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Günter Grass enthüllt

„Ich war Mitglied der Waffen-SS“

In einem Interview mit der F.A.Z. gibt Günter Grass zu, daß er Mitglied der Waffen-SS war. Bislang hieß es in den Biographien des 1927 geborenen Schriftstellers, er sei 1944 als Flakhelfer eingezogen worden und habe dann als Soldat gedient. Einundsechzig Jahre nach Kriegsende sagt Grass: „Es mußte raus.“

Typischer Vertreter seiner Generation: Günter GrassTypischer Vertreter seiner Generation: Günter Grass
11. August 2006 

Günter Grass hat zugegeben, daß er Mitglied der Waffen-SS war. Unter dem Titel „Beim Häuten der Zwiebel“ erscheint im September ein Erinnerungsbuch, in dem der Literaturnobelpreisträger seine Kindheit in Danzig, Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft sowie seine Anfänge als Künstler im Nachkriegsdeutschland schildert. In einem Gespräch mit der F.A.Z. erläutert Grass, warum er einundsechzig Jahre nach Kriegsende sein Schweigen bricht: „Es mußte raus.“ (Siehe auch: Günter Grass im Interview: Warum ich mein Schweigen breche)

Bislang hieß es in den Biographien des 1927 geborenen Schriftstellers, dessen Roman „Die Blechtrommel“ von 1959 ein Schlüsseltext der Vergangenheitsbewältigung ist, er sei 1944 als Flakhelfer eingezogen worden und habe dann als Soldat gedient. Grass gibt nun an, er habe sich freiwillig zur U-Boot-Truppe gemeldet, die aber niemanden mehr genommen habe. So sei er nach Dresden zur Waffen-SS einberufen worden. Als Motiv seiner Meldung nennt er den Wunsch, der Enge des Elternhauses zu entkommen.

Das Antibürgerliche des Nationalsozialismus

Günter Grass im Gespräch mit Frank Schirrmacher und Hubert SpiegelGünter Grass im Gespräch mit Frank Schirrmacher und Hubert Spiegel

Grass stellt sich weiterhin als typischen Vertreter seiner Generation dar: Das Antibürgerliche am Nationalsozialismus sei entscheidend für die Mobilisierung seiner Generation gewesen. Von der Waffen-SS will er gewußt haben, daß sie als Eliteeinheit galt, in der es hohe Verluste gab. Auf die symbolische Bedeutung der SS-Abzeichen sei er erst aufmerksam geworden, als seine Division aufgerieben war und sein Vorgesetzter ihm befahl, die Uniform zu wechseln.

Die Waffen-SS war kein Teil der Wehrmacht, sondern umfaßte unter dem Kommando von Heinrich Himmler, dem „Reichsführer“ der SS, die „bewaffneten Einheiten der SS und Polizei“. Sie ging aus einer für den persönlichen Schutz Hitlers bestimmten „Verfügungstruppe“ hervor und wuchs zu einer zuletzt mehr als 900.000 Mann umfassenden Nebenarmee heran, deren Divisionen taktisch in die Wehrmacht eingeordnet waren. Die Expansion ging mit der Aufgabe des Freiwilligkeitsprinzips einher.

„Hitlers politische Soldaten“

Wie der Historiker Bernd Wegner in seinem Standardwerk „Hitlers politische Soldaten“ darlegt, wurde die zwangsweise Aushebung seit 1942 zum Normalfall. Nach dem 20. Juli 1944 erging der Befehl Himmlers, daß alle Freiwilligen unabhängig von ihrer SS-Eignung einzustellen waren. Von den Rekruten des Geburtsjahrgang 1928 wurden der Waffen-SS 95.000 Mann zugeteilt, was einen Anteil von 17,3 Prozent ergibt.

In der Geschichtspolitik der Bundesrepublik ist mit der Waffen-SS die Chiffre Bitburg verbunden: 1985 gedachten Bundeskanzler Kohl und der amerikanische Präsident Reagan der Kriegstoten auf dem Soldatenfriedhof des Eifel-Städtchens, auf dem auch neunundvierzig Angehörige der Waffen-SS bestattet sind.

Text: pba./F.A.Z. vom 12. August 2006
Bildmaterial: Helmut Fricke, picture-alliance / dpa/dpaweb

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