14. Dezember 2007 Sie kommt mit dem Fahrstuhl nach unten ins Foyer, schreitet in hochhackigen schwarzen Lederstiefeln über den glänzenden Boden und sagt einfach nur: Hallo, ich bin Andrea. Andrea Berg, groß und schlank, redet leise und überlegt. Vielleicht stellt man sich so eine Schlagerprinzessin vor. Zwei Stunden vor ihrem Konzert in der ausverkauften Kampa-Halle in Minden trinkt sie Pfefferminztee mit viel Honig. Die Stimme, sagt sie und fasst sich an den Hals. Andrea Berg ist viel unterwegs gewesen in den vergangenen Wochen, sie stand in Bremerhaven und Chemnitz auf der Bühne, in ihrer Welt ist sie ein Star.
Es ist die Welt des Schlagers, der leichten Melodien und seichten Texte, die von Sehnsucht und Zärtlichkeit, von Kummer und Träumen erzählen. Andrea Berg sitzt kerzengerade, rührt mit dem Löffel im Tee, schaut auf und sagt: Jeder von uns macht Fehler, ist traurig und wieder glücklich, verliebt sich und wird bitter enttäuscht. Es ist ein typischer Satz von Andrea Berg. Manchmal spricht sie, als würde sie nur den Text eines ihrer Lieder vortragen.
Wo liegt das Paradies
Sie hat Erfolg mit ihrer Musik. Für ihre Auftritte kann die Einundvierzigjährige inzwischen rund 50.000 Euro verlangen. Knapp sechs Millionen Alben hat Sony BMG bislang von ihr verkauft: Träume lügen nicht, Wo liegt das Paradies, Nah am Feuer. Am Mittwoch hat Andrea Berg sogar Pink Floyd geschlagen: Ihr Best of-Album ist nunmehr 313 Wochen in den deutschen Charts plaziert - länger als die bisherige Nummer eins Wish You Were Here (312 Wochen) der legendären britischen Rockband und auch viel länger als die beiden bislang zweit- und drittplazierten Beatles-Alben 1962-1966 (297 Wochen) und 1967-1970 (285 Wochen). Nur wenige in der Republik dürften diesen Rekord allerdings bemerkt haben.
Bei der Verleihung des deutschen Musikpreises Echo im März zeigte der Fernsehsender RTL anstelle ihres Auftritts Werbung. Später hockte Andrea Berg hinter der Bühne und weinte bitterlich. Der Schwiegervater saß schließlich vor dem Fernseher, all ihre Fans, Freunde und Bekannte. Die haben auf mich gewartet, und ich kam einfach nicht. Das hat mich so traurig gemacht.
Die Sängerin schützt ihr Privatleben
Vielleicht wollte Andrea Berg deshalb nie eintauchen in diese - sie nennt das wirklich so - glitzernde Medienwelt. Seit Jahren gibt sie kaum Interviews. Ihr Privatleben versucht sie aus der Öffentlichkeit zu halten. Auf ihrer Homepage steht kaum Persönliches. Ich wollte mich immer verstecken können, sagt sie. Das konnte sie im Elternhaus in Krefeld, der Vater Feuerwehrmann, die Mutter Hausfrau. Es gab klare Regeln. Mit achtzehn durfte sie das erste Mal bis Mitternacht ausgehen. Nach dem Abitur wurde sie Arzthelferin. 1992 veröffentlichte sie ihr erstes Album - und hörte sich noch jahrelang in einer Hals-Nasen-Ohren-Praxis die Nöte der Patienten an. Konservativ? Langweilig? Eine Insel heile Welt!
Ein bisschen von dieser Andrea Berg steckt in jedem ihrer Lieder. Man könne es hören, meint sie, und mitfahren auf der emotionalen Achterbahn ihres Lebens. In Tiefen, wie der Scheidung von Schlagersänger Olaf Henning. Oder in Höhen, wie der Hochzeit mit dem Spielerberater Uli Ferber im Sommer. Sogar die Bild-Zeitung war eingeladen, und am nächsten Tag lächelte Andrea Berg ganz in Weiß von der Titelseite. Eine Ausnahme sei das gewesen, ein Dank an ihre Fans.
