Von Sascha Lehnartz
06. Januar 2008 Der Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich ist: Während ein deutscher Ministerpräsident mit komischer Föhnfrisur damit rechnen muss, dass er von seiner Frau für einen Porsche-Verkäufer mit der gleichen Frisur verlassen wird, lässt sich ein französischer Präsident mit ebensolcher Frisur von seiner Frau scheiden und kreuzt zwei Monate später in Disneyland mit einem Modell auf, das mal was mit Mick Jagger hatte. Und das aussieht wie seine geschiedene Frau, nur zwanzig Jahre jünger.
Auf den ersten Blick scheint Président de la République also ein attraktiverer Job zu sein als etwa Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Man kann Carla Bruni anbaggern und zwischen den Jahren im Privatjet eines Kumpels kostenlos zum Kurzurlaub nach Ägypten fliegen. Die Zeitschrift Paris Match - von ihrem Besitzer, dem Sarkozy-Freund Arnaud Lagardère, in eine offizielle Präsidenten-Bejubelungspostille umfunktioniert - freut sich derzeit in einem sechsseitigen Fotoroman mit dem frisch verknallten Paar: Die Verliebten vom Nil - Küsse, fröhliches Gelächter, zärtliche Gesten. Und auch die französische Gala ist entzückt: Wie zwei Jugendliche zeigen sie ihre Liebe in aller Einfachheit.
Tausend Dollar die Nacht
Der Einfachheit halber war das Paar samt Entourage in Luxor im Hotel Old Winter Palace abgestiegen, wo ein ordentliches Zimmer etwa tausend Dollar die Nacht kostet. Das Besuchsprogramm - Tempel von Luxor, Tal der Könige, Tal der Königinnen - hatte der ägyptische Kulturminister Farouk Hosni zusammengestellt, dessen Kandidatur für den Vorsitz der Unesco Sarkozy zufällig unterstützt. Vielleicht hat Hosni die ägyptischen Berichterstatter auch angeregt, Frau Bruni als Verlobte des Präsidenten zu bezeichnen, nachdem der ägyptische Abgeordnete Gamal Zahran kritisch nachgefragt hatte, ob der Präsident und seine Freundin eigentlich ein Zimmer teilten; ein muslimisches Land dürfe solch schlawinerhaftes Verhalten nicht dulden.
Nach zwei Tagen Power-Sightseeing entspannte das Paar in der Residenz des Scheichs von Abu Dhabi in Scharm al-Scheich. Dort hatte die ägyptische Polizei offenbar Weisung, die Fotografen nicht mehr gewähren zu lassen, sondern gleich zu vermöbeln. Kurz vor der Rückreise traf der Präsident noch zu einem kurzen Gespräch mit dem ägyptischen Staatschef Hosni Mubarak zusammen (Dumme Sache, das mit der Bhutto, à bientôt), um dem romantischen Ausflug einen politischen Anstrich zu verleihen.
Zurück im Alltag
Doch als Sarkozy am 30. Dezember wieder in Paris eintraf, hatte ihn der Alltag gleich wieder. Zu Hause nölten Vertreter der Opposition seit Tagen über den Circus Barnum im Land der Pharaonen. Der sozialistische Abgeordnete Arnaud Montebourg schimpfte, diese Präsidentschaft erinnere ihn an die Römer während der Dekadenz, und er frage sich, wie lange es dauere, bis die Eroberungen des Präsidenten der Regierung angehörten. Das Privatleben werde instrumentalisiert, um von politischen Misserfolgen abzulenken, in jedem Fall sei Frankreich durch das Verhalten des Präsidenten in der europäischen Presse der Lächerlichkeit preisgegeben.
