Martin Luther King

An einem glücklichen Tag seines Lebens

Von Matthias Rüb, Atlanta

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04. April 2008 Die letzten Worte seiner letzten Rede, gehalten im „Bishop Charles Manson Temple“ in Memphis (Tennessee) am Vorabend des Mordes, waren von geradezu gespenstischer Prophetie. Von einem langen Leben, das er sich wünsche wie jederman, sprach er: „Langlebigkeit hat ihren Platz. Aber daran denke ich jetzt nicht“, sagte Martin Luther King, damals 39 Jahre alt, er wolle vorerst „nur Gottes Willen erfüllen“. Der Herr aber habe ihn schon „auf den Berggipfel“ geführt, und von dort habe er „das Gelobte Land“ gesehen, in welches „wir, als ein Volk, gelangen werden“. Und er schloss: „Ich fürchte keinen Menschen, denn meine Augen haben die Herrlichkeit des Herrn geschaut.“ Abermals, zum letzten Mal erfüllte donnernder Applaus das mit 11.000 Menschen zum Bersten gefüllte Gotteshaus.

King hatte mit anderen Führern der schwarzen Bürgerrechtsbewegung den streikenden Arbeitern der Wasserwerke von Memphis Mut zugesprochen. Denn auch dies gehörte im April 1968, kaum vier Jahre nach der Unterzeichnung des „Civil Rights Act“ – eines Marksteins in der wesentlich von King vorangetriebenen Emanzipationsgeschichte der Schwarzen in den Vereinigten Staaten – durch Präsident Lyndon B. Johnson vom Sommer 1964 und nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an King vom Dezember 1964 zur Wirklichkeit der Schwarzen in Amerika: Ausbeutung, Benachteiligung, Verachtung.

„Es war einer der glücklichsten Tage seines Lebens“

Am Tag nach der Rede, die der wortmächtige Baptistenprediger aus dem Stegreif und ohne Manuskript gehalten hatte, war King, so berichteten seine Weggefährten später, außergewöhnlich heiter und gelöst. „Es war einer der glücklichsten Tage seines Lebens“, erinnert sich Andrew Young, Kings Wegbegleiter der ersten Stunde, der später Abgeordneter, UN-Botschafter und Bürgermeister von Kings Heimatstadt Atlanta im Bundesstaat Georgia werden sollte. Als sich King mit seinen Mitstreitern eine Minute nach sechs Uhr abends vom „Lorraine Motel“ in Memphis, wo die Gruppe die Nacht verbracht hatte, auf den Weg zum Abendessen aufmachen wollte, krachte ein einziger Schuss. Das Projektil durchschlug Kings Hals unmittelbar unter dem Kinn, durchtrennte das Rückenmark. Dr. Martin Luther King Jr., geboren am 15. Januar 1929 im Stadtteil „Sweet Auburn“ von Atlanta, stirbt am 4. April 1968 um 18.18 Uhr auf dem Operationstisch des Krankenhauses von Memphis.

Binnen dreizehn Jahren, vom legendären Busboykott in Montgomery (Alabama), angestoßen im Dezember 1955 von der schwarzen Näherin Rosa Parks, die ihren Sitzplatz im Bus nicht für einen Weißen räumen wollte und dafür verhaftet wurde, über Dutzende Protestmärsche, bei denen King selbst dreißig Mal festgenommen wurde und manche Nacht im Gefängnis verbrachte, über den Titel „Mann des Jahres“ im Jahre 1956 der Wochenzeitung „Time“, den Protestmarsch von 250.000 Menschen nach Washington mit Kings historischer Rede „Ich habe einen Traum“ vom August 1963 und die große Rede in der Riverside Kirche von New York gegen den Vietnam-Krieg vom April 1967 bis schließlich zum jähen Tod im April 1968 war King zur Jahrhundert-Ikone des gewaltlosen Widerstands, des zivilen Ungehorsams und des Kampfes um Gleichberechtigung und Versöhnung geworden.

James Earl Ray wurde zu 99 Jahren Gefängnis verurteilt

Und seine Ermordung wurde zum verhängnisvollen Jahrhundertereignis. In 125 amerikanischen Städten brachen Rassenunruhen aus, bei denen 46 Menschen starben und 2600 verletzt wurden. Zwei Monate nach dem Mord an King wurde der Berufskriminelle und weiße Suprematist James Earl Ray, der das Zimmer im Haus schräg gegenüber vom „Lorraine Motel“, von welchem aus der tödliche Schuss abgefeuert wurde, gemietet hatte und dessen Fingerabdrücke auf dem am Tatort sichergestellten Gewehr gefunden worden waren, auf dem Londoner Flughafen Heathrow festgenommen. Ray gestand beim Prozess vom März 1969 die Tat, widerrief sein Geständnis wieder, wurde zu 99 Jahren Gefängnis verurteilt; er starb im April 1998 im Alter von 70 Jahren in einem Gefängnis in Nashville. Wie beim Mord an Präsident John F. Kennedy vom November 1963 gibt es bis heute Zweifel an der durch Gerichte und Untersuchungskommissionen bekräftigten These von der Alleintäterschaft Rays. Kings Witwe Coretta, die im Januar 2006 starb und neben ihrem Mann im King-Zentrum in Atlanta begraben liegt, glaubte bis zuletzt nicht, dass Ray der Mörder war.

