30. Mai 2007 In der Zwischenkriegszeit machte eine Reihe deutsche Fliegerinnen von sich reden. Zu den prominentesten zählten Marga von Etzdorf, die sich 1933 nach einer Bruchlandung erschoss; Melitta Gräfin Schenk von Stauffenberg geborene Schiller, die im April 1945 an den Verletzungen nach einem Abschuss durch ein amerikanisches Jagdflugzeug starb; Hanna Reitsch, die Ende April 1945 Robert Ritter von Greim anlässlich dessen Ernennung zum Oberbefehlshaber der gar nicht mehr vorhandenen Luftwaffe in das eingeschlossene Berlin einflog, Hitler jedoch nicht davon überzeugen konnte, sich von ihr ausfliegen zu lassen, nach dem Kriege bis unmittelbar vor ihrem Tode 1979 mehrere Frauen-Segelflug-Rekorde aufstellte; und Elly Beinhorn, die vor hundert Jahren, am 30. Mai 1907, geboren wurde, und heute zurückgezogen in der Nähe von München lebt.
Die Kaufmannstochter aus Hannover verfiel der Fliegerei, als sie im Herbst 1928 einen Vortrag von Hermann Köhl hörte, der im April 1928 gemeinsam mit Günther Freiherr von Hünefeld und James Fitzmaurice in einer Junkers W 33 in 36 Stunden die Ost-West-Überquerung des Atlantiks geschafft hatte: Als ich den gefüllten Saal betrat, ahnte ich nicht, dass ich ihn zwei Stunden später mit einem festen Ziel verlassen würde, schreibt Elly Beinhorn in den Memoiren Alleinflug, die der Verlag F. A. Herbig zu ihrem Ehrentag wiederveröffentlicht.
Lernte zunächst Kunstflug
Am 2. November 1928 saß sie zum ersten Mal auf dem Flugplatz Berlin-Staaken in einem Cockpit und durfte gleich den Steuerknüppel in die Hand nehmen. Nachdem sie den A-Schein bestanden hatte, wechselte sie an die Flugschulen-Außenstelle Würzburg, um Kunstflug zu erlernen. Schulleiter Robert von Greim schrieb ihr nach wenigen Wochen ein summa cum laude in ihr Flugbuch: So weit hatte ich es in der Schule in keinem Fach, nicht einmal im Turnen, gebracht. In Königsberg lernte sie auch Ernst Udet kennen, den Pour-le-mérite-Träger und weltberühmten Kunstflieger, den später Carl Zuckmayer zur Figur des Harras in Des Teufels General verklären sollte.
Zu Elly Beinhorns Teilnahme am Großflugtag in Ostpreußen meinte Udet: Na, Kleine, hast du dir da nicht etwas viel vorgenommen mit deinem Kunstflugprogramm? Er duzte sie ungeniert, was sie nicht weiter störte, weil sie ihn sehr verehrte, und fügte hinzu: Ich habe dein Programm drinnen bei der Flugleitung gesehen. Pass auf, dass du nicht auf den Pinsel fällst. Das hat das Publikum zwar gern - aber für einen selbst ist das eine unangenehme Angelegenheit. Bei einem anderen Treffen drückte er sich noch gröber aus: Gutes Kind, wenn du so weitermachst, wirst du in kürzester Zeit auf die Schnauze fallen. Schade um dich.
Musste 1931 in der Sahara notlanden
Zunächst war sie beleidigt. Nach einer Bruchlandung leistete sie jedoch Udet telegraphisch Abbitte. Im Januar 1931 startete sie zu ihrem ersten Afrika-Flug. Auf der Rückreise musste sie in der Sahara notlanden und einen strapaziösen 50-Kilometer-Fußmarsch bewältigen. Die Totgeglaubte wurde anschließend in der Heimat stürmisch gefeiert und trat Ende des Jahres eine Weltumrundung an, die nach 31.000 Kilometern im Juli 1932 in Buenos Aires endete. Daraufhin erhielt sie in Berlin den Hindenburgpokal für die beste sportfliegerische Leistung und 10.000 Reichsmark.
Damals war sie wohl die bekannteste Frau Deutschlands. Weitere Rekordflüge folgten mit einer Messerschmitt ME-108, die sie Taifun taufte, insbesondere auch ihr legendärer Eintagesflug Deutschland-Asien-Deutschland am 13. August 1935 von Gleiwitz nach Haidar Pascha (wo sie nicht landen konnte) und zurück mit Zwischenstation in Istanbul nach Berlin. An der Spree beglückwünschte sie sogar Udet: Das hast du ja ganz nett gemacht.
Heiratete den König des Autorennsports
In jenem Jahr 1935 lernte die Herrin der Lüfte einen König des Autorennsports kennen: Bernd Rosemeyer. 1936 heiraten sie, 1937 kam der Sohn Bernd zur Welt. Doch ihr Glück währte nur kurz. Denn am 28. Januar 1938 prallte Rosemeyer auf der Autobahn bei Darmstadt bei einem Rekordversuch von mehr als 430 Kilometern pro Stunde gegen einen Baum.
Während des Zweiten Weltkrieges heiratete Elly Beinhorn ein zweites Mal, bekam 1942 die Tochter Steffi und konzentrierte sich ganz auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter, ohne sich - wie die Kollegin Reitsch - dem Dritten Reich anzudienen. 1951 erneuerte sie ihre Fluglizenz, war als fliegende Reporterin unterwegs, verfasste Bücher und Hörspiele.
Stand oft im Schatten großer Männer
1979 gab sie ihren Flugschein zurück, nach 5.500 meist allein geflogenen Flugstunden: Wen hätte ich auch mitnehmen sollen, fragt sie in ihren Lebenserinnerungen. Einen Mann? Ein richtiger Mann würde sich nicht monatelang dem Kommando eines weiblichen Kapitäns fügen - und einen nicht ganz richtigen Mann wollte ich schon gar nicht neben mir haben. Überhaupt konnte die bescheiden auftretende Elly Beinhorn immer wunderbar zuhören, wenn Männer sich in Szene setzten.
Das hat der Schreiber dieser Zeilen einmal erleben dürfen, Ende der siebziger Jahre, als der pensionierte Botschafter Helmut Allardt in München-Solln die Gäste mit seinen Kochkünsten verwöhnte und sie mit seinen Erlebnissen im Auswärtigen Dienst vor und nach 1945 unterhielt - so dass die abenteuerliche Frühzeit der Fliegerei leider schnell im Schatten diplomatischer Höhenflüge stand.
Text: F.A.Z., 30.05.2007, Nr. 123 / Seite 11
Bildmaterial: AP, dpa, Foto Scherl