13. September 2006 Es ist die große Frage des fünften Besuchstages des Papstes in seiner bayerischen Heimat gewesen: Läßt ein solches Amt, eine solche Berufung, eine solche Aufgabe noch Raum für die Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Person? Fast trotzig hatte das Protokoll die Tageslosung Privates Programm des Papstes ausgegeben - mit einem gemeinsamem Mittagessen der Brüder Georg und Joseph Ratzinger, einem Besuch am Grab ihrer Eltern und ihrer Schwester, einem dreistündigen Aufenthalt im Privathaus des Papstes in Pentling. Und ebenso trotzig verteidigten die Medien ihren Zugriff auf Benedikt XVI. - gab es keine Bilder zu verbreiten, wurden eben noch einmal die zahlreichen Experten befragt, die sich im Leben des Joseph Ratzinger mittlerweile besser auszukennen glauben als möglicherweise er selbst.
Nicht zum ersten Mal wurde dem Publikum eine Nähe zum Privatmann Ratzinger suggeriert, die trügerisch ist. Seit er hohe Kirchenämter innehat, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen - als Erzbischof von München und Freising, als Präfekt der Glaubenskongregation, schließlich als Papst - hat Ratzinger die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatheit sorgsam gewahrt. Wissend um die Mechanismen der Mediengesellschaft hat er zwar als Kurienkardinal ein biographisches Gerüst referiert - vor allem in dem schmalen Erinnerungsbuch Aus meinen Leben und dem Gesprächsband Salz der Erde mit dem Publizisten Peter Seewald. Über die Kämpfe, die in der menschlichen Seele toben, den Auseinandersetzungen zwischen ihren hellen und dunklen Seiten, hat er aber, was sein Leben betrifft, wenig nach außen dringen lassen.
Bild des strengen und gerechten Vaters
Die Beschreibungen, die er von seinen Eltern gibt, sind Teil des öffentlichen, nicht des privaten Ratzinger - eine legitime Grenzziehung, mag sie in der medialen Spiegelung auch aufgehoben scheinen. Dazu gehört das Bild des strengen und gerechten Vaters, des Gendarmeriemeisters Joseph Ratzinger, und der warmen und herzlichen Mutter, der Köchin Maria Ratzinger, das der Sohn in fast gleichnishaften Zügen gezeichnet hat. Und dazu gehört der Lebensgang der Eltern, den Ratzinger in ähnlich archetypischer Weise skizziert hat - mit der Herkunft des Vaters aus einer niederbayerischen Bauernfamilie, der Mutter aus dem Tirolerischen, mit ihrem täglichen Existenzkampf, mit ihrer patriotischen Gesinnung. Es handelt sich nicht um eine Fiktion, gar eine Verfälschung - es ist die Beschränkung auf Bausteine für eine öffentliche, nicht für eine private Biographie.
Es sind literarische Verfahren, die Ratzinger für seine Lebensbeschreibungen gewählt hat, mit einem sehr überlegten, sehr diskreten, sehr selektiven Erzähler. Irgendwo habe es Vater-Sohn-Konflikte sicher immer gegeben - mehr hat er dazu nicht gesagt. In der Studienzeit sei im Umgang mit Studentinnen die Frage eines zölibatären Lebens und seiner inneren Sinngebung durchaus praktisch geworden: Also, ich würde so sagen: Ein direktes Verlangen nach einer Familie, soweit sind meine Planungen nicht gediehen. Aber daß ich natürlich auch durch Freundschaft berührt worden bin, das ist klar. Er habe die Frage des Verzichts oft durch den schönen Park von Fürstenried und natürlich in die Kapelle getragen, bis ich schließlich bei der Diakonatsweihe im Herbst 1950 ein überzeugtes Ja sagen konnte.
Gefühliger Biographismus
Den Verlockungen eines gefühligen Biographismus hat Ratzinger als Kardinal immer widerstanden; als Papst ist er davor schon durch sein Amt gefeit. Soweit er vor seiner Wahl auf den Stuhl Petri Auskunft über seinen persönlichen Werdegang gegeben hat, war sein erzählerisches Ziel eindeutig: Es ging auf eine exemplarische Art um eine Versöhnung zwischen einer süddeutschen Volksfrömmigkeit und der wissenschaftlichen Moderne. Die Eltern Ratzingers sind in diesem öffentlichen Kontext gleichsam literarische Figuren, mit einer literarischen Wahrhaftigkeit. Der Vater Joseph Ratzinger, Jahrgang 1877, wuchs als eines von neun Kindern auf einem Bauernhof in Rieckering im Bayerischen Wald auf; nicht zum Hoferben bestimmt, mußte er sich ein anderes Auskommen suchen und ging zur Gendarmerie.
