Papst Benedikt XVI.

Der apokalyptische Optimist

Von Otto Kallscheuer

10. September 2006 Als Joseph Ratzinger am 19. April 2006 von den Kardinälen des Konklaves zum 265. Nachfolger des heiligen Petrus gewählt wurde, hatte er gerade seinen 78. Geburtstag gefeiert. Da hatte der brillante Theologe schon mehr als zwei Jahrzehnte an der Spitze der dogmatischen Kontrollbehörde der katholischen Weltkirche, der Glaubenskongregation, gewacht - und war allen Kardinälen wohlbekannt.

Der intellektuelle Vertraute Johannes Pauls II. war nun auch der seit zwei Jahrhunderten älteste Kardinal, der zum Papst gewählt wurde. Soviel Amtszeit wie sein Vorläufer wird Benedikt - vielleicht auf lange Zeit der letzte europäische Papst - wohl kaum haben. Darum warteten die professionellen „Vatican watchers“ ungeduldig auf sprechende Zeichen des Professors auf dem Petersstuhl. Welchen Charakter würde Ratzingers Pontifikat annehmen?

Neues Genre päpstlicher Kommunikation

Die Hoffnung mancher konservativer Kurienkardinäle und Bischöfe, alsbald werde ein autoritärer Ruck durch die Kirche gehen, hat sich bisher jedenfalls nicht bestätigt. Ganz im Gegenteil widmete Benedikt XVI. seine erste Enzyklika der Liebe, nicht dem Gehorsam. Er bemüht sich erfolgreich um einen verbindlichen Amtsstil und stellt ebenso seine Fähigkeit zuzuhören unter Beweis wie seine Bereitschaft, dem Zeitgeist mit zurückhaltendem Lächeln, aber fragloser Autorität Paroli zu bieten.

Ja, Benedikt hat sogar ein neues Genre päpstlicher Kommunikation eingeführt - die offene Sprechstunde. Neben den Edikten, Erlassen und Rundbriefen, die Benedikt selber schreibt und auch daher im Vergleich zu seinem Vorgänger deutlich reduziert hat, und neben dem Bad in der Menge, ob beim Kölner Weltjugendtag oder auf dem Petersplatz, pflegt der Papst das offene und manchmal öffentliche Frage-und-Antwort-Spiel, aber in geladener Runde: zuletzt mit seinem Schülerkreis als Privatseminar zur Evolutionslehre oder im vergangenen Oktober mit Kindern vor ihrer ersten Kommunion zum Geheimnis des Eucharistiesakraments.

„Nur so kann unser Leben reich werden“

Auch den Fragen seiner Priesterkollegen zu den bekannten zeitgenössischen Schwierigkeiten vieler Paare in ihren Gemeinden vor und in der Ehe, ja sogar zu den sexuellen Nöten des priesterlichen Zölibats wich der Heilige Vater keineswegs aus: „Auch wir Priester“, meinte Benedikt, „seien wir nun jung oder alt, auch wir müssen die Notwendigkeit des Leidens und von Lebenskrisen lernen. Wir müssen dieses Leid aushalten und überwinden. Nur so kann unser Leben reich werden.“

Mit derart freundlichem Freimut macht der Papst freilich zugleich deutlich, daß von Rom in Bälde keinerlei „fortschrittliche Wende“ zu Fragen der kirchlichen Disziplin und Moral, zur Seelsorge wiederverheiratet Geschiedener, zur Homosexualität oder zur Lockerung der priesterlichen Keuschheitspflichten zu erwarten ist. Und mit der Wahl seines Nachfolgers im Amt der römischen Glaubensbehörde, des amerikanischen Kardinals William Levada, eines pragmatischen, aber solide orthodoxen Seelsorgers (zuletzt in San Francisco), hat Benedikt etwaige Zweifel daran erstickt. Die oft vom Wunsche diktierte Ankündigung mancher „liberaler“ Vatikanbeobachter, nunmehr werde Joseph Ratzinger als Papst einen ganz anderen Hirten abgeben, als dies seine Führung der römischen Glaubenskongregation vermuten ließ, hat sich also nicht bewahrheitet.

Glaubenskrisen in Europa trotz neuer Religiosität

Könnte also der deutsche Römer Benedikt am Ende ein „Übergangspapst“ werden, der seiner Kirche nach den angestrengten Reisen und Gesten des polnischen Mystikers und Kommunikationsgenies Karol Wojtyla endlich eine ruhigere Verschnaufpause normaler Routine verschafft? Wie es scheint, sind Joseph Ratzinger diese ebenso beliebten wie äußerlichen Etiketten völlig gleichgültig. Wovon er hingegen überzeugt ist, das ist das Bewußtsein einer stürmischen Übergangszeit, in der sich die katholische Kirche heute weltweit befindet.

Glaubenskrisen in Europa trotz neuer Religiosität; die bisher konservative Repolitisierung der Christenheit in Nordamerika; das sprunghafte Anwachsen der Zahl von evangelikalen Protestanten und Pfingstkirchen in Afrika, Asien und Lateinamerika und nicht zuletzt eine historisch neue Konfrontation mit der islamischen Mission nicht nur in Afrika, Asien und der arabischen Welt, sondern zunehmend auch in den alten christlichen Kernlanden Europas - auf all diese Entwicklungen gibt es keine vorgefertigten Antworten. Ganze Regionen der Kirche könnten im nächsten Jahrhundert verschwinden, weiß der Papst - so, wie in der Vergangenheit bereits die nordafrikanische Christenheit und die Mehrheit der Kirchen Kleinasiens, mit dem Siegeszug des Islams, untergingen.

Bedingungslose Umkehr, Bekehrung, Konversion

Doch anders als für Johannes Paul II. ist für Papst Benedikt die Antwort auf diese Krisen von Kirche und Welt nicht die Bewegung - der endzeitliche Aufruf zur sofortigen, bedingungslosen Umkehr, Bekehrung, Konversion. Die Antwort Benedikts liegt in der kirchlichen Institution, an deren Spitze er sich vom Heiligen Geiste gerufen weiß. Ja, sogar die Apokalypse vermittelt dem Papst neue Zuversicht, von der Benedikt im August in einer Katechese seiner schon zur Tradition gewordenen Mittwochsaudienzen berichtete: Das Lamm Gottes wurde geschlachtet, aber das Opferlamm steht aufrecht - und es hat Anteil an der Herrlichkeit des Vaters, der auf dem Throne sitzt.

Aus jeder ihrer Todeskrisen ging die katholische Kirche mit erneuerter Kraft hervor, erinnerte Benedikt auch die Diözesanpriester von Albano. Auf die Reformation Luthers und Calvins antworteten die heiligen Ignatius von Loyola, Theresia von Avila und Karl Borromäus, Ordensgründer und Erziehungsmanager; auf die Aufklärung des 18. Jahrhunderts folgte der massenhafte Aufschwung kirchlicher Frömmigkeit im 19. Jahrhundert: geschult, angeleitet, mit der Stärkung der Sakramente versehen durch die alte und neue Ordnung einer „Ecclesia semper reformanda“, einer stets erneuerungsbedürftigen kirchlichen Institution.

Dasselbe Verständnis von Amt und Sakrament

Da auch Benedikts Vision der Ökumene vor allem durch die sakramentale Kirche geprägt ist, kann es nicht verwundern, daß sich seine nächsten Initiativen auf Annäherung der christlichen Kirchen gen Osten, an die griechische, kleinasiatische, russische Orthodoxie, richten: Die katholische Christenheit teilt mit diesen Ostkirchen dasselbe Verständnis von Amt und Sakrament; was sie trennt, ist „nur“ das Petrusamt des Papstes von Rom und die daraus folgende historische Trennung zwischen politischer und Glaubensgemeinschaft.

Der große Evangelisator Karol Wojtyla zögerte bekanntlich nicht, sogar die Kirche selber in den Ausnahmezustand zu versetzen - durch große symbolische Akzente: wie das spektakuläre „mea culpa“ der katholischen Kirche des Jahres 2000. Das Eingeständnis kirchlicher Schuld zum Jahrtausendwechsel, für begangene Verbrechen von Christen gegenüber Juden wie Heiden, an Ketzern und Ungläubigen, gegenüber dem modernen wissenschaftlichen Geist wie der Freiheit des Gewissens.

Römische Personalpolitik mußte bis zuletzt warten

Sein engster Berater Ratzinger soll schon damals eher skeptisch angesichts solcher dramatischen katholischen Selbstkritik gewesen sein. Benedikts Amtstätigkeit als Papst will jedenfalls die Kirche nicht in neue Krisen versetzen, sondern auf die anstehenden Krisen vorbereiten. Alle administrativen und kirchenpolitischen Entscheidungen Papst Benedikts haben sich zum Ziel gesetzt, die weltweite Kollegialität der Bischöfe als der für die Leitung des Gottesvolkes eigentlich Verantwortlichen zu stärken.

Die Personalpolitik in der römischen Zentrale mußte offenbar bis zuletzt warten. Daß Kardinal Ratzinger in der Vergangenheit mit Angelo Sodano, dem Staatssekretär und der „Nummer zwei“ Johannes Pauls II., heftige Meinungsverschiedenheiten hegte - nicht zuletzt zur Schwangerschaftsberatung der deutschen Bischöfe -, ist bekannt. Ob deshalb der Nachfolger Sodanos im Amte des Kardinalstaatssekretärs, Ratzingers Vertrauter Tarcisio Bertone, eine andere Kirchenpolitik vertreten wird, wird sich erst noch weisen. Laufende Gerüchte aus der Küche von Vatikanologen über eine mehr seelsorgerische als diplomatische Rolle des künftigen Staatssekretärs entbehren bisher handfester Grundlagen. Am Tag nach Benedikts Rückkehr in die Ewige Stadt wird er den 72 Jahre alten Bertone in sein Amt einführen.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.09.2006, Nr. 36 / Seite 2
Bildmaterial: F.A.Z.-Greser&Lenz

 
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