25. April 2008 Werner Leuteritz steht an der Einfahrt seines Hauses. Den Griff des geflochtenen Einkaufskorbs umfasst er mit beiden Händen. Er hält Ausschau nach der fahrenden Bäckersfrau, die jeden Moment mit ihrem Verkaufswagen erscheinen muss.
Börnersdorf liegt in der Sächsischen Schweiz, kaum eine halbe Autostunde von Dresden entfernt. Romantisch fließen die grünen Wiesen der Bauerngüter bis zur Landstraße hin. Ein Bächlein gluckert fröhlich. Eine der wenigen Abwechslungen unter der Woche ist der Besuch der Bäckerin.
Unruhig trippelt Leuteritz hin und her. Erst muss er sein Brot kaufen. Dann sei er gern zum Gespräch bereit über den Flugzeugabsturz, Börnersdorf und die Hitler-Tagebücher.
Bravourstück wie Watergate
Als vor 25 Jahren die Zeitschrift Stern ihre Geschichte von den Hitler-Tagebüchern als größten journalistischen Coup der Nachkriegszeit präsentierte, spielte Börnersdorf eine wichtige Rolle. Durch den Sensationsfund in der DDR-Provinz müsse die Biographie des Diktators und des Dritten Reiches in großen Teilen umgeschrieben werden, tönte das Blatt.
Was weder einer ganze Historiker-Generation beim Durchkämmen der Archive noch Tausenden Agenten der vier Besatzungsmächte gelungen sei, habe nun der Stern-Reporter Gerd Heidemann vollbracht. Den britischen Historiker Hugh Trevor-Roper zitierte die Illustrierte mit den Worten, er halte Heidemanns Fund für das bedeutsamste zeitgeschichtliche Ereignis des letzten Jahrzehnts und für ein Bravourstück wie Watergate.
Notlandung in Baumwipfeln
Tatsächlich wird schon aus diesem ersten Artikel für jeden aufmerksamen Leser deutlich, dass Heidemann, der damals einen guten Ruf als Rechercheur und erfahrener Reporter hatte, nur die näheren Umstände eines Flugzeugabsturzes im Heidenholz bei Börnersdorf ergründen konnte.
Die Junkers 352 von Fliegermajor Friedrich Anton Gundelfinger war auf ihrem Weg von Berlin nach Bayern in den frühen Morgenstunden des 21. April 1945 beim Versuch einer Notlandung an den Baumwipfeln nur wenige Meter vor einer Lichtung hängen geblieben, hatte sich überschlagen und war schließlich auf einem Acker zerschellt.
Geheimes Material aus Berlin
Werner Leuteritz stellt seinen Einkaufkorb vor sich auf den Weg und deutet auf einen grünen Hügel. Dort hinten quoll plötzliche eine dicke Rauchschwade hervor. Natürlich habe ihn, im April 1945 zwölf Jahre alt, und die anderen Jungs da nichts mehr gehalten.
Wir mussten wissen, was los ist. Am Heidenholz sahen Leuteritz und seine Freunde dann nur noch einen brennenden Schrotthaufen und rings darum einige Tote. Aufgeregt hätten einige Erwachsene aus dem Dorf versucht, sie fernzuhalten.
Etwas mehr als dreieinhalb Jahrzehnte später ist der Flugzeugabsturz für Gerd Heidemann das fehlende Verbindungsstück in seiner Recherche. In einem Buch war der Stern-Reporter auf den Namen Gundelfinger gestoßen, der in seinem Flugzeug Personen und angeblich geheimes Material aus Berlin ausfliegen sollte.
Nazi-Dokumente eines DDR-Generals
Im Oktober 1980 findet Heidemann heraus, dass Gundelfinger nicht wie bisher angenommen im bayerischen Wald, sondern in Börnersdorf abgestürzt ist. Heidemann wertet dies als Indiz für die Glaubwürdigkeit des Stuttgarter Militaria-Händlers Konrad Kujau.
Der will seine brisanten Nazi-Dokumente - darunter auch ein Hitler-Tagebuch - von seinem Bruder, einem DDR-General illegal bezogen haben und behauptet, weitere Tagebücher beschaffen zu können.
