Klausjürgen Wussow ist tot

Den weißen Kittel legte er nie ab

Von Michael Hanfeld

So kannten ihn alle: Wussow als Brinkmann mit Gaby Dohm

So kannten ihn alle: Wussow als Brinkmann mit Gaby Dohm

20. Juni 2007 

Er spielte nur eine Rolle. Spielte er natürlich nicht. Hundertsechzig seien es gewesen, sagte er einmal in einem Interview. Oder hundertfünfundsechzig. Oder hundertfünfundsiebzig. Doch wer erinnert sich an die anderen hundertvierundsiebzig Auftritte? Klausjürgen Wussow war Professor Brinkmann aus der „Schwarzwaldklinik“. Er war es, und er ist es, und er wird es immer sein. Die Rolle bleibt mit der Person verbunden, mit dem Schauspieler, der am Dienstag im Alter von 78 Jahren verstarb.

Man kann sich heute kaum noch vorstellen, welche Popularität Wussow als Professor Brinkmann errang. Die Krankenhausserie des ZDF, in der er auftrat, hatte einen Marktanteil von bis zu sechzig Prozent. Sie war das deutsche Pendant zu „Denver“, „Dallas“ und „Miami Vice“ - alles in einem. Es ging um Liebe, Lüge, Leidenschaften und die ewigen Fragen der Menschheit: Woher komme ich, wie komme ich aus diesem Spital (lebend) wieder heraus, und bezahlt das meine Krankenkasse?

„Priester, Arzt und Clown“

Damals, in den Achtzigern, war man noch gegen alles versichert und bei Professor Brinkmann in den denkbar besten Händen. Denn er operierte nicht; er heilte die Menschen an Leib und Seele. „Ich habe die Menschen berührt, sie angefasst“, sagte Klausjürgen Wussow einmal im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Und daher fand Wussow es auch gar nicht falsch, mit seinem alter ego verwechselt und von Fans der Serie um medizinischen Rat gebeten zu werden. Er legte den weißen Kittel nach Drehschluss nicht ab, sondern blieb auch nach dem Ende der siebzig Folgen „Schwarzwaldklinik“ der „Spezialist für Operationen am offenen Herzen“.

Und in dieser Lebensrolle fühlte sich Klausjürgen Wussow wohl, zuerst geliebt, dann verkannt. Er war auf jeden Fall eins mit sich und seiner Rolle in der Welt. Er fühle sich als „Trinität“, sagte er einmal, als „Trinität aus Priester, Arzt und Clown“. Von Schauspielerei und der Trennung zwischen dem eigenen und dem gespielten Leben war da keine Rede.

In Vergessenheit geriet dabei, dass Wussow, der am 30. April 1929 im pommerschen Cammin geboren wurde und in Lünen und im mecklenburgischen Waren aufwuchs und schon als Schüler an das Theater von Schwerin kam, tatsächlich die besagten 159 oder 174 anderen Rollen hatte, vor allem am Theater. So etwa von 1964 bis 1984 als Burg-Schauspieler in Wien (wo ihn der Regisseur und Intendant Claus Peymann ausbootete) und zuvor als Mime an den Theatern in Berlin, Frankfurt, Düsseldorf, Zürich und München. Kaum ein klassischer Held, den Wussow nicht einmal gegeben hätte - Don Carlos, Karl Moor und den Faust inbegriffen.

Vermarktetes Privatleben

Erlernt hatte Wussow seinen Beruf 1948 an der Schauspielschule des Berliner Hebbel-Theaters. Fürs ZDF wiederum bestritt er als „Kurier der Kaiserin“ seine erste maßgebliche Serienrolle. Dazwischen lagen dreizehn Episoden als „Sergeant Berry“. Und dann kam der Ruf, der eine Berufung war, an die „Schwarzwaldklinik“, als Professor Brinkmann, mit der unvergesslichen Kollegin Gaby Dohm als Schwester Christa an seiner Seite. Es folgten in etwas veränderter Konstellation Auftritte auf dem „Traumschiff“ oder in der „Klinik unter Palmen“.

Dass Klausjürgen Wussow in den achtziger Jahren zu einer Ikone des (west-)deutschen Fernsehen wurde, hatte zwar mit der Beschaffenheit der Rolle und der vollständigen Identifikation des Schauspielers mit seinem neuen Ich zu tun, aber auch damit, dass Wussow sein Privatleben öffentlich machte und vermarktete wie kaum ein zweiter. Die Geschichte seiner Ehen und seiner Scheidungen haben die Boulevardzeitungen und die People-Magazine geschrieben. Die ihn jahrelang als strahlenden Helden in weiß aufgebaut hatten, demontierten ihn nun nach allen Regeln der Kunst. Nun landete jede Volte der Rosenkriege, die Wussow mit zweien seiner vier Gattinnen ausfocht, auf dem Titel. Ein Wort gab das andere und das andere das übernächste - eine unendliche Geschichte.

Das ging so, bis Wussow die Vereinigung „Fair Press“ mitbegründete, die sich um angebliche Promi-Opfer der Presse kümmern wollte. Und das ging so bis zum bitteren Ende, bis zu Wussows Demenzerkrankung, bis zu seiner Pflegebedürftigkeit und bis zu seinem Sterben.

„Das reicht für mehrere Leben“

Mit den Geistern, die ihr verstorbener Vater zeitlebens lauthals rief, haben nun seine Kinder zu kämpfen. „Es ist keine Sensation, gehen zu müssen“, schreibt Wussows Sohn Alexander. „Unsere Familie hat genügend erlebt, das reicht für mehrere Leben, und es wäre schön, wenn man der Geschichte meines Vaters, der so vielen Menschen so viele schöne Stunden beschert hat, den nötigen Respekt entgegenbringt und ihn in Ruhe gehen lässt.“

Wussows Tochter Barbara, die sich wie ihr Vater und ihr Bruder der Schauspielerei verschrieben hat, wünscht sich, dass man ihren Vater „seinen letzten Lebensweg gehen lässt, ohne persönlich in den Medien abgebildet und vorgeführt zu werden. In Ruhe und Würde und mit Respekt.“ Dem Wunsch kann man sich nur anschließen. Zu erwarten aber ist etwas anderes.

König Lear hätte Klausjürgen Wussow gerne noch gespielt und Nathan den Weisen. Doch ob diese Rollen zu ihm gepasst hätten? An diesem Dienstag ist Klausjürgen Wussow in einem Berliner Krankenhaus gestorben. Das Kurhaus im Glottertal, in dem seinerzeit die „Schwarzwaldklinik“ spielte, steht zum Verkauf.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, ASSOCIATED PRESS, CINETEXT, ddp, dpa, JS/Cinetext, ZB

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