Von Jan Grossarth
10. Juli 2009 Tau liegt noch auf den schattigen Wiesen um den Hof, Gottfried Stollwerk macht morgens um fünf erst mal Rückengymnastik. Anschließend nimmt er einen Eimer, geht über die Wiese zur Quelle, schöpft Wasser, trägt den Eimer wieder ins Ofenzimmer und erhitzt die zwei Liter. Lauwarm trinkt er sie, danach kann er besser arbeiten. Um kurz nach sechs steht Gottfried Stollwerk mit der Sense im klammen Gras, wie schon seit eineinhalb Monaten jeden Morgen. Er erntet und trocknet das Gras, mit dem er im Winter seine Tiere füttert. Er will ohne Geräte auskommen, die Strom oder Diesel verbrauchen. Einzelne Gräser sind verblüht, sie reichen bis über die Knie. Der Selbstversorger trägt Wadenstrümpfe aus Wolle, Lederhose und Wolljacke. Er lebt auf einem Hof in Hiddinghausen im südwestlichen Niedersachsen, hat zwei Kühe, zwei Kälber, neun Schafe, elf Lämmer, sechs Hühner, einen Hahn, ein Küken, eine Ziege, eine Katze. Die kann er mit seiner Muskelkraft ernähren, mehr nicht. Er bewohnt einen großen Bauernhof und besitzt zehn Hektar Land, zur Hälfte Wiese, zur Hälfte Wald.
Modell für die Zukunft
Der schöne Hof zerfällt. Ein Brett hängt vom Dachgiebel herab. Im Schweinestall liegen, hängen, stehen: eine Schubkarre mit Brennnesseln, Fahrräder, ein ausgestopfter Hase, Kinderbilder, Taue, trocknende Tierdärme, ein Kanu, alte Holzräder, luftgetrocknetes Schaffleisch für den Winter. Draußen trocknet ein Fell in der Sonne, vor einer Regenwanne stehen schmutzige Einmachgläser, auf der Wiese verstreut liegen Tierschädel. Auf der Stalltür steht geschrieben: Ich bleibe auf dem Land / und ernähre mich, wie ich kann.
Wer das Gelände zum ersten Mal betritt, denkt: Hier wohnt ein Irrer. Wer drei, vier Tage lang bleibt, geht in die Welt zurück und wundert sich über die Welt.
Gottfried Stollwerk steht im Gras, wetzt seine Sense alle zwei, drei Minuten, weil die Maulwurfshügel sie abstumpfen. 40 Tage Mahd hat er jetzt hinter sich, 200 Stunden Arbeit. 15 Tage Heuernte liegen noch vor ihm, bis eine Wiese abgeerntet ist, die nicht einmal einen Hektar groß ist. Im Gras stehen Gänsedisteln, Ampfer, Weidelgras, Frauenmantel, Löwenzahn, Weißklee, Wiesenschwingel. Seine Kühe, sagt Stollwerk, seien wohl die einzigen in Deutschland, die nur handgeerntetes Heu fräßen. Er sieht seine Wirtschaftsweise als Modell für die Zukunft.
Er könnte zum Bioladen gehen und Biorindfleisch kaufen, er könnte etwas Futter für den Winter zukaufen für die Viecher. Er glaubt jedoch, dass nur die Handarbeit und der Nahrungskreislauf der Tiere eine positive Energiebilanz aufweisen und ressourcenverbrauchende Wirtschaft nur auf Zeit funktionieren kann. Er will so leben, wie er es für natürlich hält. Das Paradies ist nun mal vorbei, sagt er manchmal.
Barfuß in eine Hummel
Der Blick vom Südwesthang ist weit und schön. Auf der Wiese liegen Kuhfladen und Ziegenköddel. Von hier oben überblickt Gottfried Stollwerk die Höfe und Felder seiner Nachbarn. Einer der Bauern brummt mit 100-PS-Fendt-Traktor durchs Land. Die Bauern spritzen das Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat.
Seit vor drei Jahren seine Frau und zwei Söhne ausgezogen sind, die besser leben wollten, hat er sich auch vom kommunalen Wassernetz abgekapselt und ist zur Quelle zurückgekehrt. Stollwerk hat Angst, dass das Glyphosat in seine Quelle einsickern könnte. Er will das Wasser aber nicht auf Schadstoffe messen lassen, dann würde es ihm nur nicht mehr schmecken. Seine Quelle will er schützen, falls der Aldi einmal nicht mehr aufmacht. Mit seinem Nachbarn ist er zerstritten. Gottfried sagte ihm gelegentlich seine Meinung zum Glyphosat. Der Nachbar verzweifelt an dem kauzigen Sonderling.
Um halb acht zieht Gottfried Stollwerk Wadenstrümpfe, Lederhose und Wolljacke aus. Er trägt jetzt nur noch schwarze Boxershorts, Holzschuhe und als Nierenschutz seinen karierten Wollschal. Sein Körper ist fettfrei und kräftig. Die Sonnenstrahlen erreichen die Wiese, der Tau trocknet. Die Kühe laufen vorbei. Kühe sind Luxus, etwas für Reiche. Sie fressen so viel, dass er nicht mehr als zwei ernähren könnte - zwei volle Heugabeln am Tag. Er wirft Schafkot, der auf dem Weg zurück zum Hof liegt, beiseite.
Vormittags melkt Stollwerk die Ziege und die Schafe. Auf dem Weg zum Stall tritt er barfuß in eine Hummel. Am Abend wird er in eine weitere Hummel treten. Er sagt beide Male au, zieht den Stachel heraus und geht weiter.
Vier Kilometer zur nächsten Quelle
Das Milchschaf springt in den Stall und stellt sich an den Melkplatz, Gottfried lenkt die Milch durch ein Spültuch in einen Tonbehälter. Danach füttert er die Ziege mit Brennnesseln und melkt sie, während sie ihm den Schweiß unter den Achseln ableckt. Beide Tiere geben zusammen einen Liter Milch, die bis zum Mittag ein fester Frischkäse sein wird und danach im Keller reift. Die restliche Milch bleibt in der Ziege. Stollwerk zapft sie an, wenn er Lust darauf hat. Die Ziege ist für mich so ein Süßspender. Der Aussiedler spricht manchmal eine Sprache, die ordinär wirkt für jemanden von außerhalb. Er sagt Pisse, Scheiße und Sätze wie: Kühe sind sehr gelenkig und können sich selber fast am Arsch lecken. Er liest viel, mit zwei Monaten Verspätung auch die Tageszeitung, die er sich in Stapeln mit dem Fahrrad aus einer Bibliothek abholt, wo sie für ihn aufbewahrt wird. Er wurde 1954 geboren, studierte Soziologie und Psychologie und ist seit 15 Jahren Kleinbauer.
Auf dem Hof gibt es kein Fließwasser, also auch kein Klo, nur einen Blecheimer. Mit den Fäkalien, die sich darin ansammeln, düngt der Bauer die Wiese, so will es der Kreislauf. Für mich ist Scheiße Gold. Dass wir aus Scheiße Sondermüll gemacht haben, darin sehe ich das Symbol für den Niedergang unserer Kultur. Gottfried hat sich den Hof von seinem Erbe gekauft und bekommt auch noch Geld aus der Vermietung von Wohnungen, was er als Makel sieht und zugleich als notwendig. Er nennt sich einen Spaßbauern. Täglich mit den Händen arbeiten, langsam zusehen, wie die Saat wächst, wie seine Tiere fressen, nicht vom Supermarkt abhängig sein - nichts, sagt er, könne ihm mehr Selbstbewusstsein geben. Gottfried Stollwerk führt Buch über zwei Geldkreisläufe: Seine Mieteinnahmen von mehr als 1000 Euro braucht er, um seine Söhne zu alimentieren, und rund 90 Euro monatlich kostet die Krankenversicherung, 30 Euro das Telefon, von dem er sich nicht trennen kann.
Der zweite Geldkreislauf ist der des handarbeitenden Kleinbauern. Jährlich produziert er Holz im Wert von 200 Euro, zwei Lämmer im Wert von 120 Euro, 300 Eier, die 50 Euro wert wären, Kälber, Obst, Gemüse. Das meiste isst er selbst, nur die Lämmer und Kälber verkauft er. Mit dem Geld deckt er die Kosten: Schornstein pro Jahr 72 Euro, Berufsgenossenschaft 137 Euro, Grundsteuer 576 Euro, Seuchenkasse 12 Euro, Landwirtschaftskammer 110 Euro, Unterhaltungsverband Bach 72 Euro, Mülltonne (kaum genutzt) 137 Euro. Manchmal kauft er im Supermarkt ein: Zucker, Lavendelseife, Kerzen, Fahrradschläuche und Brot vom Biobauern, seinem Freund. Strom braucht er fast nur fürs Telefon. Früher brachte er seine Kinder mit dem Pferd zum Kindergarten.
