Von Sascha Lehnartz
07. Oktober 2008 Mit ein paar hundert Millionen Euro kann man einiges anstellen. Möglichkeit A: Man überweist sie im Morgengrauen versehentlich an eine gerade pleitegegangene amerikanische Investmentbank. Wenn man Pech hat, wird man fortan von der Boulevardpresse als Dumm-Banker beschimpft und muss um seine Pension fürchten.
Erheblich eleganter lässt sich ein so hübsches Sümmchen in einen Zweitwohnsitz an der Côte d'Azur investieren, Möglichkeit B. Wie man so etwas diskret erledigt, bewies ein vermutlich russischer Geschäftsmann Anfang August. Da wurde vermeldet, die Villa Léopolda in Villefranche-sur-Mer, einst Feriensitz des belgischen Königs Leopold II., sei für die Summe von 496 Millionen Euro veräußert worden.
Nie wurde für eine Wohnimmobilie eine höhere Summe bezahlt
Angeblich sei der Kaufvertrag bei einem Notar in Nizza abgeschlossen worden, berichtete das Regionalblatt Nice-Matin. Noch nie wurde für eine Wohnimmobilie eine höhere Summe bezahlt. Bislang hielt diesen Rekord der indische Stahlbaron Lakshmi Mittal, doch der hatte im vergangenen Jahr für eine Villa in London nur vergleichsweise läppische 147,28 Millionen Euro auf den Tisch legen müssen. Nun hatte sich die Witwe des libanesisch-brasilianischen Milliardärs Edmond Safra, der 1999 unter mysteriösen Umständen in Monaco verbrannt war, durch die Summe dazu verlocken lassen, die Villa samt ihrer großen Gärten in den Hügeln über Nizza zu veräußern.
Lily Safra hatte das Anwesen von ihrem Mann geerbt, der wiederum die Villa einst dem Fiat-Boss Gianni Agnelli abgekauft hatte, zu Zeiten, als die Immobilienpreise in diesem Abschnitt der Côte d'Azur noch nicht den Militäretat von Kleinstaaten übertrafen. In den fünfziger Jahren war die Villa ein beliebter Party-Ort des Jetsets. Agnelli bewirtete schon Ronald Reagan und Frank Sinatra.
Fabelhafter Reichtum
Der Name des neuen Besitzers blieb zunächst im Dunkeln. Gemunkelt wurde, dass es sich um den russischen Öl-Milliardär Roman Abramowitsch handele. Abramowitsch hatte sich am Cap d'Antibes zuvor bereits das Château de la Croé gesichert - für eminent bescheidene zwanzig Millionen Euro. Der fabelhafte Reichtum des FC-Chelsea-Besitzers führt inzwischen dazu, dass er sofort als Käufer gehandelt wird, wann immer irgendwo auf der Welt eine milliardärgerechte Yacht gebaut oder ein überteuertes Ferienhaus verkauft wird.
Im Fall der Villa Léopolda hatte Abramowitsch seine Goldfinger jedoch gar nicht im Spiel - was möglicherweise daran lag, dass er momentan zu beschäftigt ist. Er streitet sich seit Monaten mit dem Bürgermeister von Antibes, Jean Leonetti, und dem Präfekten des Départements Alpes-Maritimes, Dominique Vian, und zwar darüber, ob er an seinem Meergrundstück einen Anlegesteg für seine Yachten ausbauen darf. Letzter Stand der Affäre: Er darf nicht.
Wie schaffen es die Russen, derart viel Geld anzuhäufen?
Stattdessen, so meldete die Zeitung Nice-Matin einige Tage nach den ersten Berichten über den Verkauf, soll sein kaum minder schillernder Landsmann Michail Prochorow die Villa Léopolda erworben haben. Der 43 Jahre alte Russe war einst Generaldirektor des Minenkonzerns Norilsk Nickel. Nach einigen Berufsjahren ergab sich aus dieser Tätigkeit ein Privatvermögen, das auf 13,5 Milliarden Euro geschätzt wird. Fragt sich jemand, wie diese milchgesichtigen Russen es schaffen, in kurzer Zeit derart viel Geld anzuhäufen?
Die Grundidee funktionierte lange Zeit ungefähr so: Man suchte sich in einem Staatskonzern einen Job, der die Verantwortung für den Verkauf von Rohstoffen mit sich brachte. Diese vertickte man zu den üblichen innerrussischen Niedrigpreisen an eine Zweitfirma, die man rasch irgendwo gegründet hatte. Über diese Zweitfirma verkaufte man die Rohstoffe dann auf eigene Rechnung zu Weltmarktpreisen weiter. Auf diese Weise kommt man, wenn alles glattläuft, zu ein paar Milliarden, einem Schloss an der Côte d'Azur und einem Fußballclub in der Premier League. Wenn man Pech hat, landet man in einem sibirischen Straflager wie Michail Chodorkowskij.
Prochorow dementiert den Kauf
Prochorow ist das bislang erspart geblieben, obwohl er als Mann von "schwefeliger Reputation" (Le Monde) gilt. Im Januar 2007 war er aus dem Vorstand von Norilsk ausgeschieden, nachdem er im französischen Alpenstädtchen Courchevel unangenehm aufgefallen war. Die Polizei hatte ihn bei Ermittlungen gegen einen Prostitutionsring kurzzeitig verhaftet. Prochorow kam jedoch mit einem blauen Auge davon, da die zahlreichen Damen, mit denen er sich umgab, allesamt erklärten, sie begleiteten als Models den Geschäftsmann auf Reisen.
Hauptamtlich ist Prochorow inzwischen Besitzer des Investmentunternehmens Onexim. Eher hobbymäßig gibt er seit kurzem ein Lifestyle-Magazin heraus. Das Hochglanzblatt trägt den Titel Snob. In seinem persönlichen Blog auf der Onexim-Internetseite bestritt er, die Villa Léopolda mit ihrem acht Hektar großen Park und den etwa 1200 Zypressen, Orangen-, Zitronen- und Pflaumenbäumen erworben zu haben. Sein Sprecher Igor Petrow erklärte, Monsieur Prochorow habe gar nichts in Frankreich gekauft.
Neureiche Russen erobern die Côte d'Azur
Ob dieses Dementi glaubhaft ist, wird sich noch erweisen. Nicht zu bestreiten ist indes, dass die Gegend zwischen Cap d'Antibes und Cap Ferrat - die teuerste Nische der Côte d'Azur - zusehends von neureichen Russen erobert wird. Seit etwa fünf Jahren lässt sich beobachten, dass viele unter ihnen bereit sind, beinahe jeden Preis zu bezahlen, um einen Platz in der Bucht der Milliardäre zu erobern. Rund sechzig russische Großverdiener sollen dort bereits ein Haus oder zumindest eine Wohnung erstanden haben.
Der Andrang treibt die Preise in die Höhe, zumal es manchem Käufer gerade darum geht, möglichst viel zu bezahlen, um die Nachbarn zu beeindrucken. Der Immobilienmakler Jean-Marc Broux hat erlebt, dass ein Käufer dreißig Millionen für eine Villa zahlte, für die bloß 15 Millionen verlangt worden waren. Und hinterher hat er gesagt, er hätte auch das Doppelte bezahlt, erzählt Broux, der in Villefranche die Filiale der Immobilienfirma Laforêt leitet.
Hochzeitsparty für 15 Millionen Euro
Wenn man in Beverly Hills heute eine Villa kaufen wolle, sei man mit fünf Millionen dabei, glaubt der Makler. In Saint-Jean bekomme man dafür inzwischen nicht einmal mehr Meerblick. 2005 gab der Finanzjongleur Andrej Melnichenko allein für seine Hochzeitsparty mit einem serbischen Model in der Villa Altaïr am Cap d'Antibes 15 Millionen Euro aus. Für das Unterhaltungsprogramm engagierte er Whitney Houston. Allerdings nur als Vorsängerin, danach kamen Christina Aguilera sowie Vater und Sohn Iglesias. Bekocht wurden die Gäste, darunter Wladimir Putin und Nachbar Abramowitsch, von Drei-Sterne-Koch Alain Ducasse.
Die Prasserei der Russenelite weckt bei Einheimischen durchaus gemischte Gefühle. Ein Feinkosthändler in der Altstadt von Antibes sagt nur, er wolle lieber nichts sagen, schließlich handele es sich bei den Russen um sehr, sehr gute Kunden. Und der Bürgermeister von Saint-Jean-Cap-Ferrat, René Vestri, räumt ein, die Summen, die inzwischen für manche Häuser gezahlt würden, seien ein wenig unanständig. 30.300 Euro kostet der Quadratmeter hier im Durchschnitt, damit ist Saint-Jean-Cap-Ferrat nach einer Studie der Firma Knight Frank der teuerste Ort der Welt.
Russen bezahlen cash
Der kleine Mann" werde ausgeschlossen, findet der Bürgermeister. Andererseits war der in dieser Gegend immer schon ausgeschlossen, es sei denn, er arbeitete als Schwimmbadpfleger oder Gärtner. Ob der kleine Mann sich nun eine Villa für fünf Millionen nicht leisten kann oder eine für 500 Millionen, ist letztlich egal. Immerhin, so Vestri, seien den Milliardären rund tausend Arbeitsplätze zu verdanken - auf dem Bau, in der Gartenpflege und der Hauswirtschaft.
Dem Wursthändler Tony Toalbia auf dem Markt von Antibes sind die Mondpreise für Immobilien denn auch weithin schnuppe, solange die liquiden Russen weiterhin pro Woche Spezialitäten zum Preis von 300 Euro einkaufen. Der Gemüsehändler Bernard Fréville ist ebenfalls zufrieden, dass die Russen immer große Mengen kaufen, stets das Beste wollen und cash bezahlen. In Cannes freuen sich die Besitzer von Nachtclubs wie dem Baoli oder dem Palais Club ebenso über die spendierfreudige Klientel wie die Aussteller auf der Yachtmesse Festival de Plaisance, die kürzlich im Hafen stattfand. Das Prospektmaterial war überwiegend in Russisch gehalten.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, dpa