Prominenten-Karikaturen

Heilige Angelina

Von Florentine Fritzen

Das Baby von Jolie und Pitt mit üblen rezessiven Erbanlagen

Das Baby von Jolie und Pitt mit üblen rezessiven Erbanlagen

14. November 2006 Salvador Dalí hatte anderes zu tun, als Angelina Jolie zu malen. Er mußte zum Beispiel „Der Schlaf“ malen, Öl auf Leinwand, 1937. Dalís Schlaf ist mehr Kopf als Körper und schwebt schwer über der Wüste. Metallstäbe im Sand stützen ihn ab. Der surrealistische Schlaf ist häßlich, hat brüchige Lippen, eine gekrümmte Nase, eine wulstige Stirn, verkrumpelte Ohren.

Hätte Dalí Gelegenheit gehabt, Angelina Jolie zu malen, wäre das Bild ebenfalls surreal geworden, aber schön. So jedenfalls sieht es die Künstlerin namens Fourteen aus San Francisco in ihrem Gemälde „If Dalí had painted Angelina Jolie“, Öl auf Brett, 2006, abrufbar im Internet unter galleryoftheabsurd.com. Die Hollywood-Schauspielerin - pralle Lippen, Stupsnase, glatte Stirn, Perlenohrring - schwebt schwer über der Wüste. Fourteen erläutert: „Ich habe Angelina Jolie in dieses Gemälde plaziert, weil sie größer ist als das Leben und mehrere Dalísche Gestelle braucht, um ihren Ruhm abzustützen.“ Fourteen liebt Dalí und nennt ihn „my darling“.

Keira Knightley in sechs Jahren noch knochiger

Das Original von Angelina in Öl kostet ein paar hundert Dollar, aber echte Liebhaber gehen einfach im Internet auf Fourteens Seite, lachen, tippen einen Kommentar - und klicken sich aufs nächste Bild. Vielleicht auf „If Lautrec had painted Keira Knightley“, eine handwerklich perfekte Imitation eines Pariser Jugendstil-Plakats im Stil Toulouse-Lautrecs, das einen Varieté-Abend ankündigt. Gegeben wird am utopischen 21. Dezember 2012 in der fiktiven Rue de Hollywood „La Squelette sur le Tapis Rouge“, „Das Gerippe auf dem roten Teppich“. In der Hauptrolle die Schauspielerin Keira Knightley, wie sie in sechs Jahren aussehen könnte: noch knochiger - und tief ausgeschnittenen Abendroben nach wie vor nicht abgeneigt.

Zwischen zehn- und dreißigtausend Nutzer besuchen die Gallery of the absurd am Tag. Die Seite ist eine Mischung aus digitaler Gemäldegalerie, Promi-Blog und Celebrity-Satire. Die Magersüchtigen von Malibu haben es Fourteen besonders angetan. In „If Schiele had painted Nicole Richie“ erscheint die eßgestörte Amerikanerin als Geschöpf des Wiener Sezessionisten Egon Schiele. „Clones of Bones“, „Knochenklone“, zeigt gleich drei Nicole Richies beim Joggen im Bikini. Die Zeichnung erinnert an einen Science-fiction-Buchdeckel im Vintage-Stil der Sechziger. In der Bildunterschrift berichtet Fourteen, hinter dem Cover gehe es um einen verrückten Wissenschaftler, der Nicole für seine makabre Kuriositätensammlung klone. Leider laufe das Experiment aus dem Ruder: Die Klone hören nicht auf, sich zu multiplizieren, und terrorisieren die Strände der Vereinigten Staaten.

„Ich liebe Prominente“

„If Lichtenstein had painted Britney Spears“ macht die Popsängerin zum „Crying Girl“ nach der Art Roy Lichtensteins und läßt sie mit tränenüberfluteten Augen fragen: „Warum hört Kevin nicht auf, mein Geld auszugeben?“ Es ist anzunehmen, daß Fourteen in den nächsten Tagen ein weiteres Britney-Bild auf ihre Seite stellt. Schließlich hat die Sängerin in dieser Woche die Konsequenz aus ihren Tränen gezogen und die Scheidung von Kevin Federline eingereicht. Das Gerede über Spears und den Vater ihrer beiden Kinder gilt es schleunigst zu verarbeiten. „Ich liebe Prominente“, sagt Fourteen, „wenn sie die Cartoon-Figuren ihrer selbst werden.“

Das Meisterwerk der virtuellen Galerie greift in Acryl und Gouache die Symbolik mittelalterlicher Tafelmalerei auf. „What if . . .“ fragt in der Bildsprache eines Heiligengemäldes, was denn wäre, hätten sich im Erbgut des Babys der Schauspieler nicht Angelina Jolies Schönheitsgene mit denen Brad Pitts getroffen, sondern die jeweils übelsten rezessiven Erbanlagen der beiden. Fourteens Antwort trägt die Heilige Angelina auf dem Arm: ein atavistisches kleines Monster.

