Didi Hallervorden

Der müde Slapsticker

Von Sascha Lehnartz

“Didi ist da“

"Didi ist da"

05. September 2005 Der Kampf, den der Künstler Dieter Hallervorden mit sich und seinem Bilde in der Öffentlichkeit seit einigen Jahren austrägt, ist am kommenden Donnerstag in Sketchform zu besichtigen. Dann sendet die ARD eine große Gala aus Anlaß seines 70. Geburtstags, den er am Montag begehen wird. Der Sketch geht so: Hallervorden steht an einem Rednerpult auf der Bühne und wünscht, ein paar finale Bemerkungen über die "Slapstick-Figur Didi" los zu werden, die ihn in den siebziger Jahren bekannt und wohlhabend gemacht hat. Hallervorden möchte seinem Publikum "noch einmal versichern", daß er mit dieser Figur nichts, aber auch gar nichts zu tun habe.

"Viele Zuschauer waren der irrigen Meinung, Didi sei Dieter Hallervorden." Doch das sei vollkommen falsch. "Klar habe ich den Volltrottel gegeben, aber doch nur, weil es mir andere so ins Drehbuch geschrieben haben." Der private Dieter Hallervorden habe durchaus Sinn für feinen Humor, "so wie ich es Ihnen jetzt gerade nahezubringen suche", ja, er liebe sogar die subtile Pointe.

Die Didi-Glubschaugenbrille

2003: Hallervorden erhält den Comedy-Ehrenpreis

2003: Hallervorden erhält den Comedy-Ehrenpreis

Doch dann bleibt diese Pointe wieder einmal aus. Eine imaginäre Fliege bringt ihn aus dem Takt, er glaubt sie jagen zu müssen und wird darüber zum Didi. Als er die Rede wiederaufnehmen will, weiß er schon nicht mehr, wer er ist: "Ich in meiner Eigenschaft als ... als ... wer noch mal?" fragt er durch die Didi-Glubschaugenbrille, die er nun auf einmal trägt. Dann fängt das Rednerpult an zu mucken, das Mikrofon fährt hoch und runter, er bleibt mit der Nase im Mikrofon stecken, er zieht die seit Jahrzehnten bewährten Didi-Grimassen, schiebt sich den Brillenbügel ins Ohr, bekleckert sich mit Tinte und entzündet versehentlich einen Teil seines Manuskripts. All dies geschieht, während der Hallervorden im Didi weiter beteuert, er stehe persönlich für äußerst feinsinnige Komik und würde nie ein Slapstick-Klischee bedienen. Als er von der Bühne abgeht, wird eine nackte Po-Atrappe sichtbar.

Es ist, als wolle Hallervorden sein Identitätsproblem mit diesem Sketch endgültig aufheben. Jahrelang fühlte er sich von diesem Didi verfolgt, dem er doch seinen Erfolg verdankte. Seit Anfang der neunziger Jahre hat Hallervorden die Figur kaum noch gegeben, statt dessen kämpfte er darum, doch bitte endlich als politischer Satiriker ernstgenommen zu werden.

Bessere Quoten als die Tagesschau

Hallervorden: Gründungsvater der “Wühlmäuse“

Hallervorden: Gründungsvater der "Wühlmäuse"

Er wolle zu seinen "eigentlichen Wurzeln als Kabarettist zurück", erklärte er 1993, als er für Sat 1 die Sendung "Spottschau" produzierte. Bei dem Privatsender gab es damals allerdings gerade einen neuen Politikchef, den vom Bayerischen Rundfunk abgewanderten Heinz-Klaus Mertes. Als der noch beim BR war, hatte Hallervorden ihn in einer seiner ersten "Spottschauen" einen "Arsch mit Ohren" genannt. Nun war selbiger zuständig für die Sendung. Das ging nicht lange gut. Hallervorden wechselte zur ARD, dort hieß seine Sendung "Spottlight" und hatte in 100 Folgen über zwölf Jahre oft bessere Quoten als die darauffolgende "Tagesschau". Doch all dies reichte nicht, um Hallervorden im Bewußtsein des Publikums wieder als den Kabarettisten zu etablieren, der er vor allem zwischen 1960 und 1975 als Mitglied der von ihm mitbegründeten "Wühlmäuse" gewesen war. "Nonstop Nonsens" hatte sein Image zementiert. Seither assoziiert die Welt mit Dieter Hallervorden vor allem ein Geräusch - "Palim, Palim". Und den Satz: "Ich hätte gerne eine Flasche Pommes frites."

