Musikindustrie

Das Deutschpop-Wunder

10. Januar 2005 Die Demo-CD mit den Probeaufnahmen der jungen Band aus Bautzen lag erstmal einige Zeit auf dem Schreibtisch von Joachim Braun herum. Eine Kollegin aus der Rechtsabteilung, die aus dem Osten kommt, hatte sie dem Talentsucher der Bertelsmann-Musiksparte BMG aus dem privaten Heimaturlaub mit nach München gebracht. Braun hat sie damals, Mitte 2003, dann doch noch angehört, und das war vermutlich die beste Entscheidung seines Berufslebens. Denn der Musikmanager stieß auf eine Goldmine: Die Herzschmerz-Ballade "Symphonie" von "Silbermond" läuft mittlerweile ständig im Radio. Das erste Album der Nachwuchsband, deren Mitglieder alle erst um die zwanzig sind, hat sich seit Juli mehr als 400.000mal verkauft. "Das war 2004 unsere erfolgreichste deutsche Veröffentlichung", sagt Braun.

Nicht nur bei der BMG herrscht Goldgräberstimmung. Erfolgsgeschichten wie die von "Silbermond" gibt es derzeit viele zu erzählen. Die Handlung ist fast immer die gleiche: Junge deutsch singende Band kriegt endlich Plattenvertrag und schafft den großen Durchbruch. Wegbereiter war der Musikkonzern EMI, der mit der Berliner Gruppe "Wir sind Helden" ("Denkmal") im Sommer 2003 einen Volltreffer landete. Anderthalb Jahre später scheint es in der deutschen Popmusik vor vielversprechenden jungen Nachwuchskünstlern nur so zu wimmeln. Praktisch alle großen Musikkonzerne (Majors) sind im Deutschpopgeschäft groß dabei. Universal hat die Gießener Mainstream-Band Juli ("Perfekte Welle") unter Vertrag, Sony Music verdient kräftig mit der Chanson-Lolita Annett Louisan ("Ich will doch nur spielen") und den Retropoppern von "Mia" ("Hungriges Herz"). Selbst weniger populäre Gruppen wie "Klee", "Tele" oder "Virginia Jetzt" finden mittlerweile mehr Aufmerksamkeit. Und auch live feiern die Nachwuchsstars Triumphe. Viele der Aufsteiger sind auf ausgedehnten Konzerttourneen quer durch Deutschland unterwegs.

Wasser in der leckeren Suppe

Die Zahlen sprechen für sich: Das Marktforschungsinstitut GfK weist für die mittlerweile auch wieder vorwiegend deutschsprachige Popmusik aus dem Inland für die ersten zehn Monate des Jahres 2004 ein Umsatzplus von 7,6 Prozent aus. Damit war der Deutschpop das einzige Genre-Segment im Tonträgermarkt, das wuchs. Insgesamt sank der CD-Absatz dagegen weiterhin. Unter den großen Musikkonzernen sahnten vor allem Universal und BMG mit ihren nationalen Künstlern kräftig ab.

Wie lange das Deutschpop-Geschäft noch floriert, ist allerdings fraglich. Die Musikindustrie verhält sich regelmäßig so wie ein geldgieriger Koch, der in seine leckere Suppe eine Kelle Wasser nach der anderen kippt, um immer noch einen Teller mehr verkaufen zu können. Am Ende schmeckt die dünne Brühe niemandem mehr. Was sich gut verkauft, wird im Musikgeschäft seit jeher so lange kopiert, bis das Publikum die ähnlich klingende Musik von sich zunehmend gleichenden Bands nicht mehr hören mag. Auch jetzt ist die Ähnlichkeit von Gruppen wie "Helden", "Juli" und "Silbermond" bestimmt kein Zufall. "Das Erfolgsrezept ,Ein Mädchen und ihre Jungs machen Powerpop' ist aber genauso endlich, wie es dereinst Nena war", warnt Tim Renner, früherer Deutschland-Chef von Universal.

