11. Mai 2008 Der neue Vorsitzende Jürgen Heraeus soll die deutsche Sektion des Kinderhilfswerks Unicef aus der Krise führen. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht er über den Spendenskandal, die Ehrenamtlichen, die Spender und einen dicken Hund.
Herr Heraeus, Sie sind seit wenigen Wochen der Vorsitzende von Unicef Deutschland. Ihre Wahl war ja eine Überraschung . . .
. . . stimmt, für mich auch.
Wenn selbst Sie überrascht waren – wie kamen Sie überhaupt zu diesem Amt?
Durch ehrenamtliche Helfer, mit denen wir befreundet sind und die mir Ende vergangenen Jahres ihr Leid geklagt haben. Da begann ich mich für Unicef zu interessieren, habe mir die Satzung angeschaut, festgestellt, dass sie schon ein wenig überholungsbedürftig ist. Und irgendwann habe ich dann bei Unicef angerufen und meine Hilfe angeboten.
Sie hatten tatsächlich nie früher Kontakt zu Unicef, Ihre Frau hat keine Unicef-Grußkarten zu Weihnachten verschickt?
Weihnachtskarten erhielt und schrieb ich in der Firma. Ich bin ohnehin kein großer Weihnachtskartenschreiber. Aber meine Frau hat mich ermutigt, mich für Unicef zu engagieren. Und ich habe dann den Ehrgeiz bekommen, eine Organisation mit einer so unglaublich guten Reputation und einer so faszinierenden Idee nicht den Bach runtergehen zu lassen.
Sie hatten also keine Ahnung, welche Geister Sie riefen?
Das kann man so sagen. In der Mitgliederversammlung ging es schon anders zu, als ich es von der Industrie gewohnt bin. Da waren einige Politiker dabei, die sich besonders durch viel Melden hervortaten, ohne unbedingt jedes Mal einen Beitrag zu leisten.
Was hat die Ehrenamtlichen, die ja die Grußkarten verkaufen und von denen Sie eben sprachen, besonders bekümmert?
Dass sie plötzlich gesagt bekamen: Für Unicef mache ich nichts mehr.“ Da gehe es drunter und drüber. Es wurde ja berichtet, dass Geld veruntreut wurde, was nicht stimmt. Das hieß es aber. Da waren die Ehrenamtlichen zu Recht gekränkt. Wo kommt denn die Hilfe aus Köln?, haben sie gefragt. Die Hilfe kam jedoch nicht, weil die Bundesgeschäftsstelle mit einer Führungskrise und einem Machtkampf ohnegleichen okkupiert war.
Einmal abgesehen vom Skandal – gibt es nicht ein Spannungsverhältnis zwischen den vergleichsweise kleinen Beträgen, die die Ehrenamtlichen beibringen, und den bedeutend größeren Summen, die professionell akquiriert werden?
Im Jahr 2006 sind von den 97 Millionen Euro Gesamteinnahmen über die Grußkarten 22 Millionen Euro zusammengekommen, und auch im vergangenen Jahr waren es über 21 Millionen, obwohl die Krise da schon losging. Das ist enorm viel.
Gleichwohl ist es der kleinere Teil.
Wenn der aber nicht da wäre? Außerdem geht es bei den Ehrenamtlichen doch auch noch um etwas anderes als das Geld: um die Bewusstseinsbildung bei den Menschen. Die Gespräche, die die achttausend Ehrenamtlichen mit ihren Familien, mit Nachbarn, in Schulen und mit Leuten wie mir führen, sind mindestens so wichtig wie die Großspende eines Unternehmens.
Aber es hat doch Einfluss auf die Bewusstseinsbildung, wenn eine gelungene Veranstaltung oder ein guter Deal mit einer Zehn-Prozent-Provision mehr Geld in die Kasse spült als die langjährige Arbeit Tausender Ehrenamtlicher?
Es gab ja in der Vergangenheit nur zwei Fälle, in denen Provisionen an Spendensammler bezahlt wurden. Die haben die Krise auch mit ausgelöst. Das machen wir nicht mehr. Für Unicef mit seinen vielen Ehrenamtlichen wäre dies auch problematisch. Hier das Ehrenamt, dort die Provision – diese Spreizung ist schwierig. Sie mag gelingen. Dann muss sie aber in allen Gremien abgesprochen sein, auch mit den Ehrenamtlichen. Und wenn kein Verständnis dafür da ist, sollte man es lassen.
Bei Ihrem Amtsantritt zeigten Sie noch Sympathien für Spendeneinwerber, die bezahlt werden.
Ja, ich habe mich dafür ausgesprochen, diesen Gedanken weiterzuverfolgen, aber auch dafür, innerhalb der Organisation darüber zu sprechen. Ich habe gelernt, dass die Ehrenamtlichen nur sehr schwer davon zu überzeugen sind. Deswegen verschieben wir die Diskussion aufs nächste Jahr.
Psychologisch ist das verständlich. Ökonomisch aber sind Provisionen vernünftig.
Unicef ist vor allem deshalb eine der erfolgreichsten Spendenorganisationen in Deutschland, weil uns viele hunderttausend Spender mit kleinen Beiträgen – etwa mit acht Euro im Monat – unterstützen.
Sind Sie ein Gutmensch?
Nein. In unserem Unternehmen habe ich mal gesagt, das ist keine Rotkreuz-Veranstaltung. Wir müssen auch Gewinne machen. In manchen Wohlfahrtsorganisationen gibt es zu viele Gutmenschen. Die sagen, weil wir Gutes tun, brauchen wir keine Strukturen. Also muss uns jeder trauen. Ein Grund für die Krise bei Unicef war doch, dass die Organisation einen solchen Ruf hatte, dass die Führungsspitze dachte, man sei unverletzlich und Unicef stehe über dem Spendensiegel.
Ist diese Mentalität gebrochen?
Das kriegen Sie nicht in einer Woche hin. Wichtig ist, dass wir die Strukturen anpassen, damit die Mitarbeiter sehen, dass sich auch intern etwas geändert hat. Da sind wir auf gutem Wege, dürfen aber nicht unsere Projekte, unsere eigentliche Aufgabe, aus dem Auge verlieren.
Werden Sie bis zur Adventszeit am Ende dieser Wegstrecke sein?
Ja. In der Geschäftsstelle in Köln gibt es jetzt keine Schwierigkeiten mehr. Bei den Ehrenamtlichen gibt es auch schon eine Aufbruchstimmung. Wir haben ihnen geschrieben, und wir sprechen mit ihnen, es wird im Juni Regionaltreffen geben. Dies schaffen wir also ebenfalls bis zum ,Weihnachtsgeschäft‘. Spenden sind natürlich kein Geschäft, aber unter den Organisationen gibt es einen harten Wettbewerb.
Sollte der Gesetzgeber Vorgaben machen, wie diese vielen Organisationen mit dem hohen Gut Vertrauen“ umzugehen haben?
Da halte ich gar nichts davon. Wir hatten ja mal eine Politikerin als Vorsitzende. Das war keine Erfolgsstory.
Ihre Vorgängerin hat vermittelt, dass ihr an Unicef auch der Glamour gefalle – was hat Unicef eigentlich mit Glamour zu tun?
Das weiß ich auch nicht, da fragen Sie wohl besser Frau Simonis.
Das Gespräch führten Cornelia von Wrangel und Volker Zastrow.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
