurde in fünfzehn Sprachen übersetzt, diente als Filmvorlage. Christiane F. gab keine Interviews, sie ging nicht an die Öffentlichkeit. Nur ihre engsten Freunde wussten, wer sie war. Der Kontakt zu den anderen Zoo-Kindern brach ab. Sie ist gut mit dem Ruhm umgegangen. Jahre später wollte C. Felscherinow eine Punkband, in der sie mitspielte, groß rausbringen. Also trat sie an die Öffentlichkeit. Sie selbst zerriss den Schleier ihrer Identität. Sie wollte nicht in der Anonymität bleiben.
Ich bin so süchtig / ich find's so wunderbar.
C. Felscherinow hat eine genaue Vorstellung von dem, was gewesen wäre, wenn sie nicht Christiane F. geworden wäre: Sie hätte eine Lehre als Zahntechnikerin gemacht, zwei oder drei Kinder bekommen. Mittlerweile wäre sie geschieden. Und hätte ihre Ruhe.
Stattdessen riss sie aus der schleswig-holsteinischen Provinz aus, in die ihre Mutter sie geschickt hatte. Ihr Verlag hatte ihr im Laufe der Jahre 400.000 Mark überwiesen, das war damals schon fast Reichtum. Doch C. Felscherinow verschleuderte das Geld: Sie versuchte sich in der Punkszene von Hamburg, tourte durch Amerika, lernte Musiker wie David Bowie und Campino kennen, lebte eine Zeitlang in Griechenland und bei einer Verlegerfamilie in der Schweiz. Eine Therapie machte sie nie, immer wieder griff sie zur Spritze, getreu dem Text eines Liedes, das sie zusammen mit Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten aufgenommen hat: Ich bin so süchtig / ich find's so wunderbar. Und immer war sie Christiane F., Deutschlands Fixerprinzessin. Selbst im Knast, wo die Frauen sie verprügelten, ihr sagten, sie habe kein Recht auf das Geld, kein Recht, ein Symbol zu sein. Schließlich sei sie kein echter Junkie gewesen. Sie habe doch nur zwei Jahre an der Spritze gehangen, bevor das Buch sie berühmt machte und ihr die finanzielle Sorglosigkeit sicherte - 2000 Euro erhält sie noch immer im Monat.
Hätte ich die Chance, dann würde ich das Buch ungeschehen machen oder es verbieten lassen, sagt C. Felscherinow. Ihretwegen und wegen der Jugendlichen, die Christiane F. für ein Vorbild halten. Denn Wir Kinder vom Bahnhof Zoo schrecke nicht ab. Es verführe. Im Film heroisierte David Bowie das Heroin: Dann sind wir Helden. Jedenfalls war es leicht, das so zu sehen. Und für manche schwer, es anders zu sehen. Aufklärung kann immer auch einen gegenteiligen Effekt haben, sagt Hermann. Wenn einer überlegt, wie zerstöre ich mich selber, dann findet er das Buch und den Film geil. Als er Christiane F. kennenlernte, dachte Hermann, Drogen hätten etwas mit sozialer Herkunft zu tun. Jetzt weiß ich, dass das nicht so ist. Heroin hat etwas mit Persönlichkeit zu tun. Rieck hat sich oft gefragt, was das Schöne an Heroin sei: Heroin hat eine Kraft der Verführung, und es muss ein erhebendes Gefühl sein, zumindest am Anfang - Ich, ich bin dann König, / Und du, du Königin. Dann sind wir Helden.
Die Eltern sind immer schuld
Vor drei Jahren mietete C. Felscherinow eine kleine Wohnung in Teltow für sich und ihren Sohn - seinen Vater hat sie auf einer Methadon-Ausgabestelle kennengelernt, er sei jetzt dreißig und bringe noch immer nichts zustande. Sie dachte, sie könne in Teltow ihre Ruhe finden. Doch seit sie einem betrunkenen Jugendlichen von sich erzählt hat, sich wieder den Schleier wegriss, weiß jeder, dass sie Christiane F. ist. Zu ihrer Familie hat C. Felscherinow kaum noch Kontakt. Ihre Tante und ihre Oma, bei denen sie in Kaltenkirchen lebte, während das Buch entstand, hatten ihr das Leben gerettet, als sie zugrunde zu gehen drohte an den Drogen und an der Prostitution. Die Verbindung ist abgebrochen. Nachdem mein Cousin mit 21 Jahren tot aufgefunden wurde, im Blut Spuren von Heroin und anderen Drogen. Sie haben mir die Schuld gegeben. Kai Hermann weiß nichts davon. Wenn es so wäre, hätte ich es erfahren. Auch die Beziehung von C. Felscherinow zu ihrer Schwester ist schlecht. Die lebt, seit sie 18 ist, von Sozialhilfe, hing auch an der Nadel. Unser Vater hat ihr den Verstand aus dem Leib geprügelt. Die Schuld für all dieses Elend gibt C. Felscherinow ihrer Mutter. Die Eltern sind immer schuld, sagt sie.
Angst, dass es ihrem Sohn so wie ihr ergehen könnte, hat C. Felscherinow nicht. Er werde keine Drogen nehmen. Schon mir zuliebe. Das Buch hat sie ihn nicht lesen lassen. Er ist zu jung, um zu wissen, was dort steht. Er ist zwölf, mit dreizehn nahm Christiane F. das erste Mal Heroin. Zweimal in der Woche kommt das Jugendamt zu ihr. Eine Mitarbeiterin schaut, ob sie sich um ihren Sohn kümmert. Hermann macht sich Sorgen um ihn. Ein Grund, warum auch er noch immer nicht das Kapitel Wir Kinder vom Bahnhof Zoo abschließen kann. Die Frage sei, warum das Jugendamt nichts unternehme.