Schon Stunden vor dem Konzert stehen sie in Minden vor der Halle. Viele der Männer haben graue Schläfen, sie tragen T-Shirts mit Andrea-Berg-Bildern und haben Leuchtstäbe und Feuerzeuge dabei. Die Frauen halten oft eine Freundin im Arm. Mehr als 20 Euro haben sie für die Karten bezahlt. Sie sind die Menschen in der Nische von Schlager- und Volksmusik, die im deutschen Musikgeschäft einen Marktanteil von etwa zehn Prozent ausmacht.
Musik für die Seele
Eine halbe Stunde vor ihrem Auftritt sitzt Andrea Berg im Hinterzimmer der Kampa-Halle vor kahlen Wänden und heruntergelassenen Rolläden. Es ist heiß, in einer Ecke liegen Puder, Lippenstift und Kajal auf dem Tisch, auf dem Boden steht ein Louis-Vuitton-Koffer, darin Röcke und Glitzeroberteile. Ein paar Freunde sind gekommen und machen Fotos mit sich und ihr. Klaus, hast du uns auch wirklich drauf? Andrea Berg gießt Ramazzotti in Gläser und sagt: Hummel, Hummel, Mors, Mors. Nicht lang' schnacken, Kopf in Nacken. Ein Ritual vor dem Konzert: Italienischer Kräuterlikör beruhigt die Nerven und ölt die Stimme.
Eugen Römer hat Andrea Berg entdeckt, ist ihr Produzent und hat mittlerweile mehr als 150 Titel komponiert und getextet. Wer einmal in der Woche Andrea Berg hört, sagt er, der muss nicht mehr in die Apotheke und Pillen kaufen. Die Musik sei gut für die Seele. Sie schenke Kraft und habe therapeutische Wirkung. Und was ist das Erfolgsgeheimnis von Andrea Berg? Sie kann Traktor fahren, Kühe melken und Spritzen setzen. Sie weiß, was sie will, und lässt sich nichts vorschreiben.
Passt auf euch auf, wir sehen uns wieder
Das bekommt auch er manchmal zu spüren. Einmal sollte Andrea Berg etwas singen, das ihr so gar nicht gefiel: In dieser einen Nacht hast du mich zur Frau gemacht. Sie las die Zeile, schüttelte den Kopf und sagte: Eugen, das mach ich nicht. Also setzten sie sich beide zusammen. Danach hieß es: In dieser einen Nacht habe ich die Liebe gesehen. Ein bisschen kitschiger - aber Andrea Berg fühlte sich wohler.
Um kurz nach acht tritt sie auf die Bühne. Arme recken sich ihr entgegen, die Leute schunkeln und klatschen. Sie kennen alle Lieder auswendig. Ich hab keine Wahl / lieb dich nun mal / hast du mir auch tausendmal weh getan. Oder: Die Gefühle haben Schweigepflicht / was ich für dich fühle, zeig ich nicht. Lichteffekte, Musik vom Band. Andrea Berg steht ziemlich verlassen auf der großen Bühne, vor der Pause in kurzem Rock und hohen Stiefeln, nach der Pause in kürzerem Rock und höheren Stiefeln. Den Männern gefällt das. Einer aus Holland in Nadelstreifenjackett und Jeans hält die Hand vor das Gesicht und lächelt. Er hat Andrea Berg gerade erst für ein Konzert nach Enschede geholt. Schon im Sommer waren beinahe 4000 Karten verkauft.
Nach zwei Stunden geht in Minden das Licht aus, die Musik verstummt. Andrea Berg steht ein paar Augenblicke auf der Bühne, sie spricht kein Wort, schaut nur ins Publikum. Bevor sie geht, sagt sie schließlich: Seid behütet. Passt auf euch auf. Wir sehen uns wieder. Das weiß ich ganz genau.
Text: F.A.Z., 14.12.2007, Nr. 291 / Seite 7
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