Zwei Mal reist Heidemann - von Offizieren der Staatssicherheit begleitet - nach Börnersdorf. Beim ersten Mal logiert die um den Stern-Redakteur Thomas Walde verstärkte merkwürdige Recherchegruppe im Dresdner Touristenhotel Königstein.
Die Stasi hilft mit
Auf dem Börnersdorfer Friedhof stößt Heidemann auf die Gräber des Piloten Gundelfinger und der anderen beim Absturz ums Leben gekommenen Soldaten. Thomas Walde schreibt die Namen der Toten von den Grabkreuzen ab. Am Anfang wollen die beiden Stern-Reporter nicht zu viele Fragen stellen, heißt es geheimnisvoll im April 1983 in der Illustrierten.
Tatsächlich muss Heidemann erst mit der Stasi abklären, ob er in Börnersdorf Ortsansässige befragen darf. Dieser Wunsch wird ihm wenig später gewährt - wieder hat die Stasi minutiös und konspirativ Vorbereitungen getroffen.
Logiert wird diesmal in einem Jagdhaus der Stasi nahe der tschechischen Grenze. Heidemann solle mit der Legende auftreten, er sei mit einem der Absturzopfer verwandt. Auch Zielpersonen hat man für den Stern-Reporter schon ausfindig gemacht.
Wie Sternreporter Gerd Heidemann die Tagebücher fand
Diskret geht die Aktion in dem kleinen Ort aber nicht vonstatten. Werner Leuteritz erinnert sich an den Aufruhr. Sein Bruder Helfried berichtet, dass die Staatsicherheit damals sogar Teile des Dorfs abgesperrt habe.
Detailverliebt breitet der Stern die Ergebnisse der gemeinsam mit der Stasi unternommenen Börnersdorf-Recherche unter der Überschrift Wie Sternreporter Gerd Heidemann die Tagebücher fand aus.
Doch selbst die zitierten Aussagen der von Heidemann befragten Leute taugen nicht als Nachweis für die Existenz der Hitler-Tagebücher. Vielmehr deuten sie darauf hin, dass zumindest ein großer Teil der Fracht vernichtet wurde.
Die perfekte Legende
Trotzdem heißt es im reißerischen Stern-Artikel, Hitlers geheimste Dokumente, einzigartige Zeugnisse der NS-Zeit seien bei einer Spurensuche in der Provinz entdeckt worden. Die Hinweise haben gestimmt. Die Bücher existieren.
Erst seien die Tagebücher in der Umgebung von Börnersdorf versteckt, dann von einem deutschen Offizier sichergestellt worden. Die Namen derer, die Hitlers Tagebücher im April 1945 geborgen haben, sowie die Aufbewahrungsorte und die Wege der Bücher in den Westen wird der Stern nicht nennen. Die Finder haben zur Bedingung gemacht, dass ihre Anonymität gewahrt bleibt.
Es ist die perfekte Legende für Konrad Kujau, den Fälscher. Die Recherche-Ergebnisse aus Börnersdorf, über die ihn Heidemann früh informiert, baut Kujau so geschickt und phantasievoll in seine Geschichte von der geheimen Bezugsquelle in der DDR ein, dass sich der Stern-Journalist dadurch umso mehr bestätigt sieht.
Sechzig Bände Hitler
Recherchen über den schillernden Militaria-Händler stellen weder Heidemann noch sonst jemand vom Stern an. Über Jahre hinweg kann Kujau dem Stern seine Falsifikate zu horrenden Preisen verkaufen, ohne jemals befragt zu werden.
Am Ende waren es rund 60 Bände Hitler und noch viele weitere angebliche Originale. Naheliegende wissenschaftliche Untersuchungen, etwa zum Alter des Papiers, unterbleiben. Gutachter vergleichen die Schrift Hitlers mit Original-Schrifstücken, die ebenfalls aus der Hand Kujaus stammen.
Nur wenige Tage nach der ersten Veröffentlichung fällt deshalb das Kartenhaus in sich zusammen. Statt sich für ein journalistisches Bravourstück wie Watergate feiern lassen zu können, erleben Heidemann und der Stern ihr journalistisches Waterloo.
