10. Juli 2006 Die Geburt von Louise Brown war eine medizinische Sensation. Die kleine Engländerin, die am 25. Juli 1978 im Royal Hospital der englischen Kleinstadt Oldham per Kaiserschnitt auf die Welt kam, 49 Zentimeter groß, 2600 Gramm schwer, ging als erstes Retortenbaby in die Medizingeschichte ein. Dagegen dürfte eine Geburt, die sich vermutlich im Januar 2007 zutragen wird, fast zur Normalität werden: Louise Brown ist selbst schwanger.
Die heute 27 Jahre alte Frau und ihr Ehemann Wesley Mullinder (36) fanden die gleichen Worte wie Millionen andere Paare, die erfahren haben, daß sie Nachwuchs bekommen. Damit wird für uns beide ein Traum wahr, sagte Louise Brown, die nach einigen Jahren bei der Post heute als Kinderschwester arbeitet, der Zeitung Daily Express. Ihr Mann ergänzte: Louise wird eine fantastische Mutter sein. Wir sind überlegen schon, wie das Haus kindertauglich gemacht werden kann.
Keine künstliche Befruchtung notwendig
Das Paar hatte schon bei der Hochzeit im September 2004 verkündet, daß es Nachwuchs haben will. Wir hätten gern eines Tages Kinder, und hoffentlich sind wir dann nicht auf künstliche Befruchtung angewiesen, sagte damals die Braut. Wenn man der britischen Boulevardpresse glauben darf, wurde der Wunsch erfüllt. Das Kind soll auf natürlichem Wege gezeugt worden sein.
Den Eltern von Louise Brown hatten nicht so viel Glück. Der Eisenbahn-Ingenieur John Brown (damals 38) und seine Ehefrau Lesley (32) versuchten neun Jahre lang vergebens, ein Kind zu bekommen. Erst mit Hilfe des Fortpflanzungsmediziners Robert Edwards und des Gynäkologen Patrick Steptoe hatten sie Erfolg. Den beiden gelang es 1977, Samen- und Eizelle außerhalb des Mutterleibs im Labor miteinander zu verschmelzen. Louise war das erste Kind, das durch diese sogenannte In-vitro-Fertilisation (IVF) entstand.
Retortenbabys keine Ausnahme mehr
Anfangs meinten viele Wissenschaftler, künstliche Befruchtung werde eine Ausnahme bleiben. Dies war jedoch ein Irrtum: In vielen Ländern ist die Methode fast zur Routine geworden. Inzwischen wurden auf der ganzen Welt mehr als drei Millionen Mädchen und Jungen auf künstlichem Wege gezeugt. Nach Schätzungen, die jüngst beim Weltkongreß der Fortpflanzungsmediziner in Prag veröffentlicht wurden, kommen in jedem Jahr fast 200.000 Kinder hinzu.
Das erste deutsche Retortenbaby kam 1982 in Erlangen zur Welt. 2003 wurden in Deutschland schon 17.600 durch assistierte Fortpflanzung gezeugte Kinder geboren. 2004, nach einer Änderung der Zuzahlungspraxis für gesetzlich Versicherte, waren es noch 9800. Heute müssen deutsche Paare die Kosten der rund 3200 Euro teuren Behandlung zur Hälfte selbst zahlen.
Künstlich gezeugte Frauen können Kinder haben
Louise Brown ist nicht das erste ehemalige Retortenbaby, das schwanger wird. Ihre Schwester Natalie, die ebenfalls mit Hilfe der Fortpflanzungsmedizin gezeugt wurde, hat schon seit Mai 1999 eine Tochter. Das spricht gegen anfängliche Befürchtungen, daß Frauen, die im Labor gezeugt wurden, selbst keine gesunden Kinder haben können.
Für das weltweit erste Retortenbaby ist die eigene Herkunft fast schon zur Normalität geworden. Daran, daß ihr Name im Lexikon steht und bei Quiz-Sendungen abgefragt wird, hat sich Louise Brown längst gewöhnt. Früher hatte ich Albträume, warum ausgerechnet ich das erste Retortenbaby sein mußte, erinnert sie sich heute. Aber eines Tages bin ich aufgewacht und dachte: Warum eigentlich nicht?
Text: FAZ.NET mit Material von dpa
Bildmaterial: AP, dpa