Von Henning Sietz
22. November 2006 Mit dem neuen James-Bond-Film beginnt das alte Rätselspiel von neuem: Wer steckt hinter dem bekanntesten Filmagenten aller Zeiten? Wer hat den Krimiautor Ian Fleming 1953 zu der Figur des James Bond inspiriert, der als Agent 007 mit der Lizenz zu töten unsterblich wurde? An der Spitze der Verdächtigenliste steht Patrick Dalzel-Job, der unter Ian Fleming im Krieg gegen Deutschland kämpfte. Bescheiden wie er war, hat Dalzel-Job, der im Oktober 2003 starb, diese Rolle stets zurückgewiesen.
Die Zuordnung ist in der Tat kurios. Denn eigentlich ist James Bond ein Frauenheld von Format, der in jedem Film von mindestens zwei bis drei geneigten Gespielinnen umgeben ist, ohne Miß Moneypenny zu rechnen, die schmollende Sekretärin in der Geheimdienstzentrale. Patrick Dalzel-Job hingegen hat in seinem Leben eine einzige Frau geliebt. Oder genauer: zwei. Denn nach heutigen Maßstäben war er ein veritables Muttersöhnchen.
Er kartographierte Fjorde für den Geheimdienst
Patrick Dalzel-Job, geboren 1913, wuchs ohne seinen Vater auf, der im Ersten Weltkrieg gefallen war. Von schwacher Konstitution, fand er im Skifahren den geeigneten Sport, um zu Kräften zu kommen. Er brachte sich selbst das Navigieren bei, lernte Segeln und ließ sich als junger Mann nach eigenen Plänen von den besten Bootsbauern Großbritanniens einen Schooner bauen. 1937 segelte er mit der Mary Fortune los, um die gesamte norwegische Küste zu erkunden.
Mit an Bord war - seine Mutter. Auf den monatelangen Streifzügen freundete er sich mit vielen Norwegern an. Sein Grundkapital waren seitdem ausgezeichnete navigatorische Fähigkeiten, die Beherrschung der norwegischen Sprache, gute Kenntnisse der Küste - und das Herz der Norweger. Er erkannte, daß die tiefen Fjorde eine ideale Rückzugsbasis für einen Feind waren, und begann, sie zu kartographieren. Die Karten bot er dem britischen Geheimdienst an, der sie dankend annahm und ad acta legte. Als Deutschland im April 1940 Norwegen überfiel, suchte man händeringend danach. Man fand keine einzige.
Ritterorden für das Bond-Vorbild
Auf den Fahrten längs der Küste lernten Mutter und Sohn eine kinderreiche Familie kennen, die ihnen eine der Töchter im besten Backfischalter mit auf die Reise gab. Sie hieß Björg, war ziemlich keß und kam an Bord mit allem zurecht - mit Segeln und Tauen, Mutter und Sohn. Als Nazi-Deutschland Norwegen besetzte, fand die sonderbare Menage a trois ein Ende. Großbritannien suchte Kenner Norwegens. Dalzel-Jobs Stunde war gekommen. Er leitete die Landeoperation von fast 10.000 britischen Marinesoldaten bei Narvik mit Hilfe der örtlichen Fischerboote, ohne einen einzigen Mann Verlust. Weil er die Lage gut einschätzen konnte, setzte er sich gern über die Befehle seiner Vorgesetzten hinweg. Er sah kommen, daß die deutsche Luftwaffe Narvik in einer Racheaktion bombardieren würde, und organisierte auf eigene Faust die Evakuierung der Stadt. Es kam, wie er vorausgesehen hatte. Das britische Marinekommando sah die Aktion als Ungehorsam und wollte Dalzel-Job vor ein Kriegsgericht stellen. Doch der norwegische König verlieh ihm das Ridderkors, einen hohen Orden; damit war die Sache erledigt.
Sein gefährlichstes Kommando aber war die Auskundschaftung deutscher Marinekonvois bei Askvold im Oktober 1943. Völlig auf sich allein gestellt, wählte Dalzel-Job einen Unterschlupf auf einer Anhöhe nahe der Küste, ohne zu ahnen, daß deutsche Marineoffiziere an ihren freien Tagen den Berg erklommen, um die Aussicht zu genießen. In einer Höhle, ein paar Armlängen von seinen Gegnern entfernt, mußte er ausharren, bis die Ausflügler von dannen zogen. Im Sommer 1944, nach der Landung der Alliierten in der Normandie, operierte er mit einer kleinen Einheit hinter den deutschen Linien.
Nur eine einzige Frau geliebt
Ein Muttersöhnchen blieb er dennoch - aber einer ziemlich toughen Mutter. Wenn sie zu Hause Mäuse jagte, erschoß sie die Tiere mit dem Luftgewehr auf frischer Tat. Mag sein, daß sich auf den langen Segeltörns ein Dreiecksverhältnis bildete, das tiefenpsychologisch tief blicken ließ. 1945, nach fünf Jahren der Heldentaten und Prüfungen, kehrte Dalzel-Job nach Norwegen zurück, um jene Björg zu suchen, die seine Mutter gesehen, geprüft und für gut befunden hatte. Sie fanden sich und heirateten. Er habe in seinem Leben nur eine einzige Frau geliebt, sagte Patrick Dalzel-Job - jene Björg.
Kann solch ein Mann das Vorbild für 007 gewesen sein? Beide neigten zu selbständigen Entscheidungen, vor allem bei Vorgesetzten, die aufgrund der großen Lage die Details ignorierten. Wahrscheinlich setzte Ian Fleming, der Dalzel-Job gut kannte, seinen Kunsthelden aus mehreren Personen zusammen. In einem jedenfalls hatte Patrick Dalzel-Job seinem Nachfolger doch etwas voraus. So virtuos 007 auch mit Frauen umgeht - hat er je auch nur eine einzige Frau geliebt?
Text: F.A.Z., 22. November 2006
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