Cayetano Rivera Ordóñez

Geburt eines Matadors

Von Leo Wieland, Ronda

Neuer Meister einer alten Tradition: Cayetano Rivera Ordóñez

Neuer Meister einer alten Tradition: Cayetano Rivera Ordóñez

17. September 2006 Ronda ist ein magischer Ort mit magischen Namen: Pedro Romero, Antonio Ordóñez (das sind die Stierkämpfer), Rainer Maria Rilke, Ernest Hemingway, Orson Welles (das sind die „aficionados“ des Stierkampfs). In der andalusischen Bergstadt hoch über der Tajoschlucht sind sie präsent von der rührenden Verehrung bis zur ungeschlachten Ausbeutung. Der Dichter blickt als Statue von einer Hotelterrasse auf die Sierra und muß zugleich als unfreiwilliger Werber für lokale Immobilien herhalten.

Der Schriftsteller erlebte hier vor Agonie und Selbstmord noch einen „gefährlichen Sommer“ mit seinem Freund Antonio und dessen Rivalen Luis Miguel Dominguín. Das Grab des Regisseurs und Schauspielers Welles, nach dem in der Stadt ein Paseo mit bester Aussicht auf den Sonnenuntergang benannt ist, liegt etwas außerhalb auf dem Landsitz der Familie Ordóñez. Die Asche von Antonio wiederum ruht in der Arena, und hier beginnt unsere Geschichte.

Ronda besitzt die womöglich älteste und sicherlich schönste neoklassische Stierkampfarena Spaniens. Hier stiegen gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Toreros vom Pferd. Hier begründete Pedro Romero, lange bevor Hemingway seinen Matador in dem Roman „Fiesta“ auch so nannte, die Regeln des modernen Stierkampfes. Mensch und Tier begegneten sich fortan zu Fuß und „auf Augenhöhe“. Der Torero als Profi verdrängte bald die berittenen adligen „señoritos“ mit der Lanze in einem neuen, mutigeren und riskanteren Ritual. Als im Jahr 1954 Romeros zweihundertster Geburtstag zu feiern war, tat dies der damalige Platzhirsch der Zunft, Antonios Vater Cayetano Ordóñez, indem er einen älteren Einfall verwirklichte: La Corrida Goyesca.

Sprosse einer legendären Dynastie

Der Begriff Kostümfest wäre ungerecht, aber nicht ganz falsch. Denn seit jenem Jahr präsentiert Ronda seine September-Stierkämpfe in den zeitgenössischen Trachten des Malers Francisco de Goya, so wie dieser damals mit Stift und Pinsel auch Pedro Romero festgehalten hat. Sogar die Helfer, die Pferdeäpfel einsammeln, tragen die Kleider von damals. Bei den „damas goyescas“, die mit ihren Mantillas, Kämmen und Puffärmeln zum Auftakt mit Kutschen in die Arena gefahren werden, sind sie eine besondere Augenweide.

In diesem Jahr sind die Damen eine erlesene Dekoration für ein elektrisierendes Ereignis. Die Brüder Francisco und Cayetano Rivera Ordóñez geben sich mit einem „mano a mano“ die Ehre. Francisco, mit 31 Jahren der Ältere und seit seiner Premiere als Siebzehnjähriger in Ronda ein erfahrener Torero, organisiert für den zwei Jahre jüngeren Cayetano die Meisterprüfung. Die „alternativa“, bei welcher der Ältere als eine Art Doktorvater wider die üblichen Regeln dem Jüngeren beim ersten Stier den Vortritt läßt, markiert bei diesem den Übergang von einem „novillero“ zu einem vollwertigen „matador de toros“.

Die ungleichen Brüder, der Frühreife und der Spätberufene, hätten nicht mehr nationales Aufsehen erregen können, sind sie doch Sprosse einer legendären Dynastie: Urenkel, Enkel und Söhne der besten Toreros des Landes. Der Urgroßvater und der Großvater mütterlicherseits hießen Ordóñez. Ihr Vater Francisco Rivera (“Paquirri“) verlor sein Leben in der Arena, als sie noch Kinder waren. Die Mutter wiederum war eine Tochter von Dominguín.

Die langsame Eleganz der Vorbilder

Wenn der Stierkampf in Spanien in einer Krise ist, dann ist es eine teure Krise. Für Eintrittskarten zu Cayetanos Debüt werden beim Wiederverkauf bis zu 2000 Euro verlangt und bezahlt. Es bringt schließlich außer den Toreros und Stierzüchtern auch den Hochadel, den falschen Adel, die Schickeria und die Geschäftstüchtigsten der Unterhaltungsindustrie zusammen. Die Faszination des neuerdings auch in Spanien von Tier- und Umweltschützern schärfer kritisierten „Blutsports“ - in den Zeitungen als Schauspiel im Kulturteil abgehandelt - reicht in alle Segmente der iberischen Gesellschaft. So fehlen zwar Vertreter des Königshauses, die dem halbseidenen Teil der Reichen und Schönen aus dem nahen Marbella gern aus dem Weg gehen. Aber mehrere sozialistische Kabinettsmitglieder aus Madrid zeigen keine Berührungsängste. Außenminister Miguel Angel Moratinos bringt sogar in völkerverbindender Absicht den amerikanischen Botschafter mit.

Während Cayetano sich im türkisfarbenen Lichteranzug mit Francisco (in Malve) mißt, nimmt auch das fächelnde Publikum auf den Rängen auf seine Weise Maß. Es sieht zwei kontrastreiche Persönlichkeiten, Stilrichtungen und Entrepreneurs. Francisco, der blendend aussieht, ein Tom Cruise des Gewerbes, ist nicht nur Mentor des Jüngeren, sondern auch der dynamische Hausherr in der Arena. Er ist der Hauptmieter und bestimmt, was in Ronda geschieht, bis hin zur Auswahl der Pressefotografen.

Schweigsam, dunkeläugig brütend, aber nicht minder gutaussehend, gibt Cayetano mit der langsamen Eleganz der klassischen Vorbilder das Gegenbild ab. Dieser Torero entschied sich erst mit 26 Jahren gegen den Widerstand von Bruder und Clan, daß er einer werden wolle. Ihm haftete bis dahin keinerlei Stallgeruch an. Er hatte vielmehr die Schulzeit auf einem exklusiven Schweizer Internat verbracht und sich nach dem Militärdienst auf einer Filmschule in Los Angeles umgetan. Er war Produzent von Dokumentarfilmen, darunter einem über seinen Vater Paquirri, als er den unerwarteten Karrieresprung machte.

Sieben abgeschnittene Stierohren

Seitdem sind drei Jahre vergangen, in denen er als Jungmatador mehr als hundert Stierkämpfe absolvierte, überall die Plazas füllte und etwa ein paar Millionen Euro (rund 25 000 pro Auftritt) verdiente. Nebenbei fungierte er als geduldiger Berater des Schauspielers Adrien Brody, dem Hauptdarsteller des demnächst in die Kinos kommenden Hollywood-Films „Manolete“. Daß sich während der Dreharbeiten keine Geringere als Penélope Cruz nicht in Brody, sondern in ihn verliebt habe, wird in Spanien nur zu gern geglaubt. Denn Cayetano, der sich nach kurzer Ehe von einem Fotomodell getrennt hat, ist ein ebenso begehrter Junggeselle wie Francisco, der einmal mit einer Tochter der Herzogin von Alba verheiratet war.

Der Nachmittag der „alternativa“ ist indes ganz Männersache, von der ersten brüderlichen Umarmung bis zu dem triumphalen Auszug auf breiten Schultern durch das Große Tor. Die markenbewußte Firma Rivera Ordóñez enttäuscht ihre Anhänger nicht. Sieben abgeschnittene Stierohren zeugen von gediegenem Handwerk und gehörig beeindruckten Schiedsrichtern auf dem Balkon. Auch die Kritiker schwelgen, mit Ausnahme einiger mäkeliger Kenner in der Maestranza.

Wer nun aber mit einer fortdauernd knisternden einträglichen Rivalität des Duos in der Arena rechnet, mag enttäuscht werden. Francisco, so munkelt man in Ronda, könnte sich schon für die nächste Saison als Torero verabschieden und sich, statt sein Leben aufs Spiel zu setzen, auf das Stierkampfmanagement konzentrieren. Cayetano, den die frische Aura und die Lust an den Mutproben umgibt, läßt dennoch wissen, daß er die Sache mit Degen und Muleta nicht zehn Jahre lang machen werde.

Es nagt an der Tradition

Wahrscheinlich wird der Stierkampf mit seinen archaischen Wurzeln in der Brot-und-Spiele-Historie die modernen Zeiten in Spanien langfristig überstehen - ausgemacht ist es aber nicht. Noch verdient zum Beispiel der höchstbezahlte Torero El Juli mehr als sieben Millionen Euro im Jahr. Auch das Argument der interessierten Züchter, wonach es ohne Stierkampf schon längst keine kostbaren Kampfstiere mehr gäbe, ist nicht von der Hand zu weisen.

Aber dreißig demokratische Jahre nach der Franco-Diktatur nagt es von verschiedenen Seiten an der Tradition. Es sind nicht die baskischen Nationalisten (sie zählen zu den leidenschaftlichsten Liebhabern der Corrida), die dem Spektakel den Garaus machen wollen, sondern eher die katalanischen, die ihre „Nation“ entwöhnen und die Arenen weniger aus Tierliebe als aus innenpolitischem Kalkül schließen möchten.

In Barcelona zum Beispiel mußten sich unlängst sogar die verfeindeten Sozialisten und Konservativen gemeinsam eines Verbotsantrags der radikalen „Katalanisten“ erwehren. Willkommen war ihnen, daß ausgerechnet ein renommierter liberaler Theatermann zu Hilfe eilte. Albert Boadella, der Dramatiker, Regisseur und Direktor von „Els Joglars“, bekannte sich als „aficionado“ und sagte voraus, daß die Fiesta der Stiere „überleben wird, und sei es im Untergrund“. Dann fügte er noch hinzu: „Der Stierkampf ist wie die Messe. Es ist ein Ritual. Jedes inspiriert uns auf unterschiedliche Weise. Mit dem Zirkus hat das gar nichts zu tun, weil ich, wenigstens bis heute, noch keinen Stierbändiger kennengelernt habe.“

Text: F.A.Z., 18.09.2006, Nr. 217 / Seite 9
Bildmaterial: AFP, picture-alliance/ dpa, REUTERS

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