Im Winter beheizt Stollwerk ein Zimmer. In dessen Mitte steht ein gusseiserner Ofen, auf dem sich kochen lässt. 15 Stück Schwachholz, Weide oder Birke, benötigt er dafür täglich, er hat sie selbst angepflanzt. Sie müssen mehrere Monate trocknen, für den kommenden Winter lagert schon genügend Holz. Die Quelle fiel in den letzten Wintern manchmal trocken, dann ging Gottfried Stollwerk mit einem Eimer zur nächsten, vier Kilometer.
Er wurde Kleinbauer, so wie sein Vater
Es ist Mittagszeit, und er holt sich Käse aus dem Keller. Hier lagern seine Vorräte, acht Stufen unter dem Hof. 200 Einmachgläser: Gurken, Kürbis, Apfelmus, eingekochtes Fleisch, Birnen, Kartolffeln. Brennholz, Sellerie, Rote Beete. Im Regal reifen einige Käse, und weitere 30 trocknen für den Winter draußen in der Sonne. Der Selbstversorger lebt im Überfluss.
Noch vor 50 Jahren hatten die Menschen auf dem Land Vorräte, sagt er. Meine Nachbarn haben heute keine Vorräte mehr, nur noch Riesenmilchtanks, die morgens geleert werden. Stollwerk denkt darüber nach, sich doch wieder eine Kühltruhe zu kaufen - nicht um noch mehr Vorräte anzusammeln, sondern um Frischfleisch lagern zu können. Denn kaum jemand mag seine Einladungen zum Trocken- oder Dosenfleisch-Essen noch annehmen. Zum Grillen, meint er, würden die Leute gern kommen.
Nach dem Käsemachen spült er den schmutzigen Milchbehälter in einer Regenwasser-Wanne vor dem Stall. Der Einsiedler wäscht nur seine Bettlaken mit kochendem Wasser, die Kleidung mit kaltem Bach-Wasser und Molke, die säuerlich ist und Fett löst. Das Geschirr leckt er ab und spült es mit einer Wasser-Molke-Mischung. Als Spülmittel nimmt er auch Asche aus dem Ofen, die ist fettlösend. Sich selbst wäscht er im Bach und wöchentlich mit warmem Wasser und Seife.
Der Spaßbauer glaubt, dass eines Tages sehr viele Menschen aufs Land zurückmüssen. Er war in den Siebzigern in der linksradikalen Anti-Atomkraft-Szene unterwegs, doch irgendwann wollte er nicht immer nur gegen alles sein. Er wurde Kleinbauer, so wie sein Vater, Jahrgang 1901. Ich kann mich doch nicht hinstellen und andere als Atommafia beschimpfen, wenn ich nicht selbst die Muskeln habe und Heu mit der Sense mähe.
Leute sollen verstehen, was ich denke und fühle
Manche Menschen aus der Stadt finden Gottfried Stollwerks Leben spannend, weil es nach Unabhängigkeit klingt. Er hält die permanente Suche der Städter nach Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit für eine Illusion. Zwei Frauen, unter ihnen seine Freundin, eine Filzmode-Designerin, wohnen derzeit mit ihm auf dem Hof. Ich habe mich daran gewöhnt, dass sich die Leute für meinen schrulligen Lebenswandel interessieren.
Einige Male im Jahr fährt er mit dem Fahrrad nach Osnabrück, 25 Kilometer entfernt, und setzt sich auf eine Bank am Nikolaiort, einem Platz in der Fußgängerzone, um die Stadtmenschen zu beobachten. Die Stadt ist ihm so fremd geworden wie er selbst einem Besucher, der aus der Stadt kommt. In Mexiko oder Guatemala fand ich die Menschen schöner, sagt er. Ich glaube, dass es sich in einem Land, in dem es kein Harz IV gibt, aber viele Kleinbauern, würdevoller leben lässt. Vor ein paar Jahren hat er handschriftlich ein Buch geschrieben. An die Städter: Arbeiten Sie ein halbes Jahr mit uns, und Sie werden nicht mehr von Umwelt reden, weil Sie dann erleben, dass Sie die Umwelt sind. Er würde gern in Gemeinschaft mit mehreren Selbstversorgern leben, doch es ist nicht einfach, jemanden zu finden.
