Fiesta de San Fermín

„Das Risiko hat der Mensch, nicht der Stier“

07. Juli 2006 Yolanda Barcina, die Bürgermeisterin Pamplonas, erläutert im Gespräch, warum das Stierrennen bei der Fiesta de San Fermín (siehe: „Sanfermines“: Stierhatz zu Ehren des Schutzheiligen) in ihren Augen nichts mit Tierquälerei zu tun hat.

Erklären Sie den drei armen Seelen, die es noch nicht wissen: Was sind die Sanfermines?
Sie sind die Fiesta par excellence. Ernest Hemingway hat sie gut definiert: eine Explosion der Lebensfreude und Begeisterung. Sie ist zugleich verbunden mit der mediterranen Tradition der Stiere und hat einen gewissen religiösen Charakter mit dem Heiligen Fermin, dem Bischof, der Pamplona im zweiten Jahrhundert christianisiert hat. Und dann ist da vor allem noch das Vergnügen an einem guten Tropfen.

Was ist der Unterschied zwischen den Sanfermines und einem Massengelage nach Art des „Macrobotellon“?
Das hat damit überhaupt nichts zu tun. Dies ist eine Fiesta für Leute jeden Alters mit einem wunderbaren Ambiente für Kinder, Familien, Jugendliche und Erwachsene. Wir kleiden uns alle rotweiß, und so verschwinden auch die sozialen und anderen Unterschiede.

Jedes Jahr kommt mehr als eine Million Besucher in diese Stadt mit 200.000 Einwohnern. Wie hält sie das aus?
Unter dem schützenden Mantel des Heiligen. Es ist immer wieder überraschend. Pamplona paßt sich an, verändert sich und hat zwischen dem 6. und 14. Juli Platz für alle. Das ist die Magie dieser internationalen Fiesta.

Wie sieht gewöhnlich die Bilanz danach aus?
Der Müll und die Sauberkeit sind die wichtigste Herausforderung. Andere Städte sind verblüfft, wenn sie sehen, wie wir damit fertig werden. Am 15. Juli erobern wir unsere Plätze, Parks und Gärten zurück, ohne daß man merkt, daß gerade eine Million Menschen durchmarschiert sind. Die Hotels, Restaurants und Geschäfte haben ihren Gewinn. Das ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor mit Einnahmen von vielen Millionen Euro.

Jedes Jahr kommen jetzt zum Auftakt auch barbusige Demonstranten einer Tierschutzvereinigung und protestieren gegen die Stierrennen. Sind die „Encierros“ Tierquälerei?
Ich glaube, daß die Demonstranten unsere Traditionen nicht sehr gut kennen. Denn wer hier ein Risiko eingeht, ist nicht der Stier, sondern der Mensch. Man kann ja gegen den Stierkampf am Nachmittag sein, aber beim Encierro am Vormittag begibt sich allein der Läufer in Gefahr. Und was die Corrida angeht, so muß ich sagen, daß diese Tierschützer ja auch gegen das Aussterben von Tierarten sind. Ich sage, wenn es den Stierkampf nicht gäbe, gäbe es längst auch keine Kampfstiere mehr.

Hat also der Stierkampf in Spanien noch Zukunft?
Ich glaube schon. Zumindest in Pamplona sind wir sogar in allen verschiedenen politischen Gruppierungen hier einer Meinung. Ich halte auch den Stierkampf nicht für Tierquälerei. Er ist ein Duell zwischen dem Torero und dem Stier. Es ist eine akzeptierte traditionelle Form der Opferung eines Tieres in einer Gesellschaft, die, was das Essen angeht, auch nicht gerade vegetarisch ist. Sind die Sanfermines ein baskisches Fest? Sie sind ein navarrisches Fest, vollständig navarrisch. Und in dem Sinn, in dem Navarra ein vielseitiger und vielschichtiger Ort ist, mit zahlreichen Basken im Norden, aber nicht im Süden und mit Pamplona als Mischung in der Mitte, kann man sagen, daß es eine Fiesta aller Navarrer ist.

