10. Oktober 2008 Der Extrembergsteiger Hans Kammerlander ist, wie viele berühmte Leute, kleiner und schmächtiger, als man gedacht hätte: keine 1,80 Meter groß, kaum 65 Kilogramm schwer. Seine kraftsparende Stimme, die am Abend die gut 30 Teilnehmer am 36-Stunden-Trekking in Südtirol begrüßt, klingt auch für die vertraut, die sie nicht kennen. Viele sind das nicht.
Für die einen ist es schon das zweite, dritte oder vierte Mal, dass sie mitmachen, andere kennen den Hans von ganz früher. Eine 69 Jahre alte Dame ist mit ihrem Busunternehmen immer nach Südtirol hinaufgekommen. Da war Hans noch ein normaler Skilehrer, der sich allenfalls ausmalte, wie er einmal vom Everest oder vom Nanga Parbat mit den Skiern abfahren würde. Verändert, das sagen eigentlich alle, hat sich der Hans seither nicht.
Alle seine Achttausender hat Kammerlander ohne Sauerstoffflaschen gemacht
Um sechs Uhr morgens trifft sich die Gruppe in Sand in Taufers, seinem Geburtsort, in der Nähe der Piazza Hans Kammerlander. Er hat den kleinsten Rucksack von allen: eine Windjacke, eine kleine Apotheke, ein Satellitentelefon. Mütze, Handschuhe, Regenschirm. Die Wasserflasche, die er selbst vorher dringend empfohlen hatte, hat er vergessen. Das mache nichts, sagt er, unterwegs gebe es genügend Quellen.
Auch Teleskopstöcke hat er nicht dabei. Braucht er nicht. Mit den Gelenken hatte er noch nie Schwierigkeiten. Mit der Kraft sowieso nicht. Außerdem gehört es zu seinem Credo, mit so wenig wie möglich zu gehen. Je weniger Hilfsmittel benutzt werden, desto mehr sind ein Gipfelgang, die Besteigung einer Wand, die Überschreitung eines Grats wert. Alle seine Achttausender hat er ohne Sauerstoffflaschen gemacht, mit so wenig Fixseilen und so wenig Trägern wie möglich. Man muss dafür schnell sein. Gerade im Hochgebirge, wo die Zeitfenster für einen Gang zum Gipfel ganz eng sind, entscheidet das über Erfolg und Misserfolg, manchmal über Leben und Tod.
Man geht langsamer, als man könnte
Die erste Etappe bis zum Frühstück lässt nicht erahnen, was an Belastungen kommen wird. Man geht langsamer, als man könnte. Kammerlander führt die Gruppe an. Er muss sich zwingen, gemächlich zu gehen. Für ihn ist das anstrengend. Er kommt nicht auf Betriebstemperatur. Auch in schwierigem Gelände bewegt er sich gleichmäßig, mit großen Schritten, die Hände meist hinter dem Rücken gefaltet. Nur manchmal hat er noch etwas von dem kleinen Jungen, der mit acht Jahren die Schule schwänzte und zwei Fremden bis zum Gipfel des 3059 hohen Großen Moosstocks folgte. Dann streift er mit seiner knochigen Hand die Zweige am Wegesrand und reißt dabei ein paar Fichtennadeln ab. Je länger der Weg dauert, desto öfter spuckt er in seine Handflächen.
In der Mitte der Gruppe läuft der Wanderführer Toni Mutschlechner, der von seinem Freund Hans für die zwei Tage im Gebirge ein paar hundert Euro bekommt. Toni ist Mitte fünfzig. Zehn Kinder gab es bei den Mutschlechners, drei von ihnen sind früh gestorben. Weil der Vater Tagelöhner war und nicht viel nach Hause brachte, mussten die Söhne bald aus dem Haus. Toni ist zur Bank gegangen, wo er bis zu seiner Pensionierung nicht einen Tag eine Krawatte getragen hat.
Auf einer Baustelle kennengelernt
Die Mutschlechners sind ehrliche Leute, sagt Kammerlander. Mit Toni hat er erst seit dem Tod von Friedl näher zu tun. Friedl, der Nurejew der Senkrechten, war der ältere Bruder von Toni. Zusammen sind sie viel herumgekommen, nach Mexiko zum Beispiel. Friedl hat dort eine Kundin auf den Pico de Orizaba geführt. Friedl sei sein großer Lehrmeister gewesen, vor allem am Fels, sagt Kammerlander. Sie hatten sich einst auf der Baustelle kennengelernt, Friedl war Hydrauliker, er Maurer. Kammerlander war zu der Zeit schon Halbwaise. Seine Mutter starb, als er zehn war. Sein Vater, der als Schuster von Hof zu Hof zog und daheim drei, manchmal vier Kühe im Stall hatte, erlebte zehn Jahre danach gerade noch, wie sein Sohn staatlich geprüfter Skilehrer wurde.
Anfang der achtziger Jahre stand Friedl Mutschlechner mit Reinhold Messner auf den Gipfeln des Shisha Pangma und des Kangchendzönga. Nachdem auch Kammerlander zusammen mit Messner Expeditionen auf die höchsten Berge der Welt gemacht hatte, bestiegen sie zu dritt den Makalu. Ein paar Wochen später folgte der Lhotse, diesmal ohne Friedl.
Kammerlander hat Messner viel zu verdanken - und umgekehrt
Das Verhältnis zwischen Kammerlander und Messner kühlte sich danach ab. Messner wusste immer alles besser und ließ sich später auf die Politik ein. Das störte Kammerlander, ohne dass er öffentlich groß darüber sprach. Messner wiederum fand, Kammerlander mache zu viel Zirkus. Skiabfahrten, Vierfachbesteigung des Matterhorns binnen 24 Stunden, solche Sachen. Noch heute trägt Kammerlander einen nepalischen Xi-Stein um den Hals, den ihm Messner nach der gemeinsamen Besteigung des Cho Oyu geschenkt hatte. Kammerlander hat Messner viel zu verdanken - und umgekehrt. Sie sind aber wohl zu verschieden, um Freunde sein zu können.
Drama auf dem Manaslu
1991, als Messner den Achttausendern schon den Rücken gekehrt hatte - er hatte sie ja alle bestiegen-, da nahmen sich Friedl Mutschlechner und Hans Kammerlander einen der einfacheren Riesen vor, den 8163 Meter hohen Manaslu im Himalaja. Der Name kommt aus dem Sanskrit, bedeutet Berg der Seele. Als sie, ohne den Gipfel erreicht zu haben, abstiegen, verlor der dritte Mann, Carlo Großrubatscher, ein Steigeisen. Vermutlich. Die anderen hatten es nicht gesehen. Jedenfalls war nichts mehr zu machen.
Kammerlander und Mutschlechner mussten ihn zurücklassen und stiegen zusammen zum Lager II ab. Der Schneefall wurde immer stärker. Schließlich zog ein Gewitter auf, in einer Höhe, in der das eigentlich als unmöglich galt. Manche Fachleute vermuteten, dass der Krieg im Irak dafür verantwortlich war. Von den brennenden Ölfeldern stieg die rußige Luft auf und wurde vom Wind nach Osten getragen. Die Schmutzpartikel sorgten für eine außergewöhnlich hohe Erhitzung der Atmosphäre. Ein Blitz traf Friedl Mutschlechner. Er war sofort tot. Kammerlander stand nur wenige Meter daneben. Der Manaslu wäre sein neunter Achttausender gewesen.
Packst du noch mehr als 20?
Ein paar Jahre später, 1998, hat er es noch einmal versucht, er wollte eine Dreifachüberschreitung wagen: Kangchendzönga, Manaslu, K2. Es klappte wieder nicht. Danach hat er sich den Manaslu aus dem Kopf geschlagen. Es gab sowieso schon genügend Bergsteiger, die alle Achttausender hatten. Kammerlander hat heute nach seiner Zählung 13. Alle wichtigen. Andere sagen: zwölf. Tatsächlich stand er auf dem Mittelgipfel des Shisha Pangma, der 8008 Meter hoch ist. Der Hauptgipfel ist ein paar Meter höher.
Die Gruppe kommt zur ersten Hütte, Frühstück. Kammerlander macht einen Klimmzug am Türstock. Packst Du noch mehr als 20?, fragt einer. Ja, ja, mehr als 20 sicher, sagt Kammerlander. Beim Klettern, das er früher mehr als alles andere liebte, hat er nachgelassen. Jeder entscheidet sich irgendwann einmal für seine größten Stärken. Bei ihm ist es der Hochalpinismus, das kombinierte Gelände. Toni Mutschlechner steht neben ihm, raucht eine Marlboro. Viele Bergführer rauchen. Noch besser sind sie im Trinken.
Kammerlander schnupft
Selbst Kammerlander hat in seiner großen Zeit nicht wie ein Spitzensportler gelebt. Auf den hohen Bergen, im Basislager, haben sie Alkohol getrunken, vor allem die Polen hatten meistens etwas dabei. Und ein Packerl Zigaretten am Tag hab ich auch weggepackt, sagt Kammerlander. Je höher er war, desto besser hätten sie ihm geschmeckt. Aufgehört habe er nur, wenn das Feuerzeug wegen der Höhe nicht mehr funktionierte.
Heute raucht er nicht mehr. Er lebt aber auch nicht nach einem Trainingsplan, sondern nach Gefühl. Im Wesentlichen macht er, wonach ihm ist. Drei Stunden im Dauerlauf auf den Berg und wieder runter, so was zum Beispiel. Das Pulsmessgerät benutzt er dafür schon lange nicht mehr. Kammerlander schnupft jetzt viel, den Tabak einer bayerischen Firma. Er könne doch Werbung dafür machen, sagt einer aus der Gruppe. Das käme sicher gut an, so ein erfolgreicher Sportler, der schnupft. Kammerlander sagt: Da hätte bestimmt wieder ein Haufen Leute was dagegen, solche, die so steif sind, dass sie sich in ihrem Leben ständig selber in den Weg rennen. Aber das sei ihm scheißegal.
Er wird bald 52. Wie alt das ist, sieht er an seiner großen Leidenschaft, den Oldtimern, die seinem Manager manchmal Kopfzerbrechen bereitet. Den Ruf, gut mit Geld umgehen zu können, hat Kammerlander nicht. Erst kürzlich hat er sich einen VW Käfer zugelegt, der an seinem Geburtstag, dem Nikolaustag 1956, zugelassen wurde. Ein Freund hatte ihn bei Ebay gesehen. Kammerlander musste ihn haben. Das sei doch auch mal ganz schön, sagt er, am Sonntag, statt zu klettern, mit dem Oldtimer durch die Gegend zu fahren.
Von den allerhöchsten Bergen hat Kammerlander sich abgewendet
Von den allerhöchsten Bergen hat sich Kammerlander abgewendet. Trotzdem steht er noch gut im Saft. Vor drei Jahren hat er den 7350 Meter hohen Jasemba in Angriff genommen. Es sollte eine Erstbesteigung werden. Er und seine Seilpartner Luis Brugger und Karl Unterkircher mussten 400 Meter unterhalb des Gipfels umkehren. Im Jahr darauf stürzte Luis Brugger am Jasemba ab. Bis heute hat man seinen Leichnam nicht gefunden.
Im vergangenen Jahr hat Kammerlander den Berg dann gepackt. Erst als er unten war, hieß es, er sei nicht der Erste gewesen. Schon 2004 habe eine slowenische Expedition den Gipfel erreicht. Kammerlander sagt, dass er von den Slowenen zwar Fotos vom Gipfelgrat zu Gesicht bekommen habe, jedoch keine vom Gipfel selbst. Auch sonst gebe es Ungereimtheiten. Deshalb beansprucht er die Erstbesteigung für sich. Auf dem Jasemba stand er zusammen mit dem Südtiroler Karl Unterkircher, der 2007 als der kommende Mann galt. Der Karl hatte fast alles, sagt Kammerlander. Eine Bombenkondition, er war ein guter Kletterer und irrsinnig widerstandsfähig. Ein, zwei Jahre Erfahrung hätten ihm vielleicht gefehlt. In diesem Jahr hatten sich die beiden lose über die Besteigung des Mount Kenia verständigt.
Kein Draufgänger
Kammerlander plant, als erster Mensch auf jedem Kontinent den jeweils zweithöchsten Berg zu besteigen. Die zweithöchsten seien interessanter. Den Everest könne man sich kaufen, den K2 nicht. Auch der Mount Kenia sei schwieriger als der Kilimandscharo. Mit Unterkircher wollte er etwas probieren, die Ostwand vielleicht. Dazu wird es nicht kommen. Unterkircher ist dieses Jahr am Nanga Parbat für immer in einer Gletscherspalte verschwunden. Kammerlander war danach viel im Fernsehen und in Zeitungen. Er wird ausgiebig und professionell vermarktet. Auch deshalb ist er einer der Ersten, die angerufen werden, wenn man einen braucht, der weiß, wovon er redet - und der noch nicht tot ist.