Staatsanwaltschaft: Explosion krimineller Energie
Im Betrugsprozess gegen Heidemann und Kujau im Sommer 1985 attestiert das Hamburger Landgericht dem Stern ein erhebliches Mitverschulden. Bei Kujau erkennt es nicht wie die Staatsanwaltschaft eine Explosion an krimineller Energie, sondern eine Explosion des Fleißes.
Denn kriminelle Energie setze Widerstände voraus, die der Täter überwinden müsse. Widerstände sind Kujau bei seinen Plänen überhaupt nicht entgegengesetzt worden. Heidemann und Kujau werden zu jeweils mehr als vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
Kujau kam 1938 im sächsischen Löbau zur Welt. Schon in jungen Jahren fällt er nicht nur durch seine Zeichentalent auf - seine Karikaturen erschienen in der Sächsischen Zeitung, dem Eulenspiegel oder in der Zeitschrift Fröhlichsein und Singen -, sondern auch durch seine Begabung Handschriften nachzuahmen.
Hitler-Produktionsstress
Bis Juli 1957 ist Kujau an der Kunstakademie Dresden eingeschrieben, denn flieht er in den Westen und ließ sich in Stuttgart nieder, wo er in wechselnden Berufen tätig ist. Als Heidemann auf ihn stößt, hat er schon viele Hitlerhandschriften gefälscht - ein Hitler-Gedicht aus seiner Feder ist sogar von einem Historiker publiziert worden.
Auch einen Tagebuch-Band hat in den siebziger Jahren schon fabriziert und an einen Fabrikanten als Original ausgeliehen. Als Heidemann davon erfährt, gibt es für ihn keinerlei Bedenken.
Kujau kommt in der Zwischenzeit in massiven Hitler-Produktionsstress. Frech bedient er sich für seine Tagebücher aus der einschlägigen Literatur. An manchen Stellen macht er sich sichtlich einen Spaß daraus, seine willfährigen Abnehmer beim Stern mit Banalitäten zu veralbern.
Heidemann verweigert Auskunft
Unter dem Datum 30. April 1938 lässt er seinen Führer notieren: Leide immer mehr an Schlaflosigkeit, die Verdauungsstörungen sind noch schlimmer geworden. Die Tagebücher bringen Kujau zwar für insgesamt drei Jahre ins Gefängnis. Und doch wird der Coup das Geschäft seines Lebens. Bis zu seinem Tod im September 2000 speist sich die Halb- und Narren-Prominenz des Sachsen aus dem Skandal um die Falsifikate.
Der 76 Jahre alte Heidemann, der heute in Hamburg-Altona in einer mit Akten vollgestopften kleinen Wohnung lebt, bedauert, keine Auskünfte geben zu können und verweist auf eine aktuelle Serie in der Zeitung Bild.
Dort erfährt man, dass er morgens um 7.30 Uhr aufsteht und bis zum Abend an seinem Schreibtisch archiviert, beschriftet, neue Ordner anlegt, 700.000 Euro Schulden hat und sich als Opfer fühlt. Einst sicherte er sich mit einem Exklusivvertrag hohe Einkünfte aus seinem vermeintlichen Tagebuch-Coup.
Ein Fernsehteam auf Flugzeugsuche
Nun weist Heidemann darauf hin, dass er sich vertraglich dazu verpflichtet habe, derzeit mit keinem anderen Medium zu sprechen. Werner Leuteritz stapft über den weiten Acker auf den Rand des Heidenholzes zu.
Genau hier kam die Maschine runter, sagt er und zeigt auf die Baumwipfel. Wenn man genau hinschaue, könne man noch heute sehen, dass manche Bäume kleiner gewachsen sind als andere, findet er. Leuteritz führt Journalisten eigentlich gern zur Unfallstelle.
Neulich aber sei ein Fernsehteam mit ihm unterwegs gewesen, das unbedingt ein Teil von dem Flugzeug finden wollte. Die kamen dann mit etwas an, was sie für einen der Motoren hielten. Das war aber von einem Moped. Was es für Menschen gibt, sagt Leuteritz und fasst sich an die Stirn.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, CINETEXT, dpa, Matthias Lüdecke