Sie weiß, dass ihr Sohn unter ihrer Lebensweise leidet
Ist deine Mutter da? - Nein. - Weißt du, wann sie wiederkommt? - Nicht genau. - Dann rufe ich später noch einmal an. - Das ist nicht gut. Da ist sie bestimmt nicht da. - Dann morgen? - Ja, bestimmt. Aber erst am Nachmittag, vorher schläft sie.
Das Leben beginnt für C. Felscherinow am späten Nachmittag. Sie weiß, dass ihr Sohn unter ihrer Lebensweise leidet. Tränen laufen ihre Wangen hinunter, verwischen die Schminke, lassen die gerötete Haut sichtbar werden. Er ist ein schmächtiger, blasser Junge, oft krank - genau wie seine Mutter.
Na, Süße, sagt sie zu einem kleinen Mädchen, das am Tresen mit Lametta spielt. Sei nicht so zickig. - Die baut nur Scheiße. Mädchen werden immer schlimmer. Frühreif und frech. Und dieses Rosa und dieses Prinzessinnengetue. Hätte sie eine Tochter, sagte sie, sie würde sie schon längst weggegeben haben - dabei war Christiane F. damals selbst so.
Alles, was ein Junkie sagt, ist gelogen.
C. Felscherinow hat ihrer Mutter gesagt, dass sie schuld sei an ihrem Schicksal. Doch ihre Mutter, die Hermann als solide Frau in Erinnerung hat, die ihre Kinder geliebt habe, aber überfordert gewesen sei, hat es nicht eingesehen. Deshalb habe sie nur noch Kontakt zu ihrer Mutter, weil sie müsse. Denn das erwarte die Gesellschaft. Die Gesellschaft? Die Gesellschaft - vielleicht das BKA - verfolge sie seit Anfang der neunziger Jahre. Sie installiere Wanzen in ihrer Wohnung, höre ihre Telefone ab, überwache sie mit Kameras.
Wissen Sie, wie es ist, beim Sex gefilmt zu werden? Ich werde rund um die Uhr bewacht, das können Sie sich nicht vorstellen. Die Nachbarn seien eingeweiht, beteiligten sich an der Überwachung - gesprochen hat C. Felscherinow mit ihnen nicht. Wenn die Wohnung leer sei, werde sie durchsucht. Deshalb verlässt C. Felscherinow die Wohnung nicht mehr gemeinsam mit ihrem Sohn. Einer muss immer da sein. Sechsmal in zehn Jahren ist sie umgezogen. Seit anderthalb Jahren hat sie nichts mehr in ihrer Wohnung gemacht. Sie schämt sich dafür, wie es aussieht, möchte nicht, dass es jemand erfährt. Man mache ihr das Leben zur Hölle, habe versucht, sie in die Irrenanstalt zu stecken. C. Felscherinow sagt, sie habe Angst, dass sie getötet werde. Ständig blickt sie sich um. Darum wollte sie auch nicht am Telefon sprechen, sich nicht in der Wohnung treffen. In ihrer Verzweiflung hat sie Kai Hermann angerufen, immer wieder. Bis er den Kontakt abbrach. Dabei wollte er sogar einen zweiten Teil von Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Es gab konkrete Pläne. Ich habe dann festgestellt, dass sie wieder Heroin nahm. Mit jemanden, der auf Drogen sei, könne man so etwas nicht machen. Alles, was ein Junkie sagt, ist gelogen. Einige Jahre vor der Geburt ihres Sohnes trat C. Felscherinow im Fernsehen auf. Sie stand am Bahnhof Zoo und erzählte, sie sei clean. Dabei haben alle gesehen, dass sie wieder Heroin nimmt.
Nur ab und an einen Joint, Methadon und Tabletten.
Sie hat keine Freunde, kaum Bekannte. Die Einzigen, mit denen sie reden kann, sind die Junkies von damals. Film und Buch enden mit dem erfolgreichen Entzug, verkünden, dass Christiane F. weg von der Szene sei. Doch sie hat den Absprung nie geschafft, ist nicht nur die Fixerprinzessin, sondern auch der Junkie geblieben. Es gibt eben Verlierer und Gewinner auf dieser Welt, sagt sie. Zwei-, dreimal im Monat fährt sie nach Berlin ans Kottbusser Tor, trifft sich mit Leuten in ihrem Alter, Mitte vierzig, die damals auch schon in der Discothek Sound waren. Die Freaks, die übrig sind.
Drogen nehme sie aber schon lange nicht mehr. Ich bin 45 Jahre alt, das ist der Beweis, dass ich keine Drogen nehme. Sonst würde ich doch nicht mehr leben, sagt C. Felscherinow. Nur ab und an einen Joint, Methadon und Tabletten. Und Psychopharmaka. Aber die wirken nicht. Vor vier Jahren hat es begonnen, dass C. Felscherinow sich beobachtet fühlt, dass sie das Buch verflucht und ihrer Mutter die Schuld gibt. Dass sie Interviews gibt. Das hat sie nicht getan, als sie clean war, sagt Hermann. Das sind Folgeerscheinungen von Heroin. Noch in diesem Jahr will C. Felscherinow das Städtchen Teltow verlassen. Ihr Sohn sagt, es sei ihm egal. Er kennt es: die neuen Wohnungen, die Unordnung, die Beleidigungen, das Alleinsein.

Christiane F.: „Der Frings, der wäre ein Mann für mich. Ach ja, keine Fragen über Detlef. Das macht jeder.”
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.03.2008, Nr. 9 / Seite 3
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext/Sammlung Richter, dpa, Robert Bochennek
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