Staatssekretär André Santini verteidigte seinen Chef daraufhin: Vielleicht seien manche Leute einfach eifersüchtig, wenn der Präsident seine neue Eroberung zeigt. Sarkozys Ausflug habe nur drei Tage gedauert und den Steuerzahler keinen Cent gekostet. Was nicht ganz stimmt, denn er war fünf Tage im Urlaub, und die Kostenfrage bleibt delikat. Wie schon im Mai nach seinem Wahlsieg ließ der Präsident den Urlaub nämlich von seinem Freund, dem Industriellen Vincent Bolloré, sponsern. Im Mai kreuzte Sarkozy mit Ex-Frau Cécilia in Bollorés Yacht vor Malta, jetzt flog er mit Carla in einer Falcon 900 des Industriellen nach Ägypten.
Beeinträchtigte Würde
Obwohl Sarko sich gerade das Gehalt um 172 Prozent auf 19.331 Euro erhöht habe, könne er sich offenbar keinen Urlaub leisten, höhnte daraufhin Julien Martin im Online-Nachrichtenportal Rue 89. Und die gescheiterte Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal befand, das Verhalten Sarkozys beeinträchtige die Unabhängigkeit und die Würde des Präsidentenamtes - während der Nouvel Observateur sie daran erinnerte, dass es um ihre eigene Unabhängigkeit nicht besser bestellt ist: Royals Wohnsitz in Paris wird von dem Unternehmer Pierre Bergé finanziert. Und Jacques Chirac wohnt in Paris wie eh und je auf Kosten der libanesischen Familie Hariri.
Sarkozys weihnachtliche PR-Offensive scheint jedenfalls nicht ganz aufgegangen zu sein. Die Fototermine im Schatten der Pyramiden sollten den Präsidenten zum Fest der Liebe als zärtelnden homme à femmes präsentieren, der die zwei Monate zurückliegende Trennung von seiner pflegeintensiven Gattin Cécilia an der Seite eines singenden Ex-Topmodels überwindet. Zurück im Élysée, wollte er dann wieder den homme d'action herauskehren und so den politischen Restmüll vergessen machen, den der zeltende Oberst Gaddafi (Menschenrechte? Hat Sarko gar nicht erwähnt.) im Élysée-Vorgarten hinterlassen hatte.
Seltsame Handbewegungen
Die traditionelle Silvesteransprache des Präsidenten der Republik sollte auf Drängen Sarkozys erstmals live übertragen werden. Das sollte dynamisch wirken, aber nach einer schwungvollen Kamerafahrt durch die Tore des Elyseépalasts sah man hinter einem wuchtigen Empire-Schreibtisch bloß einen Präsidenten, für den Stillsitzen eine solche Pein ist, dass er permanent seltsame Handbewegungen machen und das Gesicht verziehen musste (was ihn so erscheinen ließ, als leide er unter chronischem Sodbrennen). Kein Wunder, dass Angela Merkel zur Vorbereitung auf ein Treffen mit Sarkozy angeblich die Filme mit Louis de Funès anschaut. Der Präsident jedenfalls wünschte sich wolkig eine Politik der Zivilisation und versprach, Frankreich in eine neue Renaissance zu führen. Wie das gelingen soll, ließ er offen. Die Presse zeigte sich entsprechend wenig enthusiasmiert. Stattdessen fragen sich die Franzosen mehr und mehr, was für einen Charakter sie da eigentlich zum Präsidenten gewählt haben.
Der Kommentator Pierre Haski hält Sarkozy für eine dekomplexierte Persönlichkeit, die keinerlei Hemmungen hat, alles für seine Zwecke in Szene zu setzen - die Ankündigung grandioser Reformen ebenso wie sein Privatleben. Ob diese Einführung von Marketingmethoden in die Politik nur einen Stilwechsel oder aber einen tiefgreifenden Wandel der politischen Kultur bedeutetet, sei noch offen. Der Kommunikationswissenschaftler Arnaud Mercier wiederum stellt in einem Aufsatz fest, Sarkozy habe die französische Politik modernisiert, indem er die Boulevardisierung der Politik befördert habe. Mit dem Effekt, dass Boulevardmedien die Politiker eben auch behandeln wie ordinäre Popstars. Mercier nennt das die Monégasquisation der politischen Klasse, in der die Leser das Herzeleid des Präsidenten genauso interessiert wie jenes monegassischer Prinzessinnen.
