Frankreich

Kandidatenkür im Bikini

Von Sascha Lehnartz

Ségolène Royal im Magazin Closer (ganz rechts)

Ségolène Royal im Magazin Closer (ganz rechts)

14. August 2006 Ein türkisfarbener Trend-Bikini verzückt derzeit die Franzosen. Und möglicherweise entscheidet das Kleidungsstück die Präsidentschaftswahl im kommenden Frühjahr. Im Herbst dieses Jahres werden die Parteien in Frankreich ihre Kandidaten nominieren. „Investiture“ nennt man diesen Vorgang auf französisch. Wörtlich bedeutet das „Einkleidung“. Zur Zeit sieht es so aus, als könne man die Anwartschaft auf die Nachfolge des noch von Jacques Chirac bekleideten Amtes am besten im Bikini untermauern.

Jedenfalls, wenn man eine Figur hat wie Segolene Royal. Die 52 Jahre alte Abgeordnete des Departements Deux-Sevres, ehemalige Umwelt- sowie Familienministerin und Mutter von vier Kindern, macht sich Hoffnungen, für die Sozialisten ins Rennen zu gehen. Derzeit liegt sie in allen Umfragen vorn. Diese Position dürfte sie gefestigt haben, indem sie ihren straffen Körper am 1. August in besagtem türkisfarbenem Zweiteiler an der Cote d'Azur bräunte und dabei prompt von einem Fotografen erwischt wurde.

Mit Bikini im Closer

In der vergangenen Woche zierte dieses Foto das Cover des People-Magazins „Closer“. Neben Frau Royal sah man auf dem Titel unter der Überschrift „50 Stars am Strand“ die Moderatorin Claire Chazal (ohne Bikinioberteil), die wuchtbrummende Rapperin Diam's (im schwarzen Bikini) und den „Desperate Housewives“-Star Eva Longoria (bei Wasserspielen mit dem Basketballer Tony Parker). Im Heftinnern folgt eine Doppelseite, die Segolene Royal beim Herumplanschen mit einem Schaumstoffschlauch und mit ihrem Lebensgefährten Francois Hollande zeigt. Hollande ist Vorsitzender der sozialistischen Partei. Pikanterweise hegt er selbst Ambitionen auf das Präsidentenamt, liegt aber in allen Umfragen klar hinter der Frau zurück, mit der er seit ihrer gemeinsamen Studienzeit zusammenlebt. 1980 schlossen beide die Ecole Nationale d'Administration ab.

Segolene Royal und Francois Hollande ließen durch einen Freund der Familie verlauten, sie seien über die Paparazzi-Fotos nicht erfreut - aber das nahm ihnen niemand so recht ab. Es muß sogar bezweifelt werden, ob es sich überhaupt um Paparazzi-Fotos handelt. Denn die Bilder sind derart vorteilhaft, daß der Verdacht naheliegt, sie seien bestellt. Und das Editorial der „Closer“-Chefredakteurin Laurence Pieau liest sich, als wolle sich die Journalistin um eine Stelle als PR-Agentin bei Segolene Royal bewerben: Es gebe jene, die sich an der Cote d'Azur an privaten Stränden und auf Yachten vor St-Tropez vergnügten, dichtet Laurence Pieau, doch so eine sei Segolene Royal nicht. Bescheiden sonne sie sich an einem öffentlichen Strand und fahre mit der Familie Schlauchboot. Auch treibe sie Wassergymnastik, wie jede andere Frau, die sich um ihre Figur sorge. Und diese Figur, stellt Frau Pieau anerkennend fest, sei makellos. Kaum zu glauben, daß die Kandidatenkandidatin bald 53 Jahre alt werde.

„Sexieste Frau der Welt“

Im Text zur Fotostrecke mutmaßt der Autor Stephane Laurens, es seien wohl ihre aquagymnastischen Übungen, die dazu geführt hätten, daß das Männermagazin „FHM“ Segolene Royal zur „sexiesten Frau der Welt“ gewählt habe. Zwar stimmt das nicht ganz - obwohl Mme. Royal sogar Laetitia Casta (Platz 47) und Sophie Marceau (Platz 66) hinter sich ließ, wurde sie bei dieser Wahl nur sechste, es gewann das Wonderbra-Model Adriana Karembeu. Vermutlich stören Fakten die Leser von „Closer“ aber ebensowenig wie die Redakteure. Der Strandbericht ist jedenfalls ein Musterbeispiel jenes Trends, den man in Frankreich unter dem Schlagwort „peopolisation“ diskutiert.

Auf gut deutsch ist damit die Boulevardisierung der Politik gemeint, die angetrieben wird durch die wachsende Neigung von Politikern aller Parteien, sich in den Medien statt mit politischen Positionen vor allem von ihrer vorgeblich menschlichen Seite zu zeigen. Segolene Royal hat es da inzwischen zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Kritiker, auch solche aus der eigenen Partei, werfen ihr seit längerem vor, sie habe kein erkennbares Programm. Das Publikum scheint das nicht zu stören, denn während sie nichts vertritt, sieht sie wenigstens gut aus und kommt sympathisch rüber.

Sarkozy machte schlechte Erfahrung

So gelang es ihr auch, zumindest in den Umfragen einen Kontrahenten zu überflügeln, der selbst lange als Meister der „peopolisation“ galt - Nicolas Sarkozy, den konservativen Innenminister und Vorsitzenden der Union pour un Mouvement Populaire (UMP). Jahrelang inszenierte Sarkozy sich mit seiner Frau Cecilia, die ihn um einen Kopf überragt und ihn politisch beriet, als dynamisches Power-Paar. Im vergangenen Sommer geriet die Ehe jedoch in die Krise. Das Paar trennte sich, und „Paris Match“ veröffentlichte auf der Titelseite Fotos, die Cecilia Sarkozy an der Seite von Richard Attias zeigten. Das war nicht ohne Ironie, denn der Werber Attias hatte Sarkozy zuvor bei Kampagnen beraten. „Paris Match“ verkaufte von dieser Ausgabe 900.000 Exemplare, normalerweise sind es 720.000. Sarkozy beklagte sich daraufhin bei seinem Bekannten Arnaud Lagardere, dem Chef des Konzerns, der die Illustrierte verlegt. Außerdem schwor er, sein Privatleben „nie wieder zu mediatisieren“.

Im Juni dieses Jahres trennte sich der Verlag als Folge der Affäre von seinem langjährigen Chefredakteur. Dabei hatte der soeben Fotos veröffentlicht, die Nicolas und Cecilia Sarkozy in Venedig zeigen. Inzwischen ist das Paar nämlich wieder versöhnt. Vor kurzem brach man gemeinsam zu einer eintägigen Dienstreise nach Französisch-Guyana auf. Der Trip bot dennoch reichlich Gelegenheit für Fotos vom Ehepaar Sarkozy in Gummistiefeln, im Helikopter und - ein Höhepunkt - zweisam paddelnd im Einbaum auf dem Fluß Maroni. Publizistisch war die Reise ein voller Erfolg, die französische „Gala“ titelte: „Sommer der Vergebung“. Kurz darauf sah man die Sarkozys gemeinsam in der Provence: Neben dem Sänger Johnny Hallyday war der Innenminister Trauzeuge bei der Hochzeit des Schauspielers Jean Reno mit dem Model Zofia Borucka. Das wäre ungefähr so, als erschienen Roland Koch und Udo Lindenberg als Trauzeugen bei der Hochzeit von Armin Mueller-Stahl. Kurze Zeit sah es so aus, als habe Sarkozy mit diesem Coup den Boulevard für sich zurückerobert. Dann schlug Segolene im Bikini zurück. Auf Sarkozys nächsten Konter im Boulevard-Duell „Sarko-Sego“ darf man gespannt sein.

Wenig hört man unterdessen von Dominique de Villepin, dem amtierenden Premierminister, der auch gern Präsident werden möchte und zu diesem Zweck „Paris Match“ schon mal die Nippesfigur des „Kleinen Prinzen“ auf seinem Schreibtisch zeigt, die ihm beim phantasievollen Regieren helfen soll. Bislang hat das wenig genützt. In den Umfragen ist er abgeschlagen. Der kitschanfällige Hobbypoet gilt als eitel und elitär. Für boulevardtaugliche Schlagzeilen sorgt derzeit allein seine Tochter Marie. Sie wirbt als Model demnächst für das Givenchy-Parfum „Ange ou Demon“. Ob das den Umfragewerten des Vaters einen Schub liefern wird, ist zweifelhaft. Vielleicht tröstet sich de Villepin mit der Statistik. Knapp ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl 1988 lag Raymond Barre in den Umfragen vorn, 1995 Edouard Balladur und 2002 Laurent Fabius. Keiner erreichte bei der Wahl die zweite Runde.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.08.2006, Nr. 32 / Seite 48
Bildmaterial: AFP, AP, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS

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