27. Mai 2008 Franz Künstler diente noch unter Karl I. von Österreich-Ungarn. Er war 17 Jahre alt, als er zur berittenen Artillerie der österreichisch-ungarischen Armee eingezogen wurde. Als er 105 Jahre alt war, bekam er die Staufer-Medaille des Landes Baden-Württemberg. An diesem Dienstag ist der letzte lebende Weltkriegs-Veteran der k.u.k-Armee in der kleinen hohenlohischen Gemeinde Niderstetten im Alter von 107 Jahren gestorben.
Der am 24. Juli 1900 in der damals südungarischen Stadt Soosd geborene Mann lebte seit mehr als fünfzig Jahren in der baden-württembergischen Gemeinde in der Nähe von Bad Mergentheim. Künstler war Donauschwabe, seine Familie gehörte zur deutschen Minderheit in Österreich-Ungarn.
Die Faschisten wollten ihn erschießen
Im Januar 1918 musterten die Militär-Ärzte den jungen Mann. Schon im März nahm der damals 17 Jahre alte Künstler an Kampfhandlungen mit der italienischen Armee am Piave teil. Nach der Niederlage der österreichisch-ungarischen Armee an der Italienfront im November 1918 flüchtete er nach Wien. Neun Millionen Soldaten zählte die Armee der K.u.K-Monarchie während des Ersten Weltkrieges, mehr als 1,2 Millionen Soldaten wurden im Gefecht getötet.
In der Zwischenkriegszeit lebte Franz Künstler in Budapest und arbeitete in einer Stahlfirma. Am Zweiten Weltkrieg nahm er als Kurier der ungarischen Armee in der Ukraine teil. Doch das abenteuerliche Leben des Donauschwaben setzte sich fort: Als ihn die Pfeilkreuzler, die ungarischen Faschisten, vor ein Standgericht stellen, gelang ihm in letzter Sekunde die Flucht.
Wenn ich 110 bin, kann mich der Teufel holen
Im Jahr 1946 wurde er von den Kommunisten aus Ungarn ausgewiesen; er ließ sich nach der Notaufnahme im Flüchtlingslager Backnang in Niederstetten im Norden Baden-Württembergs nieder, wo er mit seiner Frau und seinem Sohn lebte, der heute 86 Jahre alt ist. Sein Wohnhaus befand sich in direkter Nachbarschaft vom Schloss des Prinzen Johannes von Hohenlohe-Jagstberg.
Die ersten Jahre in Niederstetten waren hart. Künstler berichtete noch vor wenigen Monaten, wie er damals von den Einheimischen als Zigeuner wie ein Schuhlappen behandelt worden sei. Erst später war man in Niederstetten stolz auf den in Würde gealterten Weltkriegsveteran. Künstler restaurierte Möbel und führte mehr als dreißig Jahre bis ins hohe Alter Touristen durch das Jagdmuseum von Schloss Haltenbergstetten. Immer wieder versucht Franz Künstler aus seinem Leben eine Quintessenz zu ziehen: Er riet den Jüngeren, Äpfel zu essen und Pfarrern sowie Ärzten gründlich zu misstrauen. Wenn ich 110 bin, kann mich der Teufel holen, sagte er noch in diesem Jahr dem Magazin Cicero.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP