18. April 2005 Für viele ist er der mit Abstand beste lebende Songwriter. Wer seine Musik nicht kennt, hat ihn vielleicht in Scorseses "Aviator" gesehen, wo er einen kurzen Auftritt als Nachtclub-Sänger hatte: Rufus Wainwright, 31, gebürtiger Kanadier, der in New York lebt.
In Ihren Songs finden sich viele Einflüsse klassischer Musik. Mal zitieren Sie Ravels "Bolero", dann klingt etwas nach Gregorianik, oder ein Stück ist mit Streichquartett instrumentiert. Woher kommt Ihre Liebe zur klassischen Musik?
Ich habe mit sechs Jahren angefangen, Klavier zu lernen. Meine Mutter hat mich mehr oder weniger gezwungen. Sie hat eine Schwäche für Bach und spielt sehr hübsch die "Goldberg-Variationen", aber bei uns zu Hause wurden eigentlich vor allem Folk und Rock gehört.
Haben Sie jeden Tag geübt?
Nicht jeden Tag. Und ich habe auch nicht unbedingt das komplizierteste Repertoire in Angriff genommen, aber die leichteren Sachen habe ich mit soviel Gefühl gespielt, daß es offensichtlich war, daß ich großes musikalisches Talent hatte. Leider war ich faul.
Immerhin haben Sie es auf eine Musikhochschule geschafft.
Aber ich habe dort nie richtig dazugehört. Ich habe es gehaßt, mit den anderen Musikstudenten zu reden. Sie sind zu gut ausgebildet, überqualifiziert, sie erkennen gar nicht, wie brillant es ist, was sie tun. Ich glaube, mein Mangel an Ehrgeiz, der größte Pianist der Welt zu werden, hat mir künstlerisch geholfen. Für mich war es immer ein Wunder, wenn ich es geschafft hatte, ein neues Stück zu lernen, während die vierzehnjährigen japanischen Meisterschülerinnen depressiv wurden, wenn sie sich mal verspielten.
Klassischen Musikern wird die Liebe zur Musik oft ausgetrieben. Ich habe trotzdem den wildesten Respekt vor ihnen. Ich habe gestern im Fernsehen Martha Argerich gesehen, Schumann-Klavierkonzert - atemberaubend, ich bin so froh, daß es diese Menschen gibt. Aber als Komponist muß man einsehen, daß die Musik sich nicht mehr um Klassik dreht. Man muß eine Verbindung zu populärer Musik haben, um irgendwie relevant zu sein.
Glauben Sie, Popmusik ist die logische Fortführung von klassischer Musik?
Ich glaube eher umgekehrt. Gäbe es einen Markt für interessante Ideen in der Popmusik, dann wäre klassische Musik die beste Quelle für Inspiration. Was Klangfarben angeht, Harmonien - ich kann nur jedem Popmusiker empfehlen, sich da Anregungen zu holen. Leider geht es heute in der Popmusik nur um Titten und Ärsche.
Manche Ihrer Songs sind pompös arrangiert, mit Orchester und Chor; andere eher wie Schubert-Lieder, nur Klavier und Gesang. Und es gibt auch klassische Popsongs. "The One I Love" zum Beispiel basiert auf Schlagzeug, Gitarre und Gesang.
Ja, dieser Song ist speziell radiofreundlich, aber es sind immer noch ein paar ungewöhnliche Harmonien drin. Solche Songs kommen immer mal wieder zu mir, und wenn sie kommen, schmeiße ich die Kronleuchter raus und versuche, direkt zu sein.
Ich habe gelesen, daß es Ihnen nichts ausmachen würde, berühmter zu sein. Meinen Sie, das kriegen Sie hin, wenn Sie, wie auf Ihrem neuen Album, auch mal lateinisch singen?
Ich glaube, wenn man nur lange genug da ist und bei seinen Waffen bleibt, wird einen die Gesellschaft früher oder später anerkennen. Das sieht man ja in der klassischen Musik - alle dreißig Jahre gibt es eine Handvoll Musiker, die den Test der Zeit besteht. Beethoven, Haydn, Mozart - ich glaube, ich werde auf jeden Fall noch sehr berühmt, nur vielleicht nicht unbedingt zu meinen Lebzeiten.
Im Plattenladen stehen Ihre CDs im "Alternative"-Regal - stehen sie da gut?
Ich finde ja, denn auf gewisse Weise bin ich der ultimative Alternative Künstler. Ich bin eine Alternative zu so ziemlich jeder Form von populärer Musik unserer Zeit. Ob das nun Bubblegum-Pop ist oder Gangster-Rap oder Rock - keine dieser Musikrichtungen tut heute irgend etwas für den Intellekt. Ich sage nicht, daß Musik das tun muß - ich glaube sogar unbedingt, daß es eine Abteilung in der Popwelt geben muß, die sich um die Weiterentwicklung des Hedonismus kümmert. Aber es sollte dazu eine Alternative geben, und ich denke, meine Musik ist das.
Ihre Texte handeln von Menschen, die Sie kennen. Freunde, Verwandte - haben Sie das Gefühl, die Menschen in Ihrer Umgebung hoffen oder fürchten eher, in einem Ihrer Songs vorzukommen?
Bisher haben sich eigentlich alle, die vorkamen, gefreut. Aber ich weiß nicht, ob das nach dem nächsten Album, das ich gerade schreibe, auch noch so sein wird. Da wird es ein paar sehr ehrliche Songs über Menschen geben, mit denen ich befreundet bin - na ja, jedenfalls noch.
Würden Sie für einen guten Song eine Freundschaft opfern?
Ich würde immer versuchen, auch wenn ich jemanden verdamme, wenigstens einen Hoffnungsstrahl durchschimmern zu lassen. Ich will bestimmt niemanden absichtlich verletzen.
Ihre Eltern sind beide Songwriter, in Amerika sogar ziemlich bekannt: Kate McGarrigle und Loudon Wainwright. Beide haben über Sie Lieder geschrieben. "Rufus Is A Tit Boy" sang Ihr Vater, als Sie ein Baby waren und noch gestillt wurden. Hat Sie das, im nachhinein, irritiert?
Ein paar Songs waren in der Tat verletzend, aber ich will darüber eigentlich nicht reden.
Mit Ihrem Vater haben Sie in einem Song abgerechnet: "Dinner At Eight". Er habe Sie im Stich gelassen und solle nicht überrascht sein, wenn Sie heute Tränen in seinen Augen sehen wollten, hieß es darin. Wie hat er reagiert?
Er hat mich verstanden. Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz: Wenn du einen Song schreibst, dann ist das dein Beruf, du mußt das tun. Was nicht heißt, daß du die Konsequenzen nicht tragen mußt.
Ihre Schwester Martha macht auch Musik. Ihr neuester Song über Ihren Vater heißt "Bloody Mother Fucking Asshole". In Ihrer Familie scheint ein ziemlich offener Umgangston zu herrschen.
Ich würde sagen, wir sind ehrlicher als die meisten Menschen. Und es hat viele brutale Begegnungen zwischen uns gegeben, die, Gott sei Dank, immer in einer Aussöhnung endeten. Aber wenn vier Mitglieder einer Familie Songwriter sind, und jeder auf seine Art ziemlich fabelhaft und selbstbewußt und ehrgeizig, dann schlagen zwangsläufig manchmal Funken.
Sie haben jahrelang viele Drogen genommen. Auch darüber singen Sie.
Ja, warum auch nicht. Es war so, und es war ein großer Teil in meinem Leben.
Den Platz in der Entzugsklinik hat Ihnen Elton John besorgt. Kann eigentlich jeder junge drogenabhängige Musiker bei ihm anrufen, wenn er einen Entzug machen will?
Elton war in den siebziger Jahren mal in meinen Vater verknallt. Mein Vater trat bei irgendwelchen kleinen Folk-Konzerten auf, plötzlich landete ein Hubschrauber, und Elton John stieg aus mit vielen schwulen Freunden, und es gab Champagner. Daher kenne ich ihn. Als es mir schlechtging, habe ich zusammengezählt: schwul, Songwriter, drogensüchtig. Da kommt man dann ziemlich schnell auf ihn.
In der Woche, bevor Sie in die Klinik gegangen sind, sollen Sie mit der Tochter von George W. Bush ausgegangen sein.
Ja, das war eine total gestörte Woche. Es war Modewoche in New York, ich war auf ein paar Schauen mit Bushs Tochter Barbara - mit ihr und ihren vielen schwulen Freunden, wie ich hinzufügen möchte, denn das ist doch sehr interessant. Außerdem habe ich noch sehr heftig mit Marianne Faithfull gefeiert. Am Ende dieser Woche war ich in einer Klinik, aber alles in allem war es ein fabelhaftes, feuriges Ende. Immerhin bin ich nicht friedlich untergegangen.
Wissen Sie, warum Sie Drogen genommen haben?
