Von Anne Schneppen
25. November 2006 Ein Treffen mit einer königlichen Hoheit stellt man sich anders vor. Es gibt Kakao und Schinkenbrot in dem südkoreanischen Selbstbedienungscafé, das sich pseudoitalienisch Mattinata nennt. Keiner schaut auf, als er eintritt. Niemand verneigt sich. Prinz Yi Seok scheint es nicht anders zu erwarten. Der Nachfahre des letzten Kaisers der Yi- oder Chosun-Dynastie überreicht seine Visitenkarte geflissentlich wie ein gewöhnlicher Geschäftsmann, fühlt sich dann aber doch bemüßigt, die goldene Hibiskus-Blüte auf der Rückseite zu erklären: Mein Vater hatte eine solche statt eines Nummernschildes auf seinem Cadillac. Der Sohn fährt U-Bahn.
Seine Hoheit Yi Seok sieht sich als rechtmäßiger Anwärter auf den koreanischen Kaiserthron. Seit einigen Wochen reist er landauf, landab, sammelt Unterschriften für die Wiederbelebung der Monarchie und erinnert seine Landsleute an längst vergangene Zeiten, als Koreas Paläste noch bewohnt waren. Japan hat seinen Kaiser immer noch. Aber wir haben ein Symbol unserer Nation verloren, sagt Herr Yi mit Bedauern.
Klan in alle Himmelsrichtungen verschlagen
Die Yi-Dynastie beherrschte die Koreanische Halbinsel von 1392 bis 1910, als Korea von Japan annektiert wurde. Nach der Befreiung von Kolonialherrschaft, Teilung und Bruderkrieg hatte Südkorea keine Verwendung mehr für die Erste Familie des Landes, während Nordkorea sich jenseits der Demarkationslinie seine eigene Kim-Dynastie im Stalinismus schuf. In den Wirren des 20. Jahrhunderts verschlug es die wenigen Nachkommen des Yi-Klans, entmachtet und entehrt, in alle Himmelsrichtungen. Aber keiner durchlebte so viele Höhen und Tiefen wie Yi Seok, der Enkel des vorletzten koreanischen Herrschers Kojong, der vom König zum Kaiser aufstieg und schließlich unter japanischer Besatzung zum Rücktritt gezwungen wurde. Der letzte Kaiser Sunjong, Kojongs Sohn, der später ebenfalls abdankte und alle Souveränitätsrechte über Korea dem Tenno in Japan übertrug, war sein Onkel. Ein jüngerer Bruder Sunjongs war sein Vater.
Yi Seoks Autobiographie würde Bände füllen. Sänger, Soldat, Gärtner, Mönch, Emigrant, Obdachloser und Professor. Drei Kinder von drei Frauen. Acht Selbstmordversuche. Dabei hatte sein Leben vor 65 Jahren recht komfortabel angefangen. Umhegt von 50 Zofen, residierte seine Familie im Sadong-Palast der Hauptstadt. Zwei Dienerinnen begleiteten ihn auf dem Schulweg, trugen die Bücher und wärmten sein Essen. So behütet war der kleine Prinz, daß der Schuldirektor bei den Leibesübungen für ihn einspringen mußte. Hatten die Japaner die Herrscher ihrer Kolonie entmachtet, fielen unter den koreanischen Präsidenten auch die letzten Privilegien.
Das Nest der Tauben
Der erste Regierungschef, Syngman Rhee, hegte keine Sympathie für die Marionetten Japans. Man hielt sie für Verräter und Kollaborateure, die der Fremdherrschaft Vorschub geleistet hatten. Yi wurde unsanft ins Leben geschubst, mußte mit einem Mal seinen Unterhalt verdienen, jobbte hier und da, studierte Spanisch - und sang. Glücklicherweise hatte ich Talent, sagt der alternde Prinz und stimmt mitten im Cafe seinen größten Hit an: Das Nest der Tauben. Da schauen sogar die jungen Frauen am Nebentisch kurz herüber. Der singende Prinz, wie man ihn nannte, war ein Stern am koreanischen Schlagerhimmel. 8000 Auftritte auf Hochzeiten, das muß mir erst mal einer nachmachen. Die königliche Verwandtschaft war jedoch schockiert.
Im Jahr 1966 meldete Yi sich zum Militär und zum Einsatz im Vietnam-Krieg, er diente drei Jahre als Soldat in der koreanischen Tiger-Division. Nach Feierabend unterhielt er die Truppe, bis eines Tages sein Konvoi angegriffen wurde. Yi wurde verletzt und kehrte heim. Dort war das Leben für ihn nicht wesentlich leichter. Nach der Ermordung des Diktators Park Chung-hee 1979 und der Machtübernahme durch Generalmajor Chun Doo-hwan wurden die Erben der Monarchie aus den Palästen geworfen, und die letzten Relikte jener Zeit wurden konfisziert.
Prinz obdachlos!
Nach diversen gescheiterten Liebesbeziehungen und völlig mittellos flüchtete Yi Seok nach Amerika, aber sein Glück fand er dort auch nicht. Ohne Aufenthaltserlaubnis, hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, mähte Rasen, putzte Fenster. Am Ende betrieb er einen kleinen Getränkeladen bei Los Angeles, der mehrmals ausgeraubt wurde. Zehn Jahre später, 1989, kam er zur Beerdigung einer Tante nach Korea zurück. Danach ging es erst richtig bergab. Wer wollte schon einen ergrauenden Schlagersänger?
Der Prinz vagabundierte durchs Land, wohnte in einem Kleinlaster und versuchte angeblich mehr als einmal, der Welt für immer den Rücken zu kehren. Doch bevor es dazu kam, rasierte er sich den Schädel und trat in ein buddhistisches Kloster ein. Natürlich ging auch dies schief, aber immerhin hielt er fast drei Jahre durch. Yi Seok erzählt auch das mit beinahe belustigtem Lächeln: Die Mönche mochten mich nicht, weil ich zuviel Schnaps trank und in der Nacht laut sang. Ich bin ein Wanderer, ich mag Alkohol und Frauen, und wenn ich 100 000 Won habe, dann gebe ich 100 000 Won aus. Auf dem Tiefpunkt seines Lebens nächtigte der Prinz in einem öffentlichen Badehaus. Dort wurde er eines Tages zufällig entdeckt. Die Zeitungen titelten: Prinz obdachlos!
Plötzlich taucht eine Kaiserin auf
Bis zum letzten Jahr war Yi Seok als Thronfolger nur indirekt im Spiel. Dann aber starb ein in Tokio geborener Vetter, Yi Ku, der die meiste Zeit seines Lebens in Japan verbracht hatte und der als letzter offizieller Erbe des koreanischen Kaiserreichs galt. Jetzt sieht Yi Seok sich als rechtmäßiger Statthalter in der Pflicht, die Tradition wiederzubeleben. Allerdings hat er neuerdings Konkurrenz: Im September wurde in einem Seouler Hotelzimmer eine 88 Jahre alte Dame zur Kaiserin gekrönt. Der Zeremonie wohnte ein Dutzend Mitglieder einer ominösen Vereinigung Kaisertreuer bei. Yi Hae-won, die neue Kaiserin, war in eine goldene Robe gehüllt. Den Thron hatten die Royalisten von einem Requisitenstudio geborgt. Yi Seok empört sich, die Vorstellung einer Frau auf dem Thron sei absurd, selbst wenn sie seine Halbschwester ist. Zudem sei sie bettelarm und für ein Taschengeld ausgenutzt worden: Betrüger, die für sich Geld eintreiben wollen! Für ein Interview ist die alte Dame nicht zu haben.
Koreas letzter Prinz dagegen arbeitet nicht für sich, sondern neuerdings in Diensten der Gemeinde Chonju, der Wiege der Yi-Dynastie. Man hat ihm ein Hanok, ein traditionelles koreanisches Lehmhaus, zur Verfügung gestellt, wo er Touristen empfängt und über die koreanische Kultur, die verlorene Tradition und die Lehren der Geschichte spricht. Er ist eine Art lebendes Denkmal in Chonju, ein König zumindest hier. Wenn ich in der Provinz bin, dann verneigen sich die Leute vor mir.
Die Koreaner mögen Königsdramen
Yi Seok strahlt tatsächlich etwas Erhabenes aus, das feine bestickte Gewand, die eleganten Handbewegungen. Sein Leben aber scheint alles andere als königlich. Viel ist ihm nicht geblieben: eine alte Kalligraphie, ein Porträt seines Großvaters Kaiser Kojong, die Ahnentafel seiner Familie. Die Stadtoberen von Chonju haben ihm einen Gelehrtentitel besorgt. So hält Professor Yi nun ganz offiziell an der örtlichen Hochschule hof. In mancherlei Hinsicht ist man in Korea stolz auf die Monarchie. Zumindest laufen jede Menge Königsdramen im Fernsehen. Und in den verbliebenen Palästen der Hauptstadt können sich die Touristen aufwendig inszenierte Wachablösungen ansehen. Daß König Sejong in Korea schon vor Jahrhunderten ein modernes Alphabet einführte, was Japan bis heute nicht hat, verschafft Genugtuung.
Doch der Monarchie trauert man in der jungen Demokratie deshalb noch lange nicht hinterher. Yi Seok, der das historische Unwissen seiner Studenten beklagt, will das auch gar nicht ändern: Es strebt nicht auf den Thron, er braucht nicht wirklich ein Königreich. Statt dessen spricht er von Symbolen, von Etikette, von Stil und dem Gefühl der Einheit, das er verloren glaubt. Und nicht zuletzt würde es ihm gefallen, wieder angemessener königlich zu residieren, zum Beispiel im Gyeongbuk-Palast in Seoul, wo er wie einstmals ranghohe Gäste empfangen könnte. Ich wäre gern Diplomat geworden, bekennt der 65 Jahre alte Prinz. Dann eilt er in die U-Bahn.
Text: F.A.Z., 25.11.2006, Nr. 275 / Seite 11
Bildmaterial: REUTERS