Amerikaner lieben "Reenactments" - aufwendige Darstellungen geschichtsträchtiger Ereignisse, vor allem historischer Schlachten, die mit altertümlichen Waffen und Kostümen möglichst an Originalschauplätzen inszeniert werden. Auf den Originalschauplatz müssen die Produzenten des "Michael-Jackson-Prozeß-Reenactment" allerdings verzichten. Für die Nachstellung des Strafverfahrens gegen Amerikas berühmtesten Angeklagten, dem von diesem Montag an der Prozeß wegen Kindesmißbrauchs gemacht wird, gibt Rodney Melville seinen Gerichtssaal in der südkalifornischen Erdbeer- und Rinderstadt Santa Maria nicht her.
Der 63 Jahre alte, gestrenge Richter hat vielmehr alles darangesetzt, damit das Strafverfahren kein Hollywood-Spektakel wird. Er hat Kameras im Gerichtssaal untersagt, den Prozeßbeteiligten Redeverbot erteilt und die meisten Dokumente zu dem Gerichtsverfahren als vertraulich deklariert. Die Gier nach Informationen hat Melville damit jedoch nicht dämpfen können.
Von dem Bezirksrichter einer verschlafenen "Cowboystadt", in der selbst die letzte Besenkammer für viel Geld an Journalisten vermietet wird, wollen sich die Medienbosse schließlich nicht die Gelegenheit vermasseln lassen, Kapital aus einem Prozeß zu schlagen, der beste Voraussetzungen für hohe Einschaltquoten und Auflagenzahlen garantiert. Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, einen Weltstar, der Millionen von Menschen mit seiner Musik und seinen Bühnenshows faszinierte und wegen seines exzentrischen Gebarens und luxuriös-absonderlichen Lebensstils irritierte, nun als miesen mutmaßlichen Kinderschänder auf der Anklagebank zu sehen.
Allerdings gibt es ja wegen des Fernsehverbots von Richter Melville im Grunde nicht viel zu sehen. Deshalb haben sich der amerikanische Fernsehsender "E! Entertainment Television" und das britische Unternehmen "British Sky Broadcasting" entschlossen, das Strafverfahren, das am Montag mit der Auswahl der Geschworenen beginnt, nachspielen zu lassen. Diese "Reenactments" sollen dann für die Dauer des Verfahrens, das sich nach Einschätzung von Verteidigung und Staatsanwaltschaft fünf Monate hinziehen könnte, ausgestrahlt werden.
Die Serie werde "den Strafprozeß anschaulich machen", verspricht der Chef von "E- Networks", Ted Harbert. Andere Fernsehanbieter wollen da nicht nachstehen: In einem Programm klagen Michael Jacksons Eltern exklusiv und bitterlich über die abscheuliche Hatz auf ihren Sohn, ein Musiksender bietet eine "faszinierende Freak-Show" über Michael Jackson an, und der auf Kriminalfälle spezialisierte Kabelkanal "Court TV" verheißt Aufklärung über den "psychischen Zustand" Michael Jacksons.
In den vergangenen Jahren hat der Popmusiker, der sich einst einen Affen als Spielkameraden hielt, sein Äußeres durch Schönheitsoperationen radikal veränderte und sich seinen Fans nach dem ersten Gerichtsauftritt auf einem Autodach tanzend präsentierte, mehr Schlagzeilen wegen seines wunderlichen Gebarens als wegen seiner Musik gemacht. Daß nun der Verdacht besteht, Jackson habe auf der Neverland Ranch, wo er in seinem Vergnügungspark als Peter Pan herumtollte, nicht nur die Bodenhaftung verloren, sondern auch Straftaten begangen, hat der Musiker sich selbst zuzuschreiben.
Gegenüber dem britischen Journalisten Martin Bashir hatte Jackson behauptet, es sei die natürlichste Sache der Welt, mit fremder Leute Kindern das Bett zu teilen. Die im Februar 2003 ausgestrahlte Sendung "Living with Michael Jackson" wurde zum Auslöser für die strafrechtlichen Ermittlungen. Jacksons Verteidiger unter Führung des 53 Jahre alten Tom Meserau, eines früheren Amateurboxers, zu dessen Mandanten Schwergewicht Mike Tyson zählte, haben alles darangesetzt, damit das schmierige, sensationsheischende Hollywood-Stück, wie die Anwälte die Dokumentation nennen, nicht auch noch den Geschworenen vorgeführt wird. Aber vergeblich.
Am Freitag entschied Richter Melville, die Staatsanwaltschaft dürfe "Living with Michael Jackson" als Beweismittel verwenden. Außerdem verfügte der Richter, Martin Bashir müsse auf Wunsch der Anklagebehörde vor Gericht erscheinen, um den Geschworenen über seine Arbeit und die Begegnung mit Jackson zu berichten.
Jacksons Verteidiger konnten im Kampf um eine möglichst gute Startposition in dem Strafprozeß immerhin einen semantischen Erfolg erringen. So darf die Staatsanwaltschaft den mittlerweile 15 Jahre alten Jugendlichen, der den Popmusiker des Mißbrauchs beschuldigt, im Gerichtsaal nicht als "Opfer" bezeichnen. Der Jugendliche solle mit seinem Decknamen "John Doe 1" bezeichnet werden, ordnete Richter Melville an.