Der Streit um Verschwörungstheorien wie diese wird bis heute ebenso leidenschaftlich geführt wie jener um die Frage, ob Martin Luther Kings Traum schon in Erfüllung gegangen sei, „dass eines Tages meine vier kleinen Kinder in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt“. Dies umso mehr in einem Jahr, da Barack Obama zum ersten schwarzen Präsidenten gewählt werden könnte, in welchem es aber weiter eine Tatsache bleibt, dass mehr junge Schwarze im Gefängnis sitzen als in den Lehrsälen der Universitäten, dass mehr als die Hälfte der schwarzen Arbeiter sich mit schlecht bezahlten Jobs durchschlagen müssen, dass viel mehr schwarze als weiße Hauseigentümer der Mittelklasse wegen unseriöser Darlehen vor der Zwangsversteigerung stehen.

Der „Geburtsfehler“ der Vereinigten Staaten von Amerika

Außenministerin Condoleezza Rice sprach kürzlich treffend vom „Geburtsfehler“ der Vereinigten Staaten von Amerika: „Afrikaner und Europäer sind gemeinsam hierher gekommen und haben dieses Land gegründet – die Europäer aus freien Stücken, die Afrikaner in Ketten. Das ist keine besonders schöne Wirklichkeit unserer Gründung.“ Bis heute sehe man die Folgen dieses nationalen Geburtsfehlers. Wie man sie überwinden kann, ist gerade im Wahlkampf wieder zum Thema geworden. Die meisten Veteranen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung glauben, dass diese Folgen strukturell sind, dass erst die weiterhin von mächtigen Weißen beherrschte Gesellschaft die Hürden für die Schwarzen abbauen müsse. Andere aber, etwa der schwarze Schauspieler Bill Cosby, haben genug vom Opfermythos und sagen, die jungen schwarzen Männer seien selbst dafür verantwortlich, dass mehr als zwei Drittel der schwarzen Kinder bei alleinerziehenden Müttern und ohne männliche Rollenmodelle aufwüchsen.

Es liegt beschauliche Frühsommerstimmung über dem Stadtteil „Sweet Auburn“ östlich vom Stadtzentrum Atlantas, wo die Wolkenkratzer von Banken, Versicherungen und natürlich von Coca-Cola in den blassblauen Himmel stoßen. Nur ein paar Schritte von der Ebenezer Baptist Church an der Auburn Avenue 407, wo Kings Großvater und Vater Pastoren waren, liegt das Haus Nummer 501, wo Martin Luther King und seine zwei Geschwister aufwuchsen. Es ist ein hübsches Haus im spätviktorianischen Stil, mit Veranda und großem Garten und dem vom kleinen Martin Luther und seinem jüngeren Bruder Alfred Daniel so verhassten Klavier im Empfangszimmer. Es kommen dieser Tage viele Leute – vor allem lärmende Schulklassen und reisende Rentner – zum Geburtshaus, zur Ebenezer-Kirche, zum Besucherzentrum mit der Ausstellung über Leben und Werk Martin Luther Kings und zur Grabstätte gegenüber mit dem weißen Marmorsarkophag inmitten eines künstlichen Teichs.

„ML“ war ein schlimmer Lausbub

Das Geburtshaus kann nur in geführten Besuchsgruppen zu maximal 15 Personen besichtigt werden. „Ranger“ Doug Coyle vom „National Park Service“, der durchs Haus führt, kennt allerlei Anekdoten vom kleinen „ML“, der wie sein Bruder „AD“ ein schlimmer Lausbub war. Der beste Freund von ML war der Sohn des weißen Kolonialwarenhändlers im Haus direkt vis-à-vis, aber nur bis zur Einschulung der Buben in die segregierten Grundschulen, dann wollte der weiße Nachbarsjunge von seinem schwarzen Spielkameraden nichts mehr wissen. Unser Fremdenführer ist übrigens blind, sein Führhund „Orvis“ weicht ihm nicht von der Seite. „Ranger“ Coyle kann nicht sehen, aber er weiß es gewiss dennoch, dass in seiner Besuchergruppe nur ein Weißer (aus Deutschland) ist, die amerikanischen Besucher sind alle Schwarze.

Ein paar Straßenzüge weiter, an der Peachtree Street 990, befindet sich noch ein Haus und Museum einer bedeutenden Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts aus Atlanta. Hier hat Margaret Mitchell, in einer kleinen Parterrewohnung von 1926 bis 1929 ihren Roman „Vom Winde verweht“ geschrieben – mit mehr als 30 Millionen Exemplaren in 32 Sprachen. Auch bei der Führung wird neben allerlei Anekdoten aus dem Leben der Schriftstellerin dieser Umstand abermals erwähnt sowie auch die Tatsache, dass nach wie vor jedes Jahr 290.000 Exemplare des weltberühmten Südstaaten- und Bürgerkriegs-Romans über die wilde Scarlett O’Hara, die Tochter eines Plantagenbesitzers, verkauft werden. Unsere Besuchergruppe ist exakt so groß wie jene im Haus der Kings – alle sind Weiße. Gewiss ein Zufall. Vielleicht auch nicht.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ASSOCIATED PRESS, reuters

 
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