Ich habe mich schon als Kind von der demi monde angezogen gefühlt. Mit vierzehn war mein Lieblingsfilm "La Dolce Vita", ich habe alle Andy-Warhol-Biographien gekauft, die ich kriegen konnte, war besessen von Edie Sedgwick. Ich erinnere mich noch, als ich elf war, war ich mit meiner Mutter in einem Hotel in New York, und neben uns wohnte ein Teenager-Pärchen. Das Mädchen war schwanger, trug eine Sonnenbrille, und beide waren die ganze Zeit total high. Sie fragten mich, ob ich nicht zu ihnen rüberkommen wolle, seltsam, und andere Kinder wären bestimmt erschrocken gewesen, aber ich wäre gestorben dafür. Nehmt mich mit in euer Wunderland! Natürlich ließ meine Mutter mich nicht. Ich will auch sagen, daß ich mir meiner Sexualität sehr früh bewußt war und sehr früh einem dekadenten Benehmen in der Schwulenszene ausgesetzt war.
"Gay Hell" haben Sie das mal genannt.
Ich bin in schwule Clubs gegangen, seit ich vierzehn bin, ich hatte keine Freunde, ich trank viel, ich war einsam und lernte ältere Männer kennen. Es hatte schon etwas von einer Hölle. Ich war zu jung für diese Sorte Clubs.
Mußten Sie denn nachts nicht zu Hause sein?
Ich habe mich rausgeschlichen. Als meine Eltern es mitgekriegt haben, haben sie mich auf ein Internat geschickt. Dort hatte ich ein paar Jahre Ruhe, um meine Unschuld zurückzugewinnen. Jahre später in New York habe ich "Gay Heaven" erlebt, habe Männer meines Alters kennengelernt, war romantisch, habe geflirtet. Damals habe ich "Poses" geschrieben, da ging es um die Schönheit, die in der Dekadenz liegt. Aber natürlich gibt es dafür einen Preis zu zahlen, und ich wurde süchtig nach den Substanzen.
Ihr Song "Gay Messiah" ist in Amerika zu einer Art Protestsong der Schwulenbewegung geworden.
Es hat als Witz angefangen, ich habe auf Parties vom schwulen Messias gesungen. Als die Wahl näherrückte, haben plötzlich alle möglichen Leute die Themen Schwulenrechte und Jesus Christus für sich instrumentalisiert, die Republikaner, Mel Gibson ... Nachdem wir die Wahl verloren haben, ist der Song zu einem Gebet geworden. Da ist kein Witz mehr darin. Es ist eine Bitte an Gott.
Glauben Sie, Bush weiß, daß seine Tochter viele schwule Freunde hat?
Bestimmt. Je weiter die Bush-Saga sich enthüllt, desto unfaßbarer wird das Ganze ja. Von Alkoholikern weiß man - ohne daß ich sagen will, daß Bush Alkoholiker ist -, daß sie sich für klüger als alle anderen halten. Ich bin sicher, Bush denkt so. Er glaubt, er ist klüger als alle anderen, er glaubt, daß Barbaras schwule Freunde am Ende in der Hölle braten werden und daß die Welt irgendwie von Jesus gerettet werden wird und daß es aber in der Zwischenzeit keine globale Erwärmung geben wird, auch wenn man nichts dagegen unternimmt. Eine Verformung der Intelligenz, bei der das Gehirn einfache Tatsachen nicht mehr wahrnehmen kann, es erkennt logische Verknüpfungen oder Tatsachen nicht.
Ihre letzte Platte haben Sie clean geschrieben, oder?
Ich hatte die Wahl: entweder ich würde weiter Drogen nehmen, eine dieser erstaunlichen, großartigen Drogenplatten aufnehmen, die es ja nunmal gibt, und dann eher früher als später sterben. Ich habe mich für die zweite Möglichkeit entschieden.
Leben Sie für Ihre Kunst - oder machen Sie Kunst, um davon zu leben?
Um auf die klassische Musik zurückzukommen - man sieht es ja noch nicht lange als so besondere Begabung, Rockstar zu sein. Früher war Musik Familientradition. Ganze Generationen einer Familie waren Kirchenmusiker. So sehe ich das. Ein Beruf. Manche wollen gute Klempner sein, andere gute Musiker.
Hören Sie selbst Ihre Musik?
Ja, ich habe sie auf dem iPod, und wenn zufällig ein Titel von mir kommt, denke ich jedesmal wieder, oh mein Gott, was ich mache, ist ja wirklich großartig.
Interview Johanna Adorján
Rufus Wainwright: "Want Two" (Universal). Am 4.5. spielt er in München, am 5.5. in Hamburg, am 9.5. in Berlin.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.04.2005, Nr. 15 / Seite 27
Bildmaterial: AP
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