Andere Klassiker der "Nonstop Nonsens"-Zeit fielen jener Art der Verdrängung anheim, die Leute bemühen, denen heute peinlich ist, worüber sie sich früher scheckig lachten - Meisterwerke sozialliberalen Humors sind darunter: "Der Zumsel", "Die Kuh Elsa" oder "Didi als Torwart wider Willen", ein Sketch, in dem der junge Berti Vogts in einer Nebenrolle brillierte. Doch Kritikern galt Hallervorden als "Starkomiker einer Republik mit zerstörten Traditionen". So einer könne nur Erfolg haben, weil die Nazis auch den besseren deutschen Humor vernichtet hatten. Dem bundesrepublikanischen Publikum der siebziger Jahre war das schnuppe, es war nur begrenzt niveauhungrig und liebte Didi trotzdem. Den Fernsehruhm versilberte Hallervorden in der Folge in mehr oder minder gelungenen Filmen wie "Ach Du lieber Harry", "Der Doppelgänger" oder "Der Experte", mit denen er sich endgültig als Meister halblustiger Brachialscherze etablierte. Möglicherweise war diese Bürde zu schwer, um sich noch mal als seriöser Kabarettist zu etablieren. Aber vielleicht lag es auch nur daran, daß Hallervordens Kabarett nie sehr politisch war. Und oft leider auch nicht sehr komisch.

Seit 1988 lebt „Didi“ auf einer Insel in der Bretagne

Didi, der Fußballfan

Didi, der Fußballfan

Heute, so scheint es, hat er sich damit abgefunden, daß er das Slapstick-Trottel-Image nie mehr vollständig abschütteln wird. Mit 70 hat man zwar noch Träume (so der Titel der Gala), aber die Illusionen reduzieren sich. Didi und Dieter bleiben auf ewig aneinandergekettet. Hallervorden hat gerade seine Biographie geschrieben. Ursprünglich wollte er das gar nicht selbst machen, erzählt er über Keksen und Tee im Foyer seines Berliner "Wühlmäuse"-Theaters, mit dem er 2000 in ein ehemaliges Alliierten-Kino in Charlottenburg umzog. Doch als ein Ghostwriter ein paar Seiten geliefert hatte, habe er sich gefragt: "Über wen schreiben die da?" Er erkannte sich nicht und griff daher doch selbst zur Feder. Es sei erstaunlich, was beim Schreiben alles nach oben gespült werde, sagt er. Vieles, das man längst verdrängt habe. Außerdem werde man sich klar darüber, wie viele Zufälle das Leben bestimmten: "Schauspieler bin ich nur geworden, weil ich in West-Berlin einsam war nach meiner Flucht. Dann sah ich an der Uni einen Aushang für eine Theatergruppe am Schwarzen Brett und dachte mir: ,Da gehste mal hin. Da lernste wenigstens jemanden kennen'."

Hallervorden ist in Dessau geboren und studierte von 1953 bis 1958 noch an der Ost-Berliner Humboldt-Universität Romanistik. Seine Liebe zu Frankreich hat Hallervorden, der damals noch davon träumte, Auslandskorrespondent zu werden, sich bewahrt. Seit 1988 lebt der Bewunderer Balzacs und Maupassants die meiste Zeit des Jahres mit seiner zweiten Frau Elena und seinem acht Jahre alten Sohn Johannes auf einer 17.000 Quadratmeter großen Insel in der Bretagne. An der Humboldt-Universität studierte Hallervorden unter anderen bei Victor Klemperer, "einer faszinierenden Persönlichkeit", wie Hallervorden fand. "Der Mann kam mit einem ganz kleinen Zettel zur Vorlesung und sprach dann neunzig Minuten lang frei mit einer großen Liebe zur Literatur und immenser Sachkenntnis. Allerdings habe ich mich damals schon immer gefragt: Wie kann ein so intelligenter Mann nach dem 17. Juni 1953, nach Ungarn 1956 noch dem Regime das Wort reden? Das ist natürlich aus seinen Erfahrungen in der Nazi-Zeit zu verstehen. Aber dennoch: Brecht hat ja immerhin Stellung bezogen, Klemperer nicht, das fand ich schade."