Was denken Sie, wenn etwa Arnaldo Otegi, der Sprecher der verbotenen Batasuna-Partei, Pamplona das „Jerusalem der Basken“ nennt?
Der baskische Nationalismus - und ich sage das als Tochter einer baskischen Mutter - braucht Navarra, um eine Geschichte getrennt von Kastilien zu haben. Denn das Baskenland war historisch immer Teil von Kastilien. Und als Navarra nach der Entdeckung Amerikas im Jahr 1512 Teil von Spanien wurde, kamen die Invasoren nicht aus Kastilien, sondern aus Guipuzcoa hierher. Ich glaube, daß Herr Otegi irgendeine historische Wurzel sucht, um seinen Nationalismus zu rechtfertigen.

Ist seit dem Waffenstillstand von Eta im März eine Entspannung spürbar?
Wir Demokraten werden nie einen Terroristen verstehen. Wer kann begreifen, daß man einen anderen Menschen kaltblütig umbringen kann, nur weil er anders denkt. Das muß aufhören. Der letzte Waffenstillstand von Eta im Jahr 1998 war eine Täuschung. Aber auch ich wollte damals daran glauben. Man kann ihnen nicht trauen, weil sie niemandem trauen. Sie können uns in jedem Augenblick wieder mit den schlimmsten Untaten betrügen. Aber die politischen Parteien, die den Terrorismus unterstützen, merken anscheinend, daß der Nationalismus für sie nicht mehr ganz so rentabel ist wie früher. Das kann eine gute Entwicklung sein, um ein für alle Mal mit dem Terror Schluß zu machen. Mord findet weniger Rechtfertigung, vor allem seit dem Madrider 11. März.

Zurück zur Fiesta. Sind die Stierrennen Männersache?
Nicht mehr. Sie waren einmal Männersache. Noch ziehen sie zwar in der Regel vor allem Männer an, aber man sieht auch immer mehr Frauen mitlaufen.

Ihr bester Ratschlag für Läufer?
Schaut euch den Encierro vom Balkon aus an. Das ist am sichersten.

Pamplona wird von Madrid bis Mexiko-Stadt imitiert. Macht es irgend jemand besser?
Es gibt viele Encierros. Aber in Pamplona finden noch immer die besten der Welt statt.

Yolanda Barcina

„Attraktiv“ und „konservativ“ sind zwei Adjektive, mit denen in Pamplona Freunde und Gegner die rührige Bürgermeisterin Yolanda Barcina beschreiben. Wenn sie während der Fiesta de San Fermín sie begann am Donnerstag auf dem Ehrenbalkon in der Stierkampfarena Platz nimmt, werden sich in den Beifall wieder die Pfiffe und Beschimpfungen radikaler baskischer Nationalisten mischen. Für sie ist die „Spanierin“ ein rotes Tuch.

Am 4. April 1960 in Burgos geboren, kam sie als Studentin in die Hauptstadt Navarras. Sie studierte Pharmazie, wurde promoviert, arbeitete an Hochschulen in Barcelona und im Baskenland und erhielt schließlich den Lehrstuhl für Ernährungswissenschaft an der öffentlichen Universität von Navarra. Als erste Frau kam die verheiratete Mutter eines Sohnes 1996 als Umweltschutzministerin in die Regierung des Ministerpräsidenten Miguel Sanz. 1999 wurde sie als Kandidatin der Union des Volkes von Navarra, dem lokalen Ableger der Volkspartei, mit knapper Mehrheit zur Bürgermeisterin gewählt und vier Jahre später mit absoluter Mehrheit wiedergewählt.

Die Fragen stellte Leo Wieland.



Text: F.A.Z., 07.07.2006, Nr. 155 / Seite 8
Bildmaterial: AP, dpa, F.A.Z. - Leo Wieland, REUTERS

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