Wenn es schlecht läuft, kommt es tatsächlich wie zu Zeiten der "Neuen Deutschen Welle" Anfang der achtziger Jahre. Damals feierten so unterschiedliche Künstler wie Nena, Andreas Dorau oder "Ideal" große Erfolge. "Am Ende bekam damals jeder einen Plattenvertrag, der eine Gitarre halten konnte und bei drei nicht auf den Bäumen war", erinnert sich Carol von Rautenkranz, der mit dem kleinen Hamburger Szene-Plattenlabel L'age-D'or ("Tocotronic", "Die Sterne") schon lange im Geschäft ist. Mitte der achtziger Jahre folgte dem kommerziellen Ausverkauf dann für die deutsche Popmusik der große Kater.

Die Folgen der Schwemme

Das jetzige Deutschpop-Comeback ist vermutlich ebenfalls zu einem guten Teil die Folge einer vorangegangenen Angebotsschwemme - dem Fernsehpopstar-Trend der vergangenen Jahre. 2003 dominierten englisch singende deutsche Interpreten wie Alexander Klaws oder die Gruppe Brosis die Hitparaden, die es dank massiver Fernsehpräsenz etwa in der Casting-Show "Deutschland sucht den Superstar" kurzzeitig zu enormer Popularität brachten. Doch die von der Industrie eilig aufgebauten Mediengeschöpfe, die RTL und andere Sender wie vom Fließband laufen ließen, blieben fast alle Sternschnuppen. Seit dem Erfolg der "Helden" schwingt das Pendel zurück. "Die Leute wollen wieder handgemachte musikalische Qualität und Originale", sagt Heinz Canibol. Der früherere Deutschland-Chef von EMI leitet heute das von Sony Music finanzierte Hamburger Mini-Label "105". Canibols Jungstar Annett Louisan schreibt ebenso wie die meisten anderen derzeit erfolgreichen neuen deutschen Musiker ihre Lieder selbst. Keine der Bands wurde von Produzenten und Fernsehsendern zusammengestellt. Statt dessen haben sich die Musiker im Proberaum zusammengerauft.

Hauptsache deutsch, lautet die Devise. "Wenn eine junge Band heute einen Vertrag mit einem Major haben will, rate ich ihr, deutsch zu singen", sagt L'age-D'or-Chef Rautenkranz. "Dabei ist es noch nicht lange her, da hatte man mit deutschen Texten im Radio keine Chance", erinnert sich Johannes Cordes, Abteilungsleiter für deutschen Pop bei Universal.

"Den Majors fehlen die Mitarbeiter“

Optimisten sagen, daß die Musikkonzerne mittlerweile klüger geworden seien. Und zumindest ganz unbegründet ist diese Hoffnung wohl nicht. Ironischerweise könnte gerade der Umstand, daß die Konzerne in den vergangenen Jahren ihre Deutschpop-Sparten radikal zusammenstutzten, sich nun als Vorteil für diese Musik erweisen. Die stets verhängnisvolle Überproduktion könnte dieses Mal schlicht durch einen Mangel an Ressourcen verhindert werden: "Den Majors fehlen die Mitarbeiter für die Betreuung deutscher Künstler, die meisten wurden ja entlassen", sagt Rautenkranz. Und daß die wirtschaftlich noch immer auf wackligen Beinen dastehenden Plattenkonzerne nun gleich wieder massiv investieren, um den Markt mit Deutschpop zu überschwemmen, gilt ebenfalls als unwahrscheinlich.

Ob das Deutschpop-Comeback doch nur ein Strohfeuer bleibt, wird sich wohl ziemlich schnell zeigen, wenn die Nachwuchsstars die Nachfolgealben ihrer erfolgreichen Debüt-CDs veröffentlichen. "Von hier an blind", die mit Spannung erwartete neue Platte von "Wir sind Helden", soll im Frühjahr erscheinen.



Text: theu., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Januar 2005
Bildmaterial: Ben Wolf / Universal Music, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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