Ehrenmitglied im „Verein Deutsche Sprache“

Der Komiker in einer “Verstehen Sie Spaß?“-Sendung

Der Komiker in einer "Verstehen Sie Spaß?"-Sendung

Die eingeschränkte Meinungsfreiheit in der DDR war für Hallervorden der Hauptgrund, in den Westen zu fliehen. Allerdings, so erzählt er, mußte er dann dort später die Erfahrung machen, daß so mancher Fernsehboß ebenfalls über einen bei Bedarf reduzierbaren Begriff von künstlerischer Freiheit verfüge. Hallervorden studierte in West-Berlin noch ein wenig Romanistik und dann Schauspiel bei der Lehrerin Marlise Ludwig, nachdem ihn die Max Reinhardt-Schule "mangels Talent" abgelehnt hatte. Zu einem "entscheidenden Punkt" seiner Laufbahn als Schauspieler wurde eine Bühnenfassung von Satiren des polnischen Autors Slawomir Mrozek, die er gemeinsam mit Ingo Insterburg und Ralf Gregan Ende der Sechziger auf die Bühne brachte. In 17 Szenen spielte Hallervorden 45 Rollen. Die Inszenierung wurde ein großer Erfolg und von der Kritik bejubelt. "Da habe ich meine Möglichkeiten wirklich ausschöpfen können", sagt er.

Darauf, daß die Kritik damals sogar das Adjektiv "kongenial" benutzte, ist Hallervorden heute noch stolz. Stolz ist er auch, daß er heute Ehrenmitglied im "Verein Deutsche Sprache" ist. Und wenn er solche Dinge ohne zu prahlen erzählt, schwingt mit, daß Hallervorden nichts dagegen gehabt hätte, im Laufe seiner Karriere ein wenig mehr Anerkennung zu erfahren. So wie andere Charakterkomiker, wie Heinz Rühmann oder Loriot, die er bewundert, "ohne mich mit ihnen auf eine Stufe stellen zu wollen". "Marty Feldman etwa" - den er synchronisiert hat - "oder Mr. Bean, die werden doch ziemlich oft hochgejubelt", findet Hallervorden. "Dabei könnte der Didi in seinen besten Momenten ein Verwandter von denen sein." Aber der Prophet gelte halt leider selten etwas im eigenen Land.

„Danke, Mensch, wie originell“

Den Sketch, der ihn bis heute verfolgt, hat Hallervorden indes nie bereut. "Nee", sagt er, "ist doch schön, wenn Kinder das auf dem Schulhof nachspielen. Andere hinterlassen den ,Zauberberg', ich eben ,Palim, Palim'." Schlimm sei bloß, daß er bis heute nach Auftritten vom Veranstalter statt Blumen meist eine Flasche Pommes Frites überreicht bekomme. Und ich muß dann jedesmal sagen: "Danke, Mensch, wie originell."

Zwischen Politik und Nonsens

Dieter Hallervorden wurde am 5. September 1935 in Dessau geboren. In Berlin studierte er an der Humboldt-Universität, bevor er 1958 in den Westen ging und eine private Schauspielausbildung absolvierte. 1960 gründete er das politische Kabarett „Die Wühlmäuse“.

Zu seinen erfolgreichsten Auftritten im Fernsehen gehörte die Serie „Nonstop Nonsens“, die von 1975 bis 1980 in der ARD zu sehen war. Hallervorden ist zum zweiten Mal verheiratet und hat drei Kinder, zwei aus seiner ersten Ehe mit der Schauspielerin Rotraud Schindler. Er lebt größtenteils in der Bretagne.

Im Oktober erscheint seine Autobiographie „Wer immer schmunzelnd sich bemüht“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlag).

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.09.2005, Nr. 35 / Seite 61
Bildmaterial: dpa, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb

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