Viktor Kortschnoi

„Ich nehme ein Schachbrett mit ins Grab“

Ein Leben nach dem Schach gibt es für Kortschnoi nicht

Ein Leben nach dem Schach gibt es für Kortschnoi nicht

09. Januar 2005 Viktor Kortschnoi ist eine der interessantesten Persönlichkeiten der Schachgeschichte. Dreimal scheiterte er beim Versuch, den Weltmeistertitel zu gewinnen, an Anatoli Karpow - und der geballten Schachmacht der Sowjetunion, die den „Abtrünnigen“ mit allen Mitteln bekämpfte.

Fünfzig Jahre nach seinem ersten internationalen Turnier, das er 1954 in Bukarest gewann, hat der 73 Jahre alte Wahl-Schweizer seine Autobiographie „Mein Leben für das Schach“ veröffentlicht, die Dagobert Kohlmeyer übersetzt hat und in der Kortschnoi auch einige seiner spektakulärsten Partien kommentiert.

Sie haben den Kalten Krieg am Schachbrett in voller Härte erlebt. Wie stehen Sie heute zu Karpow?

Natürlich waren die Beziehungen in unseren Wettkämpfen sehr gespannt. Karpow hat sich niemals bei mir entschuldigt, daß er bei drei Schachduellen das ganze Waffenarsenal der Sowjetunion gegen mich verwendete. Ich habe versucht, in seinem Verhalten menschliche Züge zu finden. Leider war das schwierig.

Sie verloren gegen Karpow das WM-Kandidatenfinale 1974 und damit die Chance, Bobby Fischer herauszufordern (Karpow wurde dann kampflos Weltmeister, weil Fischer nicht antrat). Träumen Sie heute noch von einem Wettkampf gegen Bobby Fischer?

Nein, das möchte ich nicht. Er ist kein glaubwürdiger Mensch. Er hat zum Beispiel behauptet, alle Wettkämpfe zwischen Karpow und Kortschnoi sowie zwischen Karpow und Kasparow seien abgesprochen gewesen. Der Mann scheint nicht besonders klug zu sein.

Mal ganz ehrlich: Beim legendären WM-Kandidatenturnier 1962 in Curacao wurde Fischer doch von den Sowjets gelinkt?!

Von mir nicht. Im zweiten Durchgang habe ich gegen Fischer nach groben Fehlern verloren. Das wahre Komplott wurde von Petrosjan organisiert und war gegen mich, Michail Tal und Fischer gerichtet. Aber nur er, der Amerikaner, konnte nach dem Turnier in den Zeitungen über „Foulplay“ sprechen.

Sie haben Fischer, nachdem er schon etliche Jahre untergetaucht war, noch einmal getroffen.

1977 hatte ich eine große Simultantour in den Vereinigten Staaten. In Kalifornien traf ich mich mit Fischer in Pasadena. Er schien sehr einsam, fast verloren in dieser Welt, aber sein Verstand arbeitete scharf, wenn wir über Schachstellungen sprachen. Doch danach geschah folgendes: Ich mußte am gleichen Tag nach Los Angeles, um einen Vortrag zu halten und eine Simultanvorstellung zu geben. Dort erzählte ich von meinem Treffen mit Fischer. Nach meiner Rückkehr in die Schweiz erhielt ich einen Brief von Bobby Fischer, in dem er mich bezichtigte, ein KGB-Mann zu sein. Seither will ich keine Beziehungen mehr zu ihm.

Nach Jahren des Untertauchens ist Fischer in Japan festgenommen worden.

Bobby Fischer ist kein Vorbild für die heutige Jugend.

Und Sie selbst? Sie gelten in der Schachszene vor allem als ehrgeizig, kompromißlos und mutig.

Früher war ich in der Tat sehr, sehr ehrgeizig. Nun bin ich zwar ein alter Mann, trotzdem ist noch ein gewisser Ehrgeiz vorhanden. Der Grund: Die jungen Leute sollen verstehen, daß sie noch etwas von mir lernen können - und müssen.

Wer war Ihr Vorbild?

Am Anfang war das natürlich Michail Botwinnik. Er war mein Idol. Daß ich die Französische Verteidigung spiele, ist ein Dank an ihn. Dann hatte ich große Sympathien für Paul Keres. Es waren allerdings gemischte Gefühle, weil es sich bei ihm um meinen Angstgegner handelte. Heute kann ich mir vorstellen, daß sich jemand meine Person zum Vorbild nimmt.

Viele Schachstars waren oder sind sehr eitel. Darf ein Genie so sein?

Ja, natürlich. Ich bin auch mehr oder weniger eitel. Aber das ist normal. Eitelkeit ist doch ein menschlicher Charakterzug. Die Leute verstehen schon, daß große Leute kleine Eitelkeiten oder Schwächen haben können.

Wie würden Sie Ihren Schachstil charakterisieren?

Die Leute sagen, daß mein Stil an den von Emanuel Lasker erinnert.

Den einzigen deutschen Weltmeister.

Als Schachspieler war er gewiß stärker als ich. Aber ich glaube, daß ich Lasker überholt habe. Mein Eröffnungsrepertoire ist viel breiter als seines. Das Spektrum der Stellungen, die ich gut spielen kann, ist viel größer. Auch im Gebiet der Psychologie hoffe ich, daß ich diesen berühmten Mann überrundet habe.

Nennen Sie ein psychologisches Kunststück aus Ihrer Karriere.

Da gibt es viele, wie zum Beispiel beim WM-Kandidatenmatch 1971 gegen Jefim Geller. Dort hatten wir eine Hängepartie mit kleinen Vorteilen für mich. Bei der häuslichen Analyse konnte ich jedoch keinen Weg finden, seine Stellung zu durchbrechen. Mein Trainer Osnos hat mir damals ein Figurenopfer vorgeschlagen. Ich habe für die Analyse eine Extra-Auszeit genommen und diese Stellung drei Tage lang analysiert.

Wie ging die Sache aus?

Nach einer halben Woche saßen wir wieder am Brett, um die Hängepartie zu Ende zu spielen. Ich habe die Figur tatsächlich geopfert. Das war mit Risiko verbunden. Aber Geller hatte diesen Zug nicht analysiert und ohne Widerstand die gute Stellung verloren. Das war die entscheidende Partie des Wettkampfs. Danach gewann ich noch ein Spiel, und das Match war gelaufen.

Was halten Sie von Computern? Macht der Rechner das kreative Schach am Ende kaputt?

Ja! In dieser Hinsicht bin ich sehr pessimistisch. Für mich war Schach nie Wissenschaft, sondern alles andere: Sport, Kampf, Psychologie und Kunst.

Würden Sie, so wie Kasparow oder Kramnik es taten, ein Match gegen ein Schachprogramm spielen?

Nein, niemals. Der Computer verbessert sich so schnell allein, ich will ihm nicht noch bei seinem Fortschritt helfen.

Im vorigen Jahr haben Sie im Alter von 73 Jahren abermals Turniersiege gefeiert. Wie lange wollen Sie noch aktiv bleiben?

Wie Sie sehen, spiele ich ab und zu noch ganz passabel Schach. Und wenn ich einmal in drei Jahren ein gutes Turnier gewinne, ist das okay. Also spiele ich weiter.

Gibt es für Sie ein Leben nach dem Schach?

Nein.

Nehmen Sie ein Schachbrett mit ins Grab?

Ja, besser ist es. Aus meinem Buch kennen Sie die Geschichte mit Geza Maroczy, der kein Schachbrett hatte, als er vom Jenseits aus mit mir spielte. Ich werde also vorsorglich eins mitnehmen.

Das Gespräch führte Dagobert Kohlmeyer.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.01.2005, Nr. 1 / Seite 15

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