Er ist kein Draufgänger, keiner, der es mit der Brechstange versucht. Im Laufe der Zeit konnte er sich das auch finanziell leisten. Am K2, dem vielleicht schwersten Berg überhaupt, ist er 1999 170 Meter unterhalb des Gipfels wegen zu starker Lawinengefahr umgekehrt. Er ist froh, dass er noch lebt. Im Extrembergsteigen werde es immer schwieriger, durch außergewöhnliche Leistungen aufzufallen, dadurch Sponsorengelder für noch außergewöhnlichere Leistungen zu bekommen - und dabei nicht draufzugehen.
Wie in einem Tunnel
Inzwischen dämmert es. Aber das spielt keine Rolle. Wenn man 36 Stunden am Stück geht, dann geht man sowieso wie in einem Tunnel. Ein Fuß vor den anderen. Und dann wieder. Und noch mal. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Nur Kammerlander spricht noch ab und zu. Er weist auf die Rehe am Horizont. Ich mag die Jäger nicht, sagt er. Vor allem nicht die Idioten, für die man die Tiere fast festbinden muss.
Walther Lücker kommt im Begleitauto angefahren. Wer nicht mehr kann, kann aufhören. Keiner hört auf. Erst später, vier. Es gibt Bananen, Himbeeren, Müsliriegel. Walther Lücker war früher Sportredakteur bei der Frankfurter Rundschau. Inzwischen lebt er in Südtirol. Kammerlander hatte ihn angerufen, nachdem er immer wieder gefragt worden war, ob er nicht noch mal ein Buch schreiben wolle. Er selbst traute sich das nicht zu. Lücker half gerne. Im Basislager des Kangchendzönga entstanden dann die ersten Kapitel des Buches Bergsüchtig, das sich mehr als 100.000 Mal verkaufte. Das Display des Notebooks musste ständig freigekratzt werden. Und Kammerlander musste ab und zu sagen, dass Lücker nicht so viele Fremdwörter benutzen solle. Später, bei der Besteigung des Kantsch, hat Kammerlander sich die Zehen erfroren. Danach hatten sie genug Zeit, das Buch fertigzumachen.
Unglaublich, was der Hans für ein Mensch ist
Als es schon wieder hell ist, die siebenstündige Nachtetappe überstanden, trifft die Gruppe einen Senner. Mindestens einmal im Jahr, sagt der Senner, komme der Hans an seiner Hütte vorbei. Dann erzählen sie sich Witze, meist über Frauen, und trinken einen Schnaps und ein Bier. So wie heute. Vielleicht sollte man sich angewöhnen, alle drei Jahre die Frau zu wechseln, sagt Kammerlander. Der Senner lacht. Kammerlander ist geschieden. Schon in Bergsüchtig, 2001, war seltsam wenig über seine Frau zu lesen. Zu wenig Freizeit, zu viele andere Frauen. Er hat jetzt eine Freundin aus Hamburg und eine Tochter, sieben Monate alt. Er liebe sie mehr als alle Gipfel, sagt Kammerlander. Sie heißt Zara Zoe. Den Namen hat die Mutter ausgesucht. Kammerlander war vor allem wichtig, dass er nicht ins Italienische übertragen werden kann.
Abends, als nach 70 Kilometern, 5000 Höhenmetern und 36 Stunden ohne Schlaf alles vorbei ist und Kammerlander in der Kneipe eine Runde nach der anderen zahlt, kommt einer seiner Nachbarn in den Raum. Er hat einen wichtigen Berglauf gewonnen. Kammerlander umarmt ihn. Schaut ihn euch an, sagt er. Ich bin so stolz auf ihn. Einige große Scheine, die er lose in der Tasche hatte, fallen ihm auf den Boden. Ein anderer Nachbar sagt, es sei unglaublich, was der Hans für ein Mensch sei. Und wie viel er vertrage. Früher, sagt wieder ein anderer, habe der Hans oft sein Auto stehen lassen, sei von der Kneipe die gut 500 Höhenmeter hinauf nach Ahornach, wo er wohnt, gelaufen und wieder runter. Dann sei er nüchtern gewesen.
Vor allem in den Tälern
Christian, der andere Wanderführer, der die ganzen 36 Stunden mit dabei war, spielt auf dem Akkordeon: Dem Land Tirol die Treue. Danach erzählt er von Hans. Wie er mal den Führerschein verloren hat und die Carabinieri, die ihn kontrollierten, anherrschte, ob sie nicht so viel Anstand im Leib hätten und sich mit ihm auf Deutsch unterhalten könnten. Mit Hans habe er schon einiges erlebt, sagt Christian. Auf den Bergen?, fragt einer. Vor allem in den Tälern.
Bildmaterial: FAZ.NET, Tobias Schmitt