Auch ein Armutsbericht II

Notruf aus der Benz-Baracke

Von Rüdiger Soldt, Stuttgart

Polizeibeamte nahmen Christine Zehnbauer auf die Schippe

Polizeibeamte nahmen Christine Zehnbauer auf die Schippe

19. Mai 2008 Nach Xavier Naidoo und Joy Flemming hat Mannheim endlich eine neue Kultfigur von wahrhaft proletarischer Herkunft: Sie heißt Christine Zehnbauer, wohnt in einer „Benz-Baracke“ und steht seit kurzem sogar beim Fernsehsender Sat.1 unter Vertrag.

Und das kam so: Vor drei Jahren rief Frau Zehnbauer die Leitstelle der Polizei an. Sie beschwerte sich im breiten kurpfälzischen Dialekt über ihren Musik hörenden Nachbarn, konnte aber nicht ahnen, dass der Mitschnitt des Gesprächs irgendwann auf der Internetplattform youtube.com veröffentlicht werden würde. Dort gilt der Mittschnitt nun als „Kultfilm“. Eine besonders beliebte Version des Films ist mehr als 150.000 Mal angeschaut worden.

Polizisten hatten ihren Spaß

„Bei mir sind die Teller von der Wänd gefloge, der Wichser gehört eingesperrt“, schimpft die offensichtlich nicht ganz nüchterne Frau über ihren Nachbarn Christian Ellenberger. „Wenn Ihr nix macht, gehe ich gleich rüber und box ihm in sein dreckiges Maul“, droht Frau Zehnbauer. Der diensthabende Polizist macht sich einen Spaß und antwortet ebenfalls im Mannheimer Slang: „Ellenberger gehört eingesperrt, alles klar.“ Besonders gelungen ist auch der Teil des Gesprächs, in dem der Polizist genüsslich das Wort „Appartement“ buchstabiert, wohl wissend, dass die Anruferin nicht in einem vornehmen Stadteil zu Hause sein kann.

Jetzt muss Frau Zehnbauer ähnlich wie die legendäre Maschendrahtzaun-Sächsin vor einigen Jahren täglich Interviews über den Nachbarschaftskrieg geben, die Kamerateams begleiten sie zu inszenierten Versöhnungsgesprächen mit dem Nachbarn Ellenberger, der wiederum ähnlich derb antwortet und sich eigentlich mit Frau Zehnbauer nicht aussöhnen will: „Du baust jeden Tag Scheiß und willst mit mir reden.“

„Dreckisch und stolz druff“

Der Mannheimer Polizei ist die Angelegenheit mittlerweile unangenehm: Sie hat ein Ermittlungsverfahren wegen der Verletzung von Dienstgeheimnissen eingeleitet. In jedem Fall ist auch gegen die Vorschriften des Datenschutzes verstoßen worden. Sprachen Polizisten in Fernsehbeiträgen zunächst noch etwas amüsiert von einer „komischen Sequenz“, entschuldigen sie sich heute dafür, dass sie Frau Zehnbauer so berühmt gemacht haben: „Wir als Mannheimer Polizei bedauern das sehr, das wird sich nicht wiederholen.“

Wie der Telefonmittschnitt auf die Internetplattform Youtube gelangt ist, muss nun aufgeklärt werden: Aus dokumentarischen Gründen zeichnet die Polizei alle Notrufe in der Leitstelle auf DVDs auf und löscht sie nach einigen Monaten. Von diesem Telefonat muss aber eine Kopie angefertigt worden sein. Nicht alle Mannheimer sind begeistert, dass die Stadt ausgerechnet mit dem proletarisch anmutenden kurpfälzischen Dialekt die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich zieht. Im Internet finden sich viele zustimmende Kommentare, natürlich im Mannheimer Dialekt: „Dreckisch und stolz druff“ schreibt einer. „Monnemerslang, man geil“ oder „De isch amol saugut“ lauten andere Kommentare.

Youtube: Telefonanruf Christine Zehnbauers bei der Mannheimer Polizei

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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