Gottfried Stollwerk lebt so, wie die Menschen Jahrtausende gelebt haben. Heute entfremdet ihn das von seiner Umwelt. Sein Nachbar sagte ihm neulich: Gottfried, du arbeitest doch gar nicht.
An der Hofeinfahrt hat der Spaßbauer eine große Tafel installiert, über die er sich der Außenwelt mitteilt. Heute steht darauf: 40. Heutag! Schaffe ich's noch mal? 20 Tage brauche ich wohl noch. Selten reagiert jemand. In der Nachbarschaft liegt ein Fachwerkgehöft, in das ein Unternehmersohn aus der Stadt gezogen ist. Er sagte ihm neulich: Gottfried, du musst die Sachen so formulieren, dass die Leute machen, was du von ihnen willst. Gottfried sagte: Ich will sie so formulieren, dass die Leute verstehen, was ich denke und fühle.
Abends Schafsziegenkäse und Quittenapfelwein
Im Winter geht er schon mal in die Kirche im Nachbardorf. Manchmal geht er auch wieder schnell heraus, als der Pfarrer zum Beispiel predigte, es sei eine Schande, dass die Bauern so wenig Geld für ihre Milch bekommen. Es?, fragt Gottfried wütend, wer ist es? Der Pfarrer kann wohl nicht sagen: Ich habe gestern für 39 Cent im Aldi Milch gekauft, oder: Wer hier tonnenweise brasilianische Soja an seine Kühe verfüttert, soll nicht mehr in unsere Kirche kommen.
Sein regelmäßiger Treffpunkt mit der Stadtwelt ist die Tangotanzgruppe, zu der er oft donnerstags mit dem Fahrrad fährt. Zum Tanzen setzt er seinen Filzhut ab und trägt schwarze Stoffhose und ein rotes Achselshirt. Er radelt am Abend eineinhalb Stunden lang über die Hügel, auch im Winter, wenn es friert und dunkel ist. Im Ort Altenmelle liegt das Tagungshotel Wilde Rose, hier tanzen an diesem Abend einige Paare, ein städtisch-akademisches Publikum aus Bielefeld und Osnabrück, es riecht nach Parfum. Bauer Gottfried riecht nach Bauer und nach Gottfried. Er riecht nach Landwirtschaft, sagt eine Dame. Er tanzt barfuß und schwebt mit einer jüngeren Frau, die ein violettes Abendkleid trägt, über das Parkett, die beiden pressen die Stirn gegeneinander. Stollwerk ist ein origineller und hingebungsvoller Tänzer. Es gibt nicht viele Frauen, die gern mit mir tanzen - aber meist so ein, zwei.
Gemüse wächst auf dem Spaßbauernhof in zwei Gärtchen, einem Bachgarten und einem Beet oben am Hang. Dort experimentiert Gottfried in diesem Sommer mit Pflanzenstandorten. Rote Beete und Kohlrabi sind von Schnecken zerfressen, gesünder wirken Lauch, Spinat, Kartoffeln, dicke Bohnen. Den trockenen Boden hat er mit einer selbstgebauten Egge aufgelockert. Gottfried Stollwerk schaut skeptisch, wenn Leute das Wort Egge noch nie gehört haben. Als er die Egge zum Vorführen wie ein Ochse an einem Seil über das Feld zieht, stört es ihn, dabei fotografiert zu werden. Es ist ihm kurz peinlich, da er sich vorstellt, wie Leser, vielleicht moderne Bauern, darüber lachen. Dann schüttelt er den Kopf und sagt, es sei ihm egal.
Abends isst Gottfried Stollwerk ein Stück Schafsziegenkäse und trinkt ein Glas Quittenapfelwein. In der Abendsonne lehnt sich der Spaßbauer vor dem Gemüsebeet auf eine Schaufel, schaut den Hang hinab, auf dem Schafe und Kühe fressen, blickt über die Nachbarfelder und auf seinen Heuhaufen, der seit 40 Tagen langsam wächst und so schief steht, als könne er jeden Moment umfallen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Henning Bode, FAZ.NET - Andreas Brand