Von Jan Freitag
30. Juni 2008 Die Heldinnen des hiesigen Fernsehens müssen, gleich in welchem Genre sie auftreten, alles auf einmal aufweisen: Sie müssen hart sein und zugleich gefühlvoll, karriereorientiert und familiär, normal und exaltiert, klug und instinktiv, selbstbewusst und - sie müssen gut aussehen. Veronica Ferres versucht all diese Rollen zu bedienen, mit erkennbarer Mühe. Scheinbar selbstverständlich und ohne sich zu verstellen aber gelingt das im Unterhaltungsgeschäft nur einer: Cordula Stratmann.
Was wurde die Komödiantin vor vier Jahren gefeiert, als sie in der Schillerstraße einen Humor zelebrierte, der verlorengegangen schien: situativ, nicht programmatisch, text- statt zeichenkodiert, mit Wortwitz, nicht Grimassen. Sat.1 sprach von einer Impro-Comedy, schnitt es ganz auf Cordula Stratmann zu, und da war sie also: die Retterin des deutschen Fernsehhumors. So emotional wie zäh, heimelig wie streng, schlagfertig wie schlau, ganz sie selbst. Das Feuilleton war begeistert.
Da brennt einem die Kimme von
Aber warum eigentlich? Keine Frage, Cordula Stratmann sticht aus der Flut der Comedians heraus, weil sie selbst zu dieser Art nicht zählt. Weil sie nicht mit einer Figur eins wird, weil sie mit ihren 45 Jahren zu alt ist für Pocher-Gehampel und nicht alt genug fürs öffentlich-rechtliche Kabarett. Und doch ist auch bei ihr nicht alles aus einem Guss. Sie kultiviert ihren rheinischen Akzent ohne Not bis zum Überdruss und formuliert selbst ihre Internet-Biographie mundartlich.
Sie antwortet Bernhard Hoëcker - in der Schillerstraße der Pointenfaktor schütterer Kleinwuchs - aufs Stichwort Zahnschmerz: da brennt einem die Kimme von und wird aus dem Off zu Basisfertigkeiten wie Lispeln oder Harthörigkeit aufgefordert. Sie spielt in ihrer Rolle Annemie Hülchrath beim WDR exakt jene unbedarfte Piefigkeit, die eine Marlene Jaschke in der anarchistischen Mitternachtsshow des Hamburger Schmidt-Theaters zum Besten gab, und kultiviert als Melanie einen Frauentyp, welcher der farblichen Gestaltung ihrer Homepage in zarten Rosatönen entspricht: Doris Day.
Es reicht arglose Heiterkeit
In Cordula Stratmann kulminieren ganze Sehnsuchtscluster: nach weich gezeichneter Weiblichkeit im angestrengt maskulinen Comedybiz. Nach unprätentiöser Bescheidenheit im Dezibelgewitter überzeichneter Selbstdarsteller. Nach einem Menschen unter all den stilisierten Kalauerreißern. Das muss dann gar nicht unbedingt witzig sein; es reicht arglose Heiterkeit. Der Glaube ans Ehrliche ihrer Haut geht so weit, dass sie im Gespräch betonen zu müssen glaubt, die Schillerstraßen-Cordula ist weiter von mir weg, als Sie vielleicht glauben. Das ist auch eine Figur.
Reichlich Vorschusslorbeeren und hinterher Comedy-Preise, ganz gleich, was sie tut. Und was tut sie jetzt? Nachdem sie sich nach 103 Folgen aus der Schillerstraße verabschiedete, legte sie ihre Annemie im WDR auf Eis und macht eine Show mit Kindern: Das weiß doch jedes Kind bei Sat.1. Die mäßig unterhaltsame Rateshow geht in die dritte Staffel.
Das Quiz um Schulwissen, das die Kleinen parat haben und das den Großen abhandengekommen ist, passt ganz gut zu der studierten Sozialarbeiterin, praxiserprobten Familientherapeutin und Sachbuchautorin. Besser jedenfalls als das, was die Zeitschrift Max einst in ihr sah: Ohne Übertreibung die lustigste Frau, die wir haben. Da die Auszeit von Anke Engelke schon etliche Saisons überdauert, ist der Posten der lustigsten Frau im Fernsehen wohl recht leicht zu erobern. Der Schauspieler Jürgen Vogel jedoch, dessen Einzug in die Schillerstraße der Sat.1-Chef Matthias Alberti jetzt im Focus ankündigt, dürfte unter den eindeutig abgestempelten Comedians, die dort Possen reißen, um einiges exotischer wirken als Cordula Stratmann.
Das weiß doch jedes Kind läuft in der dritten Staffel von Freitag an um 20.15 Uhr bei Sat.1.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Peter Boettcher