Doch scheiterten die Anwälte mit ihrem Antrag, auf eine Vernehmung des angeblichen Mißbrauchsopfers im Gerichtssaal zu verzichten und den Geschworenen nur eine Aufzeichnung seiner Aussage vorzuspielen. Auch wird die Verteidigung wohl oder übel zusehen müssen, wie die Staatsanwaltschaft der Jury Sexmagazine, erotische Bücher und einschlägige Videobänder präsentiert, die die Polizei auf der Neverland Ranch beschlagnahmt hat.
Hört man "Fachleute" im amerikanischen Fernsehen zu diesen Funden, dann kann leicht der falsche Eindruck entstehen, daß der einstige Kinderstar Michael Jackson schon wegen seiner Sexmagazine ein Kinderschänder sein müsse. So berichtete ein pensionierter Kriminalbeamter kürzlich zur besten Sendezeit, daß er in den Wohnungen von Sexualstraftätern häufig Fotos gefunden habe, wie sie bei Razzien auf Jacksons Neverland Ranch aufgetaucht seien.
Viele schmutzige Details, die gegenwärtig ausgebreitet werden, hätten auf Anordnung von Richter Melville eigentlich unter Verschluß bleiben sollen, um das mutmaßliche Opfer, aber auch das Recht des Angeklagten auf einen fairen Prozeß zu schützen.
Offiziell ist zu den Vorwürfen gegen Michael Jackson nicht viel mehr bekannt, als daß der 46 Jahre alte Popstar im Frühjahr 2003 auf seiner Neverland Ranch wiederholt "substantiellen" sexuellen Kontakt zu seinem damals 13 Jahre alten Opfer gehabt haben soll. Den Jugendlichen habe er zuvor mit Alkohol gefügig gemacht. Außerdem werden dem Musiker Verschwörung zur Kindesentziehung, Freiheitsberaubung und Erpressung vorgeworfen. Das mutmaßliche Opfer und seine Familie, so die Staatsanwaltschaft, seien auf der Neverland Ranch wie in einem goldenen Käfig gefangengehalten, bedroht und unter Druck gesetzt worden, nachdem Jackson und seine Komplizen die verhängnisvolle Wirkung der Fernsehdokumentation erkannt hätten, in der der Junge händehaltend mit Michael Jackson zu sehen war.
Das erste Mal waren sich Michael Jackson und der Junge, der damals an einer seltenen Krebserkrankung litt und deshalb eine Niere verlor, im August 2000 auf der Neverland Ranch begegnet. Wie der Popstar sich über die Jahre das Vertrauen seines kranken Schützlings erschlich und ihn dann im Frühjahr 2003 angeblich mißbrauchte, konnten die Amerikaner jüngst detailliert aus den Medien erfahren, die zugespielte Zeugenaussagen des Jungen und seiner Familie veröffentlichten.
Die Darstellungen der Familie, die Meserau als "komplette Lügner" entlarven will, bedienen den unverhohlenen Voyeurismus, der schon die monatelangen Vorbereitungen des Strafprozesses begleitete, weitaus besser als die kargen Informationen, die Richter Melville freigegeben hat. Nach den Berichten des Jungen und seiner Familie verwandelte sich der sonst so sorgfältig zurechtgemachte und sich oft scheu gebende Michael Jackson im Schutz seines schwer gesicherten Schlafgemachs zum hinterlistigen und skrupellosen Sextäter, der sich an seinem von Wein und Wodka beschwipsten Opfer gerieben oder den schläfrigen Jungen im Genitalbereich berührt haben soll.
Erst am Sonntag äußerte sich Jackson erstmals in einem im Internet veröffentlichten Video: Die Vorwürfe seien "widerlich" und hätten seiner Familie, seinen Kindern und ihm selbst das Leben zum Albtraum gemacht. Die "bösartigen Informationen" stammten offensichtlich aus Protokollen von Jurysitzungen, bei denen weder er noch seine Anwälte gewesen seien, rügte der Popstar.
Wer für die Weitergabe der vertraulichen Unterlagen an die Medien verantwortlich ist, wird derzeit von dem Hauptermittler im Jackson-Prozeß, Tom Sneddon, untersucht. Mutmaßungen, daß er selbst der Schuldige sei, hat der 63 Jahre alte Bezirksstaatsanwalt als "unverantwortlich, unbegründet und unwahr" zurückgewiesen. Doch wird ihn wahrscheinlich bis ans Ende des Strafprozesses der von Jacksons Verteidigern eifrig geschürte Verdacht verfolgen, einen "Rachefeldzug" gegen den Musiker zu führen.
So ist nicht vergessen, daß Sneddon das erste Mißbrauchsverfahren 1993 einstellen mußte, nachdem die Familie des angeblich mißbrauchten Jungen dem Vernehmen nach mehr als 20 Millionen Dollar von dem Popstar bekommen hatte und Sneddon daraufhin die Kooperation versagte. Nach Ansicht der Verteidigung ist entlarvend, daß Sneddon versucht, Jackson unter Rückgriff auf die alten Ermittlungsergebnisse hinter Gitter zu bringen. Sneddons Antrag, 1993 beschlagnahmtes Material für das gegenwärtige Strafverfahren zuzulassen, hat Richter Melville am Freitag abgelehnt. Außerdem gab der Wächter des Verfahrens Staatsanwaltschaft und Verteidigung noch eine Warnung mit auf den Weg: "Die Welt sieht der Justiz hier in den Vereinigten Staaten zu. Nicht Santa Maria, nicht der Bezirk von Santa Barbara, nicht Kalifornien - die Welt."
Bildmaterial: AP