David Beckham als Schmink-Püppchen

Eigentlich heißt Fourteen ja Erin. Das teilt die Frau aus San Francisco aber nur auf Nachfrage mit, denn ihre Glückszahl Vierzehn ist zugleich ihr Künstlername. Fourteen nennt sich, auch das ein bißchen kapriziös, „alterslos“ und behauptet von sich, die menschliche Spezies schon seit Jahrhunderten zu kennen. Sie arbeite wie eine Anthropologin: „Ich beobachte den Prominenten-Kult in unserer zeitgenössischen Popkultur und zeichne ihn auf.“

Sie wisse nicht, was sie dazu treibe, aber es mache Spaß. In ihre Satire speise sie alles ein, wovon sie gerade „besessen“ sei: Mythologie, Volksmärchen, Botanik, Kunstgeschichte. Manche Zeichnungen lassen an die Kupferstich-Illustrationen der Enzyklopädien des achtzehnten Jahrhunderts denken, andere an den Aufdruck von Chipstüten aus dem Supermarktregal. Der englische Fußballspieler David Beckham erscheint als Schmink-Püppchen für kleine Mädchen, im rosa Set mit Puder und Parfüm: „Me So Pretty Beckham“.

Internet als Plattform für „Celebrity Gossip“

Fourteens Lieblings-Promi aber ist Tom Cruise. „Ich kann ihn nicht zeichnen, ohne hysterisch zu lachen.“ Die Künstlerin nennt sich den „Persönlichen Ego-Entlüfter“ des Hollywood-Schauspielers und macht ihn mal eben zum Teufelchen, das den Menschen mit geblecktem Gebiß einen Scientology-Vertrag anzudrehen versucht.

Zunächst, sagt Fourteen, habe sie ihre Kunst bloß deswegen online gestellt, weil sie sich mehr Aufträge erhofft habe. Schnell habe sie aber festgestellt, daß das Internet immer mehr zur wichtigsten Plattform für die Diskussion über „Celebrity Gossip“, also Promi-Tratsch wurde. Daher klinkte sie sich in den Diskurs ein, versah ihre Bilder mit satirischen Anmerkungen und gab ihrer Seite eine Kommentarfunktion, so daß sich die Nutzer fortan auch miteinander über die Absurdität der Prominentenkultur und des Prominentenkults austauschen konnten.

Satire über Hollywoods Körperkult

Ursprünglich gab sich die Autodidaktin, die schon als Kind gemalt und als Erwachsene bloß ein paar Zeichenkurse besucht hat, klassisch kulturkritisch. „Früher habe ich überall in San Francisco und in allen Städten, die ich besuchte, Poster aufgehängt“, erzählt sie. „Ich habe viele Anti-Wal-Mart- und Anti-McDonald's-Poster gemacht, um die Leute daran zu erinnern, den wild wuchernden Konsumismus zu vermeiden.“

Inzwischen ist ihre Kunst subtiler und weniger kämpferisch geworden - und zugleich auf fröhliche Weise wach und aufrecht geblieben. Die Frage, wie weit Satire gehen dürfe, beschäftige sie ständig, sagt Fourteen. „Ich greife auf, worüber die Leute diskutieren. Manches davon ist ziemlich gemein, und ich fühle mich nicht wohl dabei, es zu zeichnen.“ Es sei zum Beispiel so leicht, Witze übers Älterwerden zu reißen. Fourteen malt lieber Botox-Gesichter und Collagen-Körper als Prominente, die auf natürliche Weise altern. Wer gegen den „Hollywood-Standard der Perfektion“ aufstehe, sagt sie, verdiene Applaus. So hat diese Satire fast etwas Anständiges.

Im Internet: Gallery of the absurd



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.11.2006, Nr. 45 / Seite 60
Bildmaterial: Fourteen

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