Dianas Sekretär im Interview

„Sie ist immer noch der Maßstab“

Die Windsors an Prinz Williams Konfirmationstag

Die Windsors an Prinz Williams Konfirmationstag

11. Januar 2007 Die Festsaison wirkt nach - London ist in diesen Tagen ungewöhnlich ruhig. Selbst die Halle des Hotels „One Aldwych“ ist leerer als sonst, wenn sich hier diskrete Headhunter mit ihren Kandidaten treffen. Patrick Jephson - eleganter Dreiteiler, angegraute Schläfen, Hermès-Krawatte - ist inzwischen etwas fülliger als zu jenen turbulenten Zeiten, als er noch Privatsekretär von Prinzessin Diana war.

Er kommt direkt von einem Fernsehauftritt bei CBS, und aus seiner Tasche zieht er die aktuelle Ausgabe des „Spectator“ - die Titelgeschichte über „die nächste Prinzessin des Volkes“ stammt aus seiner Feder. Gesuchter Gesprächspartner ist Jephson in diesen Tagen vor allem, weil „The Queen“ (Siehe: ), der Film von Stephen Frears, am 11. Januar anläuft und man wissen möchte, was der Insider und ehemalige Palast-Beamte davon hält. Geht es so zu im Buckingham-Palast? Sind Höflinge derartig devot? Trägt die Queen einen rosa Morgenmantel? Aber erst einmal stellt Jephson die Frage, ob wir schon zu Mittag gegessen hätten. Und greift selbst zur Speisekarte...

Mr. Jephson, Sie nehmen den Heilbutt als Hauptgericht? Dann trinken Sie bestimmt Weißwein dazu. Vielleicht einen Riesling?

Der ehemalige Höfling Jephson ist längst ins zivile Leben zurückgekehrt

Der ehemalige Höfling Jephson ist längst ins zivile Leben zurückgekehrt

Nein, ich fürchte, der Riesling ist mir zu lieblich. Wissen Sie, was Diana sagte, als Charles aus Kensington Palace auszog? „Oh prima, Patrick“, sagte sie, „jetzt werden wir endlich den deutschen Weißwein los.“ Im Buckingham Palast wird ausschließlich Weißwein aus Deutschland getrunken.

Der wird dann ja wohl auch ausgeschenkt, wenn der Regisseur Stephen Frears mit seinem Team bei der Queen zum Lunch eingeladen ist.

Ja, sie hat seinen Film „The Queen“ offenbar gesehen, und er muss ihr gefallen haben.

Vielleicht bietet sie Stephen Frears an, in Zukunft als PR-Manager für die Windsors zu arbeiten?

Das braucht sie ihm gar nicht anzubieten - er hat den Job schon erledigt. Die Arbeit mit diesem Thema hat aus ihm wohl weniger einen Monarchisten gemacht als einen Verehrer der Queen.

Stephen Frears hat also eine Art Doku-Fiktion gedreht über die Woche nach Prinzessin Dianas Tod - und darüber, wie schwer es der königlichen Familie fiel, auf die öffentliche Trauer zu reagieren. Hat sich das tatsächlich so abgespielt?

Es heißt ja, wenn du die Wahrheit berichten willst, schreibe fiktiv. Der Film ist sehr nahe dran an der Wirklichkeit. Sicher, der Garten des Buckingham Palasts sieht anders aus und die Einrichtung von Schloss Balmoral auch - aber das ist völlig nebensächlich. Denn die Kräfte, die da aufeinanderprallen, die Dynamik der Ereignisse, die Grundsatzfragen - das ist alles echt.

Wie bringt man der Königin als Berater bei, dass sie falsch liegt oder unrecht hat?

Einer der größten Fehler, den Mitglieder des Königshauses machen können, ist, sich mit Leuten zu umgeben, die ihnen Unfehlbarkeit attestieren. Das ist eine ständige Versuchung.

Im Film fragt sich Tony Blairs Mitarbeiter ja an einer Stelle fassungslos: „Wer berät diese königliche Familie eigentlich?“ Er hält sie alle für überfordert und inkompetent.

Da gibt es Szenen, in denen Robin Janvrin, der Privatsekretär der Queen, ihr übermittelt, was Blair ihr zu sagen hat. Die Regentin und der Premier leben offenbar auf zwei verschiedenen Planeten! Und Letzterer ist ein Neuling, ahnungslos in einer Angelegenheit, die auch verfassungsrechtlich ziemlich tricky war.

Was hatte Dianas Unfall denn mit der Verfassung zu tun?

Da es keine geschriebene Verfassung gibt, ist die britische Monarchie eine ziemlich pragmatische Angelegenheit. Die Queen herrscht, aber sie regiert eben nicht. Das heißt, sie erlässt Gesetze, die ihre Regierung ihr vorgibt.

Aber es ging ja nicht um Gesetze, sondern darum, dass sie sich solidarisch zeigen sollte mit der Trauer des Volkes.

Sicher. Und vor allem darum, dass die Autorität der Monarchie gefährdet war - aus Mangel an guter Beratung. Solange es Monarchien gibt, wird es auch Leute geben müssen, die sie der Außenwelt erläutern. Das klingt schrecklich pompös, aber darin bestand eben das Spannungsverhältnis zwischen den Trauernden auf der Straße in London, die vor dem Palast ihre Blumen ablegten, und der Königin da oben in ihrem schottischen Schloss.

Aber der Film kreist auch um die Frage, ob die Monarchin die Tradition bewahren muss oder ob sie sich zumindest ansatzweise dem Zeitgeist öffnen sollte.

Die Analogie ist falsch. Der Film gibt weder den Traditionalisten noch den Erneuerern recht. Er bricht allerdings sehr wohl eine Lanze für den Pragmatismus, und der ist schon immer eine große Tugend unserer Königsfamilie gewesen.

Letzten Endes hatte die Königin also keine Wahl, als der Bitte von Blair zu genügen, endlich eine offizielle Trauerzeremonie anzuordnen.

Von der Verfassung her gesehen hatte sie keine Wahl. Aber in einer konstitutionellen Monarchie wird es immer schwierig, wenn sich Politik und Privatleben überlappen. Am Ende gewinnt in unserem System immer der Pragmatismus die Oberhand. Und so, wie die Queen sich im Film unter ihren liegen gebliebenen Land Rover bückt, um zu gucken, was mit der Antriebswelle los ist, so beugt sie sich auch der Forderung, die an sie gestellt wird.

Als Familienoberhaupt hat sie aber die Augen davor verschlossen, dass die Ehe des Thronfolgers am Ende war ...

Es hat sehr wenige königliche Ehen gegeben, die perfekt waren. Vor allem kommt es darauf an, dass das Wohlwollen der Menschen nicht getäuscht wird. Und im Fall von Charles und Diana wurde es enttäuscht. Ich bin mir allerdings sicher, dass die Menschen auch Prinz William und seiner zukünftigen Braut dieses Wohlwollen entgegenbringen werden.

Sie sprechen von Kate Middleton?

Vielleicht wird sie es sein, vielleicht auch nicht. Ich glaube, dass sie es eher sein wird.

Und - wird sie den Job packen?

Im Augenblick verkauft sie Accessoires bei der Modekette Jigsaw. Das ist natürlich etwas anderes als die schwedische Kronprinzessin, die vier Sprachen spricht und ein Praktikum bei der UN absolviert hat. Oder auch die Frau des spanischen Thronfolgers, die Nachrichten im Fernsehen moderiert hat.

Hauptsache, Miss Middleton erinnert entfernt an Prinzessin Diana. Warum ist deren Magie selbst zehn Jahre nach ihrem Tod noch so präsent?

Für eine Monarchie sind zehn Jahre gar nichts. Das Interessante ist ja, dass Diana zu einer Art Maßstab geworden ist, an dem sich alle nachgeborenen Royals messen lassen müssen. Wenn Prinz William sich engagiert für Frühgeborene, heißt es gleich, das hat er von seiner Mutter. Wenn Prinz Harry sich um Aids-Opfer kümmert, sagt man, er trete in ihre Fußstapfen. Wenn Kate Middleton bei einer Parade gute Figur macht, sagt man, sie besitze Dianas Stilgefühl.

Das wird man im Hause Windsor nicht gern hören.

Charles und das Windsor-Establishment sind bemüht, Diana vergessen zu machen - aber das ändert nichts daran, dass Diana eine Lücke gefüllt hat, und in dieser Rolle konnte sie bisher niemand ersetzen.

Sie meinen, weil sie Zuwendung und Mitgefühl zeigte?

Diana hatte viele gute Eigenschaften. Ihre Performance war absolut perfekt. Sie hatte die Gabe, Menschen emotional aufzuschließen, und dafür ist die königliche Familie nicht gerade bekannt. Und in der Erinnerung werden ihre Gaben immer noch größer. Das ist vielleicht die Kompensation für Menschen, die jung sterben.

Warum hat die königliche Familie dieses Talent nicht stärker für die eigenen Zwecke eingesetzt und genutzt?

(lacht) Das habe ich mich in den acht Jahren, die ich für sie gearbeitet habe, auch oft gefragt. Ich glaube, es hatte damit zu tun, dass sie eine andere Art von Menschlichkeit repräsentierte, von Ungezwungenheit und Verletzbarkeit. Je mehr man von ihren Fehlern und Unzulänglichkeiten erfuhr, desto normaler oder populärer wurde sie - und das war bei ihr reiner Instinkt, keine Absicht. Weil das in der königlichen Familie völlig fremd war, erregte es auch Misstrauen, Ablehnung, vielleicht sogar Angst.

Sie haben die Auftritte und Engagements der Prinzessin organisiert. Worauf kam es dabei an?

Ganz bestimmt ging es ihr am besten, wenn sie arbeitete und sich engagierte. Ihre Popularität hat verschiedensten Hilfsorganisationen großen Nutzen gebracht. Egal, wohin sie ging - nahezu überall auf der Welt waren die Straßen voller Menschen, die Diana sehen wollten. Das kann nicht jedes Mitglied der königlichen Familie von sich behaupten. Und vielleicht war dies etwas, das ihnen Unbehagen bereitete. Für sie war das ein Grund, sie an den Rand zu drängen. Für mich hingegen war es eher ein Grund, sie ins Zentrum zu stellen.

Da wollte sie selbst doch immer stehen. Sie hat ziemlich raffiniert die Medien dafür benutzt.

Ich habe Diana nie als Heilige betrachtet. Aber sie besaß ein großes Potential, und als ihr Berater war es für mich sehr frustrierend, zu sehen, dass dieses Potential verschwendet wurde.

Sie war wohl nicht gerade das, was man ausgeglichen nennt.

Sie sah sich selbst als Opfer und wollte so wahrgenommen werden. Das machte mir den Job schließlich unmöglich. Gegen Ende meiner Zeit hoffte ich, Diana sei in der Lage, sich mit ihrer Schwiegerfamilie auszusöhnen. Das wäre eine sehr starke Geste gewesen. Dass sie selbst es vorzog, sich in dem berühmten Fernsehinterview nur als Opfer darzustellen, hat mich enttäuscht. Stellen Sie sich vor, sie hätte die Hand ausgestreckt und gesagt: Ich vergebe Charles, er ist schließlich der Vater meiner Kinder. Sie wäre für immer unangreifbar gewesen.

Es gab ja auch Stimmen, die von ihrer „borderline personality“ sprachen.

Die Autorin Penny Junor, die diese Diagnose in die Öffentlichkeit getragen hat, wurde angeblich durch Berater von Prinz Charles gebrieft - und zwar kurz nach dem Tod von Prinzessin Diana, um die Erinnerung an sie zu trüben.

Ein Beispiel dafür, dass nicht nur Diana die Medien manipulierte.

Es heißt immer, das Problem der Royals seien die Medien. Ich habe denen nichts vorzuwerfen. Reporter und Journalisten wurden und werden eingeladen, zu kooperieren, königliche PR-Initiativen zu unterstützen. Aber die Medien lassen sich nicht auf- oder zudrehen wie ein Wasserhahn. Diana hat das auf schmerzliche Weise erfahren müssen. Charles hat es bis heute nicht begriffen. Und wenn William und Kate diese Lektion nicht lernen, wird es schwierig für sie.

Und wie haben Sie sich damals verhalten, wenn unbequeme Fragen gestellt wurden?

Ich selbst habe etliche Jahre lang geleugnet, dass es Schwierigkeiten gab zwischen Charles und Diana. Ich wusste, dass das nicht stimmte, die Presse wusste es, und Charles und Diana wussten es auch. Lustig, was? Also, wie könnte man heute Journalisten vorwerfen, unbequeme Fragen zu stellen?

Sollte man über das Königshaus einfach gar nicht mehr berichten?

Heute können Sie keine aktuellen Berichte über die Windsors lesen, ohne sich zu fragen, welcher Informant dahintersteckt, warum er informiert hat und wem es nützt.

Wie lange haben Sie eigentlich gebraucht, um nach dem Palast-Job in einen normalen Alltag zurückzukehren?

(lacht) Ich lasse Sie wissen, wenn es so weit ist. Nein, im Ernst: Natürlich verändert ein solcher Job den Menschen. Mir hat geholfen, dass ich in Irland aufgewachsen bin. Aber jeder Berater des Königshauses, der sich bezahlen lässt, hat seine Aufgabe verfehlt, wenn er völlig abhebt.

Die Fragen stellte Anna v. Münchhausen



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.01.2007, Nr. 1 / Seite 47
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa

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