Kardinal Ratzinger hat seinen Vater als tief gläubigen Mann geschildert, der jeden Sonntag um sechs Uhr morgens in die Messe ging, dann um neun Uhr in den Hauptgottesdienst und nachmittags noch mal. Die Mutter wiederum habe eine sehr warme und herzliche Religiosität ausgezeichnet: In dem Punkt waren sich beide wieder in ihrer unterschiedlichen Art einig, Religion war ganz zentral. Wenn es sich irgendwie vom Schulrhythmus sich gefügt habe, gingen wir natürlich auch jeden Tag in die Messe und am Sonntag gemeinsam in den Gottesdienst. Die Mutter Maria Ratzinger, Jahrgang 1884, wurde in einer Bäckerfamilie in Rimsting am Chiemsee groß; als älteste von acht Geschwistern mußte sie von Kindesbeinen an im elterlichen Betrieb und im Haushalt zupacken. 1920 heiratete sie den Gendarmen Joseph; beide Eheleute waren in einem für damalige Anschauungen recht fortgeschrittenem Alter.
Fesselndes Abenteuer
1921 kam die Tochter Maria zur Welt, die später den Hochschullehrer, Bischof und Kardinal Ratzinger treulich begleitete, wie es in seinen Erinnerung heißt, und ihm die kleinen und großen Beschwernisse des Alltages abnahm; sie starb 1991 und wurde im Elterngrab auf dem Friedhof Ziegetsdorf unweit von Pentling beigesetzt. 1924 folgte der Sohn Georg, der 1964 Domkapellmeister zu Regensburg und damit Leiter der Regensburger Domspatzen wurde. 1927 schließlich wurde der jüngste Sohn Joseph geboren, der als Benedikt XVI. in die Geschichtsbücher eingehen wird. Als Kardinal hat er in den Kindheitsabschnitt seiner öffentlichen Biographie die religiöse Erziehung durch die Eltern in den Mittelpunkt gestellt. Früh hätten die Eltern Ratzinger den Kindern geholfen, Zugang zur katholischen Liturgie zu finden - zunächst mit einem an das Missale angelehnte Kindergebetbuch, dann einem Laienmeßbuch für Kinder, dann einem Meßbuch mit der vollständigen Liturgie für Sonn- und Feiertage, schließlich dem Meßbuch für alle Tage. Das jeweils neue Buch war eine Kostbarkeit, wie ich sie mir nicht schöner träumen konnte, hat Kardinal Ratzinger in seinen Erinnerungen geschrieben und bezeichnet dieses Hineinwachsen in die Liturgie als fesselndes Abenteuer.
Die Entwicklung einer religiösen Berufung - sie ist das Generalthema, die seine öffentliche Biographie durchzieht. In diesen Bezug hat er alle Wechselfälle seines Lebens als Schüler, Student, Priester Theologe, Wissenschaftler, Bischof und Kardinal gestellt, soweit er sie öffentlich gemacht hat. Zum Tod der Mutter 1963 - der Vater war vier Jahre zuvor gestorben - hat er in seinen Erinnerungen festgehalten, das Leuchten ihrer Güte sei für ihn immer mehr zu einer Verifizierung des Glaubens geworden, von dem sie sich hatte formen lassen. Er wisse keinen überzeugenderen Glaubensbeweis als eben die reine und lautere Menschlichkeit, in die der Glaube meine Eltern und so viele andere Menschen, denen ich begegnen durfte, hat reifen lassen.
Der Rückzug auf eine öffentliche Biographie mag in einer Mediengesellschaft, in der sich wichtig wähnende Zeitgenossen auch intimste Details bereitwillig preisgeben, seltsam anachronistisch anmuten. Fast verzweifelt wurden auch am Mittwoch Versuche unternommen, die Grenzlinie zum privaten Papst zu durchbrechen, wurde die Nachbarskatze Chico in Pentling porträtiert, mit der Ratzinger doch so sehr in gegenseitiger Zuneigung verbunden gewesen sei, wurden Pentlinger über ihren langjährigen Mitbürger befragt. Die Welt wurde wieder einmal darüber unterrichtet, daß der Oberste Hirte der universalen Kirche in seinem Regensburger Vorleben Feuerwehrfeste und Süßspeisen nicht verschmäht hatte. Es war eine muntere Spurensuche, gut geeignet, die öffentliche Biographie Benedikts für mediale Zwecke aufzulockern - und sein privates Arkanum erst gar nicht in Sichtweite kommen zu lassen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa