Schilderkönig Manfred Utsch

Keiner produziert mehr Autokennzeichen als er

Von Christian Siedenbiedel

24. Juli 2008 Wenn Manfred Utsch eines hasst, dann sind das Menschen, die Autokennzeichen für langweilige Rechtecke aus Blech halten. Diese Schilder sind nämlich sein Leben: Der 72 Jahre alte Unternehmer aus Siegen ist nicht nur Weltmarktführer für Kraftfahrzeug-Kennzeichen. Er hat auch seine gesamte Firmenzentrale mit Nummernschildern zugehängt - als handelte es sich um Bilder von Rembrandt oder Richter.

Der weißhaarige, energische Mann mit dem listigen Blick, der stark westfälisch spricht, kann zu jedem der Schilder eine Geschichte erzählen: Dieses Kennzeichen mit der Nummer 0-001 gehöre dem ersten Bundespräsidenten, Theodor Heuss. Jenes stamme aus dem Vatikan, vom Fuhrpark des Papstes, und sei bei Sammlern sehr begehrt. Die Schilder dort an der Wand kämen alle aus Indianer-Reservaten. „Am schönsten aber finde ich diese Autokennzeichen aus Kanada, in Form eines Bären.“

Utsch rüstet in mehr als 120 Ländern Autos mit Nummernschildern aus

In mehr als 120 Ländern rüstet die Utsch AG Autos mit Nummernschildern aus. Manfred Utsch ist Inhaber und Aufsichtsratschef. Er hat das Unternehmen groß gemacht. „Mein Vater, ein Schuhmachermeister, hat 1961 mit einer umgebauten Weinpresse begonnen“, erzählt Utsch. Aus dem Familienbetrieb mit fünf Mitarbeitern ist unter der Führung des Sohns eine Unternehmensgruppe mit 500 Beschäftigten und 200 Millionen Euro Umsatz im Jahr geworden.

Wie er das geschafft hat? Manfred Utsch ist ein Dickkopf. „Der Siegerländer Mittelstand ist so ähnlich wie der schwäbische - sparsam und stur“, sagt er. Und genau. Wenn Utsch durch die Werkshallen in Siegen geht, in denen im Sekundentakt Autoschilder aus computergesteuerten Maschinen schießen und von Frauen in Kartons verpackt werden, hat er hier etwas zu nörgeln und dort etwas zu kritisieren: „Warum läuft diese Maschine nicht?“ „Wo ist der zuständige Mann?“ „Warum hat dieses Schild keinen schwarzen Rand?“

Schon Ende der fünfziger Jahre die Marktlücke erkannt

Mit dieser Genauigkeit, die schon ans Penible grenzt, hat Utsch den Sprung aus der Provinz in die Welt geschafft. Sein Vater - erfinderisch aus der Not heraus, schließlich musste er nach dem Krieg acht Kinder ernähren - hatte schon Ende der fünfziger Jahre die Marktlücke erkannt. Weil die Nummernschilder in Deutschland von schwarzem auf weißen Hintergrund umgestellt wurden und zugleich die Zahl der Autos stark stieg, war die Nachfrage nach Kennzeichen enorm. Im Werksgebäude eines stillgelegten Bergwerkes begann er mit der Schilderproduktion. An einen Satz des Vaters denkt Utsch bis heute, wenn er auf der Autobahn im Stau steht: „Junge, ärger' dich nicht über die vielen Autos. Jedes von denen bedeutet für uns zwei Schilder.“

Anfangs prägte die Firma Utsch alle Kennzeichen selbst. Später verkaufte das Unternehmen auch Prägemaschinen an selbständige Hersteller, die sich in der Nähe der regionalen Zulassungsstellen ansiedelten. Das Geschäftsmodell funktioniert ähnlich wie bei Nassrasierern und Rasierklingen: Utsch bindet die Prägefirmen mit Maschinen an sich. Und verdient dann fortlaufend an der Lieferung von Schilder-Rohlingen aus Siegen.

In Amerika stellen Häftlinge Schilder zu Dumpinglöhnen her

Was in Deutschland klappte, musste doch auch in anderen Ländern gehen, dachte Manfred Utsch, als er 1964 - mit nur 28 Jahren - die Firmenleitung übernahm. Schnell trieb er die Internationalisierung voran. Vor allem in Ländern, in denen viele Autos gestohlen wurden, waren die Nummernschilder "made in Germany" gefragt. „Wir haben damals viel in die Sicherheit unserer Kennzeichen investiert“, sagt Utsch. Die Schrift sei nicht leicht nachzumachen. Hinzu kämen Hologramme und Laser-Codes.

Sri Lanka und Uruguay verkauften die Einführung der Utsch-Kennzeichen deshalb als Kampagne zur Bekämpfung der Kriminalität. Indien schrieb die Technik sogar per Gesetz vor. Nur über Amerika ärgert sich der Unternehmer: Dort stellen Hunderte Strafgefangene in der Haft die Kfz-Schilder zu Dumpinglöhnen her, erzählt er. „Ordnungspolitisch dürfte das eigentlich nicht sein.“

Fünf Millionen Euro für ein einziges Kennzeichen

Das teuerste Schild, das Utsch je produziert hat, ging an einen Scheich. Fünf Millionen Euro bot der Mann dafür, dass sein Luxusschlitten das Kennzeichen "Abu Dhabi Nummer 5" tragen darf. „Fünf ist meine Glückszahl“, begründete der Scheich seine Investition. Das Geld ging allerdings nur zu einem kleinen Teil an Utsch. Den Großteil erhielt die Zulassungsstelle in Abu Dhabi.

Die meisten Länder, in denen seine Autoschilder eingeführt wurden, hat Manfred Utsch vorher selbst bereist. Der Siegerländer Handwerkersohn in der großen Welt - das funktionierte erstaunlich gut. Nur anfangs hatte er Verständigungsprobleme, obwohl er eigens einen Intensivkurs Englisch belegt hatte. „Als ich in Libyen einen Millionenauftrag an Land ziehen wollte, sagte ich morgens im Hotel zum Kellner: ,Four minute egg, please.' Ich bekam vier Eier, je eine Minute gekocht.“ Am nächsten Morgen versuchte Utsch es wieder. Diesmal bedeutete ihm der Kellner, sie hätten keine Eier mehr - er habe gestern alle gegessen.

Ein westfälischer Held in aller Welt

Doch solche Schwierigkeiten - das weiß Utsch zu vermitteln - hielten ihn nicht auf. Er inszeniert sich gerne als Abenteurer, eine Art westfälischer Held in aller Welt. Eine seiner Lieblingsgeschichten: In Qatar am Golf führte er Preisverhandlungen für Autoschilder mit arabischen Schriftzeichen. Der Polizeipräsident fand, er verlange zu viel - und legte seinen Revolver provozierend auf den Tisch. „Ich dachte mir: Du kannst mir nicht drohen“, erzählt Utsch. Er habe einfach stur weiterverhandelt.

In Weißrussland legte ihm der dortige Geschäftspartner einen Vertrag ganz auf Russisch vor. Utsch verstand kein Wort. Seine Berater bedeuteten ihm aber, er müsse das sofort unterschreiben, sonst sei die andere Seite beleidigt. Utsch schätzte das Risiko ab - etwa 100.000 Euro. Er unterschrieb. Und hatte Glück: „Mit den Weißrussen machen wir bis heute gute Geschäfte.“

Deutsches Liedgut für den Nahen Osten

Oft half das, was Utsch aus dem Siegerland kannte, auch in der Ferne. Etwa als er zu Verhandlungen nach Kuweit reiste. Utsch war in Bagdad gewesen und fuhr die 1000 Kilometer mit einem Begleiter im Taxi. Während der Zehn-Stunden-Fahrt hatten beide Angst, dass der Taxifahrer einschlafen würde. Um ihn wach zu halten, griffen sie auf ihr Repertoire aus dem Männergesangverein zurück: "Wir sangen einfach Volkslieder."

Viele von Utschs Geschichten zeigen: Sein Erfolg in exotischen Ländern war nicht trotz seiner Herkunft aus der Kleinstadt Siegen möglich, sondern gerade deswegen. Im Ausland war seine Bodenständigkeit nämlich durchaus gefragt. Als Turkmenistan etwa über die Einführung von Utsch-Schildern nachdachte, wurde der Unternehmer vom dortigen Innenminister eingeladen. Er traf ihn in einem Zelt mit 16 anderen Entscheidungsträgern. Seine Berater sagten Utsch: „Von denen hält jetzt jeder eine Rede. Und danach müssen Sie immer einen Wodka trinken.“ Utsch schluckte. Doch er vertraute seiner schützenfesterprobten Trinkfestigkeit - und überstand den Abend. Die Geschäftspartner waren beeindruckt. Wenig später hatte Utsch den Auftrag in der Tasche.

Ein Bundesliga-Stadion für Siegen...

Heute hat der Unternehmer die Leitung des operativen Geschäfts an Manager abgegeben. Doch die Geschicke bestimmt er weiter - besonders, wenn es um Kunden aus dem Ausland geht. Als etwa eine Delegation aus Iran anrückte, baute er sein Büro um: Er stellte Wasser zum Füßewaschen hin und richtete seine Perserteppiche nach Osten aus. Die Muslime konnten beten wie gewohnt - und orderten für acht Millionen Euro.

Doch es gibt auch noch einen anderen Manfred Utsch. Einen, der in der Siegener Lokalpresse zuletzt harscher Kritik ausgesetzt war. Utsch hätte seine Karriere nämlich gern mit einem eigenen erfolgreichen Fußballverein gekrönt. Ganz wie Dietmar Hopp, der Förderer der TSG Hoffenheim, von dem ein Foto mit Utsch auf dem Flur der Unternehmenszentrale hängt. Utsch träumte von einer Profimannschaft und einem Bundesliga-Stadion für seine Heimatstadt, als er 1985 Präsident der Sportfreunde Siegen wurde. „Damals hat man mich ausgelacht“, sagt er. Wie stolz war er daher, als die Sportfreunde im Juni 2005 in die Zweite Bundesliga aufstiegen: Nach dem Schilder-Wunder nun noch ein Fußball-Wunder?

...doch die Sportfreunde stiegen ab

Doch die Euphorie verflog. Die Spielfreunde stiegen ab. Alle zerstritten sich. Und obwohl Utsch viel Geld hineinsteckte, ging der Verein pleite: Ausgerechnet jetzt, wo Manfred Utsch sich auf seinem Erfolg als Schilder-Weltmarktführer ausruhen könnte, telefoniert er mehrmals täglich mit dem Insolvenzverwalter.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, dpa, Rainer Wohlfahrt

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