Wie ein Neureicher
Für den Politologen Philippe Corcuff benimmt sich Sarkozy wie ein politischer und emotionaler Neureicher, der seine Eroberungen ähnlich schamlos präsentiert wie ein Rapper seinen Goldschmuck. Der Ökonom Jean Matouk schämt sich gar, französischer Staatsbürger zu sein, der im Ausland von Sarkozy repräsentiert werde. Dieser verwechsele nämlich permanent die zwei Körper des Königs, mit denen der Historiker Ernst Kantorowicz einst die öffentliche Funktion und die Person, die diese ausübt, unterschied. Jedes Staatswesen benötige aber an seiner Spitze eine gewisse Würde, so Matouk. Die bisherigen Präsidenten hätten dies stets verinnerlicht und ihren realen Körper so gut es ging hinter dem Staatskörper verborgen. Das sei auch der Grund, warum allerlei Gerüchte über das, was die Herren Giscard, Mitterrand und Chirac in ihren realen Körpern trieben, meist erst nach ihrer Amtszeit bestätigt worden seien.
Bei Sarkozy sei diese Trennung aufgehoben, das Volk erlebe den realen Körper direkt. Wann kommt der erste live übertragene Koitus?, fragt sich Matouk besorgt über einen Präsidenten, der die Zurschaustellung so weit treibt, dass die Politik beginnt, der Pornographie zu ähneln. Den zappeligen Téléprésident scheinen derlei Anwürfe jedoch bislang nicht zu bremsen. Sarkozy sei ein Mann, der gegen die Vergänglichkeit der Zeit ankämpfe, schrieb die Autorin Yasmina Reza, die ihn im Wahlkampf begleitete. Vielleicht produziert er deswegen pausenlos Bilder und beglückt den Boulevard mit seinem Na, wie war ich?-Charme.
Hochzeit im Juni?
Angeblich hat er die nächste große Inszenierung für Juni geplant: Gerüchten zufolge möchte der Präsident die Sängerin, die er am 17. November bei einem Abendessen kennenlernte, dann heiraten. Rechtzeitig vor ihrer nächsten Tournee - und dem Beginn der EU-Präsidentschaft Frankreichs am 1. Juli. Carla Bruni soll sich noch Bedenkzeit auserbeten haben. Vielleicht sollte auch der Präsident noch einmal in sich gehen und in der Zwischenzeit zur einschlägigen Literatur greifen. Die Pharaonin seines Herzens ist nämlich bisher nicht durch ein Talent für langfristige Bindungen aufgefallen. Zu den Männerherzen, welche diese mangeuese d'hommes verspeist haben soll, gehören die von Donald Trump, Mick Jagger, Eric Clapton und das des Verlegers Jean-Paul Enthoven - den sie für dessen Sohn, Raphaël Enthoven, verließ.
Eric Clapton, der von Bruni mit Mick Jagger betrogen wurde, widmet der neuen première dame wenig schmeichelhafte Passagen in seiner Autobiographie. Noch weniger gute Haare lässt Justine Lévy an ihrer einstigen Rivalin, über die sie 2004 den Schlüsselroman Rien de grave schrieb. Justine Lévy ist die Tochter des Philosophen Bernard-Henri Lévy - und die Ex-Frau von Raphaël Enthoven. Zu dieser Zeit war Carla Bruni noch mit dessen Vater Jean-Paul zusammen, bis sie Justine Lévy eben dessen Sohn ausspannte. Die Betrogene revanchierte sich, indem sie Bruni in ihrem Roman Paula nannte und als herzenskalte, gesichtsoperierte Männerfresserin mit Terminatorlächeln zeichnet, deren einziges Ziel es sei, zu zerstören, ein Maximum an Drama und Unglück zu schaffen. Die Terminator-Carla-Paula sagt Sätze wie: Ich brauche niemanden. Die Männer kastriere ich alle sofort. Wie sich so etwas außenpolitisch auswirken würde, ist schwer abzusehen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.01.2008, Nr